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Ruhmeshalle Wir sind Helden - Die Reklamation

Wie viele Hits gehen eigentlich auf eine Platte? Die Helden-Songs von "Die Reklamation" können wahrscheinlich sogar Taube mitsummen. Ein Album, das aus ganzen vielen Ichs ein Wir macht.

Von: Helen Malich

Stand: 22.10.2010 | Archiv

Die Band Wir sind Helden | Bild: EMI

"Wenn Dir von einem Künstler mehr als drei Singles gefallen, kauf' Dir gleich das ganze Album." Das hat mir mal ein hipper, aber in die Jahre gekommener Soul- und Funk-DJ geraten. Und zwar noch lange vor dem Download-Hype und dem Pop-Nachruf auf das Albumformat. Er hat Recht gehabt. Und so bin ich zu dem ersten Wir-sind-Helden-Album gekommen.

Die Songs, die es mir auf ihrem Debütalbum "Die Reklamation" angetan haben, sind die, die jeder mitsingen kann, auch ohne sich jemals mit dieser Band auseinandergesetzt zu haben: "Guten Tag". "Denkmal". "Heldenzeit". "Wir müssen nur wollen". Ist das so? Mal zart gesäuselt, mal gesungen, mal rotzig in mein Gesicht geplärrt von Judith Holofernes, die den Ton angibt. Mal verspielt, mal ernsthaft, mal anklagend. Wir sind Helden machen den Pop-Spagat. Wenigstens ein Stück weit aufrütteln, ohne Punk zu sein oder martialisch-grob über die Mutter zu singen. "Die Reklamation" ist ein vertonter Aufruf. Gleichzeitig gibt mir diese Platte die Erlaubnis, alles anders zu machen. Beim Hören will ich Widerstand leisten gegen Konsum und unreflektierten Gehorsam. Und: Ich fühle mich dabei in guter Gemeinschaft. Die Helden besingen ein klares Wir, dass ein Ich trotzdem zulässt.

Ein Denkmal für die eigene Band

Albumcover "Die Reklamation" von Wir sind Helden  | Bild: EMI

Wir sind Helden - Die Reklamation (Cover)

Eigentlich haben sie sich selbst ein Denkmal gebaut: Ein Fleckchen deutsche Popgeschichte ist beschrieben mit ihrem Namen. Obendrein haben sie zusammengebracht, was im Club sonst einen großen Bogen umeinander macht: die elitären Indiekids, die zu cool waren für den Rest, die begeisterungsfähigen Mainstream-Tänzer, denen Tocotronic zu intellektuell und die Sportfreunde Stiller zu tollpatschig waren. Alle vereint in dem Gedanken, dass es an der Zeit ist, das Leben selbst in die Hände zu nehmen. Dass wir dabei sind, die Geschichte und die Nation zu bewegen. Wenigstens ein kleines Stück, wenn wir es nicht machen wie die.

Eine weitere Konsequenz der Helden, mal so vollkommen wertfrei in den Raum geworfen, sind Bands wie Juli und Silbermond. Anders als Wir sind Helden haben die den Spagat nicht hinbekommen. Dabei waren auch die Helden nie ein Kompromiss. Mit selbstbemalten T-Shirts und Aufklebern, die sie verteilen, haben sie ihr Marketing für "Die Reklamation" in die Hände der Fans gegeben und sind damit gut gefahren. Alle Alben die danach kamen, haben mich so nicht mehr gekriegt. Und nein, es lag nicht daran, dass die Helden danach die Charts gestürmt haben. Das war mit dem Debüt auch schon so. Vielleicht war die Zeit einfach vorbei. Aber die frühe Heldenzeit hat immer noch einen Platz in meinem Kopf und in meinem Plattenregal.


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