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Ruhmeshalle Wire - Chairs Missing

Rechtzeitig vom Punk-Zug abspringen und wegweisende Alben aufnehmen - Wire machen Ende der 70er Jahre alles richtig. Dass es zum Durchbruch dennoch nicht reichte, wächst allein auf dem Mist der Plattenfirma und ihrer Tricksereien.

Von: Daniel Gehret

Stand: 07.12.2012 | Archiv

Wire | Bild: flagpink.com

Wenn Punkrock ein Satz Karten ist, sind Wire darin der Joker. Extravagant und einzigartig, zu keiner Farbe gehörend. Eben die Hofnarren, die das Spiel gerne von außen betrachten und sich darüber lustig machen. Mit ihrem zweiten Album, "Chairs Missing" von 1978, stehen die vier Londoner trotz Ironie und Humor kurz vor dem Aufstieg in den Superstar-Olymp. Dass es letztlich doch nicht klappt, liegt an einem geradezu jokeresquen Trick ihrer Plattenfirma.

21 Songs in 35 Minuten

Wire gründen sich Ende 1976 und sind von Anfang an vor allem eines: schnell. Schnell feuern sie ihren Lead-Gitarristen, weil Soli nur ablenken. Schnell knüppeln sie ihr Debüt "Pink Flag" ein, das beim Hören ebenso schnell vorüber ist: 21 Songs in 35 Minuten. Wer bei so kurzen Nummern an den "Saufen gegen Staat und Establishment"-Brei denkt, für den Punk 1977 steht, liegt falsch: Wire sind keine anti-intellektuellen No-Future-Prolos, sondern - Sid Vicious bewahre - Studenten und Künstler. Ihre Texte sind immer hintergründig und mehrschichtig. Hier ist Stumpf nie Trumpf.

Wire - Chairs Missing (Cover)

Auf "Chairs Missing" passt dann auch die Musik zum verkopften bis verschlossenen Inhalt. Nicht mehr der Ruck-Zuck-Punk von "Pink Flag", sondern eher Pink Floyd. Die durchgeknallten, frühen Pink-Floyd, nicht die selbstgefälligen Stadion-Rock-Dinosaurier. Das liegt vor allem daran, dass sich Wire an ein Instrument wagen, das wegen seiner Prog-Vergangenheit 1977 ein absolutes No-Go für Punks ist: den Synthesizer. Irre - was wiederum zum Albumtitel passt, einem Slangausdruck für jemanden, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Was jetzt noch fehlt, ist ein Hit. Auftritt: "Outdoor Miner".

Der Eintritt in den Pop-Olymp

Die Single bietet eine Minute und fünfundvierzig Sekunden puren Pop - so kurz, dass die Plattenfirma EMI die Band bittet, einen längeren Radio-Edit zu schneiden. Dieser steigt aus dem Nichts auf Platz 51 der britischen Singlecharts ein. Dem Wire-Produzenten Mike Thorne zufolge sagt die BBC der Band schon einen Auftritt bei "Top of the Pops" - und damit die Eintrittskarte in den Pop-Olymp - zu, falls die Single in der nächsten Woche weiter nach oben klettert.

Doch "Outdoor Miner" fliegt wenige Tage darauf komplett aus den Charts. Der Grund: Damals werden die Charts stichprobenartig aus den Verkäufen einiger weniger Läden ermittelt, und das Wire-Label EMI schickt Angestellte los, um in diesen Geschäften die Single stapelweise zu kaufen. Laut Thorne ist dies branchenüblich, schließlich macht sich der Hype durch eine höhere Chartposition schnell bezahlt. Bei Wire aber fliegt der Schmu auf. Aus der Traum von "Top of the Pops".

Kein Bock auf die alten Songs

Wire veröffentlichen im folgenden Jahr noch ein Album und lösen sich dann zunächst auf. Auch ohne großen Hit gehören sie zu den einflussreichsten Bands ihrer Zeit: R.E.M., Yo La Tengo, Therapy? und viele andere covern sie, für Franz Ferdinand und Blur sind sie Vorbilder - nicht zuletzt wegen ihres cleveren Humors. 1985 tun sie sich wieder zusammen, kündigen aber gleich an, keine Songs ihrer drei ersten Alben zu spielen. Um die alten Fans nicht zu enttäuschen, nehmen sie die Ex-Lion Tamers als Vorband mit auf Tour - eine Wire-Coverband. Wie gesagt: Der Joker passt hier ganz gut.


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