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Die Frage Lohnt es sich, für Deutschland zu sterben?

43 deutsche Soldaten sind bislang in Afghanistan gefallen. Das Land wird immer instabiler. Selbst Verteidigungsminister zu Guttenberg spricht von Krieg. Unsere Frage lautet: "Lohnt es sich für Deutschland zu sterben?"

Von: Christine Auerbach

Stand: 26.04.2010 | Archiv

Die große Mehrheit der Deutschen lehnt den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ab. Aber bei der Trauerfeier für die drei am Karfreitag getöteten Soldaten sagte Verteidigungsminister zu Guttenberg, sie seien "für das Vaterland gestorben, sie sind für uns gestorben". Diese Wortwahl ist neu. In der Vergangenheit wurden gefallene Bundeswehr-Soldaten eher schweigsam beigesetzt.

Inzwischen kommt auch die Bundeskanzlerin zur Trauerfeier. Öffentliche Anerkennung bedeutet aber noch lange keine Unterstützung durch den Staat. Angehörige von Gefallenen klagen über mangelnde Hilfe von der Bundeswehr. Soldaten, die nach ihrem Einsatz an posttraumatischer Belastung leiden, werden oft nicht als berufsunfähig anerkannt.

Der Ex-Soldat mit dem Traum von den Paralympics

Traumatisiert ist Tino Käßner zum Glück nicht. Obwohl er als Soldat 2005 in Afghanistan in einen Anschlag geriet und seinen rechten Unterschenkel verlor. Es war sein dritter Einsatz in dem Land. Seine Frau Antje, früher ebenfalls Soldatin, erfuhr von dem Attentat, als sie ihre Mails checken wollte – es stand auf der Startseite ihres E-Mailanbieters. Bei dem Anschlag wurde noch ein weiterer Soldat schwer verletzt, einer starb.


Trotz allem sagen Antje und Tino: Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist wichtig. Vor allem Antje Käßner denkt oft an Freunde und Bekannte, die noch in Afghanistan im Einsatz sind. Soldaten, Veteranen und Angehörige bilden eine enge Gemeinschaft. Das ganze Interview mit Antje und Tino Käßner könnt ihr hier anhören.

Das Ehrenmal für die Gefallenen

Auch wenn die Bundeswehr-Community sich gegenseitig unterstützt – die deutsche Gesellschaft tut sich immer noch schwer mit der Solidarität mit ihren Soldaten. Nirgendwo zeigt sich das besser, als bei einem Besuch im Ehrenmal für die Gefallenen der Bundeswehr in Berlin. Das Gebäude war von Anfang an umstritten: Der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Jung ließ es schnell auf dem Gelände seines Ministeriums bauen und nicht am Bundestag – wo es für eine Parlamentsarmee passender gewesen wäre. Und auch nach den jüngsten tödlichen Anschlägen auf deutsche Soldaten taugt es nur wenigen Besuchern zur Trauer.



"Ich dachte hier könnten Leute eine Kerze anzünden. Aber das kommt mir vor wie eine Garage." Ein ehemaliger Soldat ist enttäuscht vom Ehrenmal – die ganze Reportage könnt ihr hier nachhören.

Der Anwalt der Soldaten

Wehrbeauftragter ist Reinhold Robbe zwar nur noch bis Mitte Mai, aber bis dahin ist er mehr Anwalt der Soldaten denn je. Einer seiner Hauptkritikpunkte an der Bundeswehr: Der Umgang mit Soldaten, die traumatisiert aus ihrem Einsatz zurückkommen.



Noch immer fehlt es an breiter Unterstützung für sie. Auch Politik und Gesellschaft nimmt er in die Pflicht. Wenn die Soldaten schon ihren Kopf hinhalten, dann brauchen sie Unterstützung aus der Heimat und keine Diskussionen darüber, ob sie sich nun in einem Krieg oder "nur" in einem Einsatz befinden.

Der Vordenker der "neuen Kriege"

Warum wir uns so schwer tun, die Soldaten zu unterstützen und Gefallene zu ehren, das hat Herfried Münkler analysiert. Der Politikwissenschaftler sagt, Opferbereitschaft ist in unserer Gesellschaft kein Wert mehr. Im Gegenteil, wir leben in "postheroischen Zeiten" – ohne Heldentum.

Das führt zu einem scheinbar unlösbaren Widerspruch: Deutschland führt wieder Krieg – aber wir wollen nicht, dass dabei Soldaten sterben. Münkler war einer der ersten, der auf diese paradoxe Situation hingewiesen hat in seinem Buch "Die neuen Kriege". Das macht den "Ein-Mann-Think-Tank" (Die Zeit) zum perfekten Gesprächspartner, um unsere Frage richtig zu durchdenken.

Auch zivile Helfer riskieren ihr Leben

Aber nicht nur Soldaten riskieren ihr Leben in Afghanistan. Allein in den vergangenen drei Jahren sind 65 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Afghanistan gestorben, 225 wurden entführt. Dabei ist die Situation am gefährlichsten für Afghanen, die für westliche Nichtregierungsorganisationen arbeiten. Um diese Risiken zu verringern, wurde vor acht Jahren das ANSO-Projekt gestartet. Das Afghan NGO Safety Office informiert humanitäre Dienste über die sich ständig verändernde Sicherheitslage in den Provinzen Afghanistans. Der Amerikaner James Curtis vertritt die Deutsche Welthungerhilfe bei ANSO.


Er sagt, die Anwesenheit der internationalen Truppen macht die Arbeit der zivilen Helfer in Afghanistan nicht immer leichter. Weil auch die deutschen Soldaten Schulen und Brücken bauen, haben es die Taliban schwer, zivile Helfer vom Militär zu unterscheiden – oft mit tragischen Folgen.

Die Trauerfeier in Ingolstadt

Die letzte Station unserer Recherchen ist auch die emotionalste: Die Trauerfeier im Ingolstädter Münster für die am 15. April getöteten deutschen Soldaten. Hier werden der Krieg und seine Folgen zum ersten Mal wirklich greifbar. Vier Särge stehen im Chor des Münsters, dahinter die Fotos der vier Gefallenen. Eine Stunde lang wird offiziell Abschied genommen. Verteidigungsminister zu Guttenberg, Angela Merkel, Guido Westerwelle und der Afghanischen Außenminister sitzen neben den Angehörigen in den Kirchenbänken.



Draußen wird die Trauerfeier auf Leinwände übertragen, mitten hinein in die Fußgängerzone von Ingolstadt. Sonne, überall Eisstände – nichts könnte weiter weg sein als der Krieg in Afghanistan. Und trotzdem ist er, mitsamt aller Fragen, angekommen.


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