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Ruhmeshalle The Replacements - Let It Be

Das dritte Album der Replacements war die perfekte Brücke zwischen 80s-Underground- und Classic Rock – aber leider auch der Anfang vom Ende der Band. Die unter die Haut gehenden Songs übers Erwachsenwerden bleiben bestehen.

Von: Matthias Scherer

Stand: 19.02.2014 | Archiv

Die Band The Replacements | Bild: Twin/Tone Records

Meine Mitbewohner und ich sitzen verkatert und melancholisch auf der Couch und schauen den Film "Adventureland". James, gespielt von Jesse Eisenberg, verabschiedet sich von seiner Familie. Der Sommer ist vorbei und er nimmt den Bus nach New York City, wo er studieren wird. Während der Bus an verregneten Wolkenkratzern vorbeifährt, erklingt dieses großartige Lied.  

Eine kurze Suche bei Google verrät mir, dass der Song "Unsatisfied" heißt. Die Band hinter dem Song heißt The Replacements und entsteht, wie eigentlich jede Schülerband entsteht: nämlich zufällig. 1978 halten die Brüder Bob und Tommy Stinson mit Dauerkiffer Chris Mars in einem Keller in Minneapolis erste Jam-Sessions ab. Der jugendliche Möchtegern-Rockstar Paul Westerberg hört von draußen zu und sagt sich: Das sind meine Jungs.

Außenseitertum als Markenzeichen

Westerberg und seine Kollegen wissen genau, dass sie keine musikalischen Wundertalente sind. Der Bandname The Replacements ist ein Statement: Wir sind eigentlich nur zweite Wahl. Die Jungs machen das Außenseitertum zu ihrem Markenzeichen. Vor ihrem allerersten Konzert knallen sie sich so viele Whiskey-Colas rein, dass sie ihren Auftritt sturzbetrunken runterschrammeln und mit der Ansage "Ihr spielt hier nie wieder" aus dem Laden fliegen.

The Replacements - Let It Be (Cover)

Die Replacements werden als versoffene, unambitionierte und unberechenbare Punkband bekannt und beliebt. Aber 1984 erreichen sie einen Wendepunkt. Nachdem sie jahrelang Clubs in Schutt und Asche gelegt haben, sind die Replacements bereit zu zeigen, was sie sonst noch so draufhaben. Und so finden sich auf "Let It Be" zum ersten mal leise und langsame Songs. Und was für welche.

Die Vielfältigkeit der Songs macht "Let It Be" damals zur perfekten Brücke zwischen der Underground-Szene und dem Mainstream, der zu der Zeit voll auf Classic Rock ist. Neben den packenden Balladen "Androgynous" und "Unsatisfied" gibt es auf "Let It Be" auch Songs über Erektionen und ein Cover der Hard-Rock-Band Kiss.

Anfang vom Ende der Band

"Let It Be" ist das letzte Replacements-Album, das beim Indielabel Twin/Tone erscheint. Es folgt ein Vertrag beim Industriegiganten Warner Music, Kokain-Exzesse ohne Ende und der schleichende Zerfall der Band. Der Klassiker im Rock'n'Roll. 20 Jahre später bleibt "Let It Be" als Dokument einer Band auf ihrem kreativen Höhepunkt und als Inspiration für moderne Bands wie Titus Andronicus und The Hold Steady bestehen.

Den Film "Adventureland" habe ich seit damals nicht nochmal gesehen. Aber "Let It Be" höre ich immer noch regelmäßig. Vor allem dann, wenn ich verkatert oder melancholisch bin. Und eins von beiden bin ich eigentlich immer.


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