Diskriminierende Texte So politisch korrekt ist Deutschrap

Gegen Schwule, gegen Frauen, gegen Behinderte: Kann Deutschrap überhaupt ohne Beleidigung? Wir haben analysiert, wie häufig auf den erfolgreichsten Deutschrap-Alben der letzten 16 Jahre diskriminierende Zeilen gerappt wurden.

Von: Matthias Scherer

Stand: 23.09.2016 | Archiv

"Bitch: Fresse! Bevor ich dir den Sack in den Mund presse!" Als Kool Savas 2000 diese Zeile im Song "Lutsch mein Schwanz" rappt, ist das einer der ersten Momente, in dem sich Leute in Deutschland fragen: Darf der das? Ist das nicht zu krass?

Der Gebrauch von diskriminierender Sprache in amerikanischen Rap-Texten hatte Tradition. Seit den frühen 80ern hatte es immer wieder Künstler gegeben, die mit ihren Songs für Empörung gesorgt haben - weil sie gewaltverherrlichende, sexistische, schwulen- oder minderheitenfeindliche Begriffe verwendet haben. Bis auch der deutsche Rap sich dieser Sprache bediente, dauerte es - aber es passierte.

Wie politisch unkorrekt ist Deutschrap wirklich? In einer Songtext-Analyse haben wir untersucht, wie häufig deutsche Rapper diskriminierende Begriffe verwenden. Als Stichprobe haben wir die laut Chartsurfer.de und OffizielleCharts.de jeweils fünf kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Rap-Alben der letzten 16 Jahre gewählt*. Die Songtexte dieser Alben haben wir auf von uns gewählte, diskriminierende Wortgruppen untersucht. So konnten wir feststellen, wie häufig homophobe, rassistische, frauen- und behindertenfeindliche Begriffe benutzt wurden - und wann es mehr, wann weniger poltitisch korrekt im Deutschrap zuging.

Konstanter Begleiter: Homophobie

Der Graph zeigt die Häufigkeit der von uns festgelegten homophoben Begriffe (Schwuchtel, Hinterlader, Homo, Tunte, Gay, Tucke, Schwul, Schwanzlutscher) auf erfolgreichen Deutschrap-Alben über die Jahre. Dabei fällt auf: 2001 wurden diese Begriffe besonders oft benutzt - was allerdings vor allem am Song "Schwule Mädchen" von Fettes Brot lag. Da kommt das Wort "schwul" logischereise relativ häufig vor - ohne dass es abwertend gemeint ist. Eine Ausnahme, denn der Begriff wird im Deutschrap meistens - aber eben nicht immer - negativ verwendet.

Ein weiterer Ausschlag nach oben findet sich Mitte der 00er Jahre - parallel zum Erfolg des Labels Aggro Berlin und etwas später Bushidos eigenem Label ersguterjunge. Auf Songs wie "Spotlight" von Nyze (auf dem "ersguterjunge Sampler Vol. 2" von 2006) rappt der Saarbrückener ziemlich unmissverständlich in schwulenfeindlicher Sprache: "Ich hab' keine Liebe für dich, Schwuchtel/ ich verteil Hiebe!"

Häufiger als alles andere: Frauenfeindlichkeit

Der Graph für frauenfeindliche Begriffe (Pussy, Bitsch, Schlampe, Hure, Nutte, Fotze, Ho, Futt, Kurwa, Flittchen, Miststück) ist ähnlich dynamisch. Diese Begriffe kommen insgesamt aber deutlich häufiger vor als zum Beispiel schwulenfeindliche Beleidigungen - fast doppelt so oft. Einen Hoch- bzw. Tiefpunkt für kommerziell erfolgreichen, sexistischen Rap gibt es 2013: In dem Jahr benutzen vor allem Kollegah und Farid Bang auf ihrem Album "Jung, brutal, gutaussehend 2" viele frauenfeindliche Begriffe - und landen damit auf Platz drei der erfolgreichsten Deutschrap-Alben des Jahres. Sexism sells - oder ist zumindest kein Hindernis, wenn es um Verkaufszahlen geht.

Genau hinschauen: Behindertenfeindlichkeit

Auch behindertenfeindliche Sprache ist in den letzten 16 Jahren nie ganz aus den Albumcharts verschwunden. Wir haben diesen Zeitraum auf die Häufigkeit der Begriffe Spast, Spasti, Spacko, Mongo, Krüppel, Behindi und behindert untersucht.

Der Hochpunkt im Jahr 2000 ist unter anderem damit zu erklären, dass in dem Jahr das Album "Deluxe Soundsystem" von Dynamite Deluxe erschien. Die Hamburger benutzten oft das Wort "Mongo" - allerdings nicht im diskriminierenden Sinne, sondern als Bezeichnung für ihre Spezis und Homies (die Mongo Clikke Crew, zu der u.a. Jan Delay und Dendeman gehörten). Der Ausschlag im Jahr 2008 ist auf den häufigen Gebrauch des Wortes "Krüppel" zurückzuführen, den ausschließlich Bushido auf seinem Album "Heavy Metal Playback" benutzt.

Eher selten: Rassismus

Rassistische Begriffe stellen laut unserer Studie den geringsten Anteil an diskriminierender Sprache im Deutschrap (siehe auch die Grafik weiter unten). Wir haben nach den Worten Neger, Nigga, Nigger, Kanacke und Schlitzauge gesucht und konnten feststellen, dass die Häufigkeit dieser Begriffe auf charttauglichen Deutschrap-Alben in den letzten 16 Jahren konstant niedrig geblieben ist - mit einer Ausnahme.

Im Jahr 2002 fiel auffallend häufig der Begriff "Nigga". Benutzt haben ihn vor allem englischsprachige, afroamerikanische Rapper, die auf den Platten von Kool Savas, Tefla & Jaleel und DJ Desue Feature-Auftritte haben (z.B. Kurupt auf Savas' "Keep It Gangsta") und damit sich selbst oder ihre Homies meinen.

Es wird besser

Der Gebrauch diskriminierender Sprache auf erfolgreichen Deutschrap-Alben ist in den letzten 16 Jahren nicht konstant geblieben, sondern mit der Zeit gestiegen und wieder gefallen.

Insgesamt geht der Trend aber nach unten: Seit 2006 wandern alle vier Graphen langsam aber stetig nach unten (mit der Ausnahme des Graphen für frauenfeindliche Begriffe, der 2013 einen Extrempunkt erreicht) und die Top fünf Rap-Alben des Jahres 2015 (von u.a. Namika und Deichkind) kommen mit der niedrigsten Anzahl von diskriminierenden Begriffen seit dem Jahr 2000 aus.

Daraus zu schließen, dass Rap im Allgemeinen weniger homophob, rassistisch, frauen- oder behindertenfeindlich wird, ist aber falsch: Die Häufigkeit dieser Begriffe ist kein 100-prozentiger Indikator dafür, was derjenige, der sie benutzt, wirklich denkt. Außerdem bezieht sich unsere Analyse nur auf die jeweils fünf meistverkauften Alben eines Jahres.

Mehr Mainstream, weniger Diskriminierung

Trotzdem ist es spannend zu beobachten, wie sich die Sprache auf diesen erfolgreichen Alben über die Jahre verändert hat. Dass Rapper ihre Songs weniger diskriminierend gestalten, um höhere Verkaufszahlen zu erzielen ist eine Theorie - es könnte aber auch sein, dass die Masse der Leute, die heutzutage Rap-Alben kauft, Platten bevorzugt, auf denen keine Frauen oder Minderheiten gedisst werden.

Denn nach wie vor gibt es eine Menge Songs, die diskriminierende Begriffe beinhalten (darunter auch gesetzeswidrige Inhalte wie z.B. Nazi-Rap) - nur schaffen die es eben nicht mehr so häufig in die Charts. Das wird auch in Zukunft so sein, sagt HipHop-Journalist Falk Schacht im Interview mit PULS: "Rap wird immer größer werden in Deutschland, und Empörungswellen und Shitstorms werden mehr auf die Rapper zurückfallen. Das wird einen Einfluss auf sie haben, weil sie aufpassen werden, wie sie sich verhalten. Vor deinen Eltern benimmst du dich ja auch möglichst anständig, wenn sie alles mitkriegen."

Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass der Trend, weniger diskriminierende Begriff zu verwenden, weiter anhalten wird. Gänzlich ohne würde HipHop aber wohl nicht funktionieren. Und so lange es Rapper wie Kollegah und Farid Bang gibt, können Fans sich über zahlreiche Beleidigungen freuen - und Kritiker sich aufregen.

* Die Texte haben wir von der Lyrics-Plattform Genius heruntergeladen und händisch die Refrain-Wiederholungen entfernt. Anschließend haben wir die Texte durch die Textanalyse-Software LinguLab gejagt. Dabei kamen Listen von allen Begriffen heraus, die von den Rappern auf ihren Platten benutzt wurden. Für die relevanten Alben aus dem Jahr 2002 gab es nicht alle Songtexte auf Genius - für dieses Jahr haben wir, basierend auf den vorhandenen Texten, eine Hochrechnung vorgenommen, um einen Annäherungswert zu ermitteln.

Liste der analysierten Alben:

2000

  • Creutzfeld & Jakob - Gottes Werk und Creutzfelds Beitrag
  • Curse - Feuerwasser
  • Deichkind - Bitte ziehen sie durch
  • Dynamite Deluxe - Deluxe Soundsystem
  • Torch - Blauer Samt

2001   

  • Azad - Leben
  • Curse - Von Innen nach Außen
  • Fettes Brot - Demotape
  • M.O.R. - NLP
  • Samy Deluxe - Samy Deluxe

2002   

  • D-Flame - Daniel X
  • DJ Desue - Art of War
  • Kool Savas - Der beste Tag meines Lebens
  • Massive Töne - MT3
  • Tefla & Jaleel - Direkt neben dir

2003   

  • ASD - Wer hätte das gedacht?
  • Beginner - Blast Action Heroes
  • Bushido - Vom Bordstein bis zur Skyline   
  • Blumentopf - Gern geschehen
  • Curse - Innere Sicherheit

2004

  • Bushido - Electro Ghetto  
  • Die Fantastischen Vier - Viel
  • Max Herre - Max Herre
  • Samy Deluxe - Verdammtnochmal
  • Sido - Maske

2006

  • Azad - Game Over
  • Bushido - Vom Bordstein bis zur Skyline zurück
  • Ersguterjunge - Vendetta
  • Jan Delay - Mercedes Dance
  • Sido - Ich  

2007

  • Azad - Blickschrift  
  • Bushido - 7
  • Chakuza - City Cobra
  • Die Fantastischen Vier - Fornika
  • K.I.Z. - Hahnenkampf 

2008

  • Bushido - Heavy Metal Playback
  • Fettes Brot - Strom und Drang
  • Peter Fox - Stadtaffe
  • Sido - Ich und meine Maske
  • V.A. - Ersguterjunge Sampler 3 - Alles Gute kommt von unten  

2009

  • Jan Delay - Wir Kinder vom Bahnhof Soul
  • K.I.Z. - Sexismus gegen Rechts
  • Max Herre - Ein geschenkter Tag
  • Samy Deluxe - Dis Wo ich Herkomm
  • Sido - Aggro Berlin

2010

  • Bushido, Kay One & Fler - Berlins Most Wanted
  • Bushido - Zeiten ändern dich
  • Die Fantastischen Vier - Für dich immer noch Fanta Sie
  • Kool Savas - Die John Bello Story III
  • Marteria - Zum Glück in die Zukunft

2011

  • 23 - 23
  • Bushido - Jenseits von Gut und Böse
  • Casper - XOXO
  • Kool Savas - Aura
  • Samy Deluxe - SchwarzWeiss

2012

  • Cro - Raop
  • Kay One - Prince of Belvedair
  • Kraftklub - Mit K
  • Max Herre - Hallo Welt!
  • Xavas - Gespaltene Persönlichkeit

2013   

  • Alligatoah - Triebwerke
  • Casper - Hinterland
  • Genetikk - D.N.A.
  • Kollegah & Farid Bang - Jung, brutal, gutaussehend 2
  • Prinz Pi - Kompass ohne Norden

2014   

  • Cro - Melodie
  • Kollegah - King
  • Kraftklub - In Schwarz
  • Marteria - Zum Glück in die Zukunft II
  • Sido - 30-11-80   

2015

  • Deichkind - Niveau weshalb warum
  • K.I.Z. - Hurra die Welt geht unter
  • MoTrip - Mama
  • Namika - Nador
  • Sido - VI