Film // A Star Is Born Drei Gründe warum der neue Film mit Lady Gaga gar nicht so gut ist, wie alle tun

Bradley Cooper hat einen Musikfilm mit Lady Gaga gemacht und die Kritiker sind verliebt. Aber die Schwärmerei für "A Star is Born" steht auf sehr wackeligen Füßen. Wir zücken den Rotstift!

Von: Jan Limpert

Stand: 04.10.2018

A Star Is Born - Szene aus dem Film | Bild: Warner Bros.

Zum Kinostart von "A Star is Born" überschlagen sich die Schlagzeilen im Netz. Man meint, es hätte nie einen großartigeren Film gegeben.

"Grandios inszeniertes und gespieltes Musiker-Drama […]." - Deutsche Film- und Medienbewertung
"Lady Gaga ist eine Country-Wucht, Bradley Coopers Film ein Popgesamtkunstwerk." - Musikexpress
"Lady Gaga ist auf Oscar-Kurs." - TV-Spielfilm

Nicht weniger grandios fallen die weiteren Bewertungen aus: Minimum Viereinhalb Sterne und 94% Empfehlungen auf der Filmbewertungsplattform Rotten Tomatoes. Ob die Kritik im Freudentaumel über Lady Gagas Entscheidung, ungeschminkt zu schauspielern oder in der Vorfreude auf Bradley Coopers heiß ersehntes Regiedebut erstickt ist, bleibt zweifelhaft. Viel wahrscheinlicher scheint, dass die Kritiker ihren Rotstift gegen eine rosarote Brille eingetauscht haben.

Wer schon mal verliebt war, weiß um die Effekte der rosaroten Brille Bescheid: Tunnelblick, die Endorphinausschüttung läuft auf Anschlag und schon dreht sich die Welt nur noch um two lovers. Die selbe Brille hat Bradley Cooper in seinem Regiedebut der gesamten Handlung von "A Star is Born" aufgesetzt, den Hormoncocktail mit einem gehörigen Schuss Whiskey aus der Minibar seines alkoholkranken Filmcharakters Jack geschwängert und mit einem fetten Sahne-Topping in Form eines mitreißenden Soundtracks garniert – das Ohr schaut schließlich mit.

Den Kritikern schmeckt, was Bradley Cooper filmisch serviert schon mal extrem gut. Wenn die sich da mal nicht von den verführerischen Oberflächlichkeiten des Films haben täuschen lassen. Denn Bradley Cooper arbeitet mit drei Zutaten, die wirklich jeden Film auf den ersten Blick als Meisterwerk erscheinen lassen.  

Grund 1: Romantik zieht immer! Ist aber leider nichts Neues.

Da kann auch die x-te Cinderella-Story an Egalheit nicht mehr zu übertreffen sein. Deshalb torkelt Country Star Jack nach einem seiner Auftritte in eine Travestie-Bar, um zufällig auf die bis dato noch erfolglose Sängerin Ally zu treffen. Die haut Jack natürlich nicht nur stimmlich aus den Latschen, weshalb sich beide auch instant ineinander verlieben, kurz darauf zusammen auf der Bühne stehen und Ally berühmt wird. Tutut! Aus dem Weg! Das Schicksal brettert über den Highway of Love heute mal auf der Überholspur!

Grund 2: Keine Zeit zum Nachdenken. Mit Vollgas in die Katastrophe!

Auch wenn die beiden Protagonisten tierisch auf’s Gaspedal treten und erstmal nicht die Augen (und Hände) voneinander lassen können, hat es auch die Handlung eilig. Die drängelt nach der ersten Stunde schon auf ein unausweichliches Ende hin. Denn während Ally immer berühmter wird, stürzt Jack immer tiefer in seine Alkoholsucht ab. Entzug, Rückfall, das ganz große Beziehungstheater. Trotzdem hofft man, dass Ally und Jack irgendwie doch noch die Kurve kriegen. Warum auch sonst sollte man zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch weiterschauen wollen? Dem Zuschauer müssen jedenfalls noch ganze 75 Minuten Handlung trotz gehöriger Plot-Schwächen irgendwie schmackhaft gemacht werden. Und wie macht Regisseur Bradley Cooper das? Nein, nicht mit ausgefuchsten Dialogen, überraschenden WTF-Momenten oder Special Effects - sondern mit Glutamat!

Grund 3: Alles nur musikalische Geschmacksverstärker.

Glutamat macht Essen lecker, auch wenn die restlichen Zutaten allein gar nicht so geil schmecken. Klappt auch im Film. So gesehen heißt der Geschmacksverstärker in "A Star is Born" nicht Glutamat, sondern Soundtrack. (Trifft sich ja gut, dass es sich um ein Musikdrama handelt, denn in jedem anderen Genre könnte der Soundtrack kein defizitäres Storytelling ausgleichen... doch wir schweifen ab). Der Soundtrack ist die Stärke des kompletten Streifens und ohne Zweifel richtig solide produziert – Ohrwurmgarantie inklusive. Dieses auch von Musikkritikern geprüfte Qualitätssiegel hat mehrere Ursachen.

Zum einen liefert Bradley Cooper selbst eine überraschend solide Gesangs-Performance ab. Man kauft ihm einfach den Country-Star absolut ab. Was dagegen zu erwarten war, sind Lady Gagas Gesangs-Skills. Die packt sie gekonnt und schonungslos aus. Dem Soundtrack tut das selbstverständlich gut, ihrer Rolle allerdings raubt es häufig die Authentizität. Denn remember: Gagas alter ego Ally ist ein musikalischer Underdog und kein routinierter Popstar. Aber wer möchte da schon groß herumkritisieren, Hauptsache die Mukke catcht! Und das tut sie aus einem entscheidenden Grund:

Neben Gaga war mit Lukas Nelson nicht nur ein richtiger Country-Musiker, sondern kein geringerer als der Sohn von Country-Star Willy Nelson am Songwriting beteiligt. Der prominente Sprössling brachte auch gleich seine eigene Band nicht nur mit ins Studio, sondern auch vor die Kamera. Wer also in "A Star is Born" Live-Performances von Jacks Band sieht, der schaut und hört in Wirklichkeit Lukas Nelson & Promise of the Real beim Performen zu.

Das (ernüchternde) Fazit

Bock auf einen guten Spielfilm mit Hammer Musik? Bei "A Star Is Born" könnt ihr leider nicht beides haben. Als Musikfilm ist er absolut sehenswert und Lady Gaga Fans werden den Saal sowieso stürmen. Wer aber auf ganz großes Kino hofft, sollte seine Investition spätestens in der Schlange vor der Kinokasse noch einmal gründlich überdenken.

Sendung: Filter, 04.10.2018 - ab 15 Uhr