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Ruhmeshalle The Postal Service - Give Up

The Postal Service bemühen für ihr Dilemma ein altes Konzept. Das Problem: Ein Produzent, ein Sänger, in zwei verschiedenen Städten. Die Lösung: Songs per Post. Das Ergebnis? Das schönste Indie-Electronica-Album des Jahrzehnts.

Von: Matthias Scherer

Stand: 10.05.2013 | Archiv

The Postal Service | Bild: Sub Pop

Ich war 16, als ich die letzte Mix-CD meiner Ex-Freundin aus dem Briefkasten fischte. Track Nummer 5 enthielt übersetzt folgende Zeile: "Erzähl mir keine Zukunftsmärchen – wie soll dein Herz heilen, wenn du ständig die Nähte herausreißt?"

Eine klare Ansage, die mir per Post endgültig die letzte Hoffnung nimmt. Der Bote heißt The Postal Service und das dazugehörige Album "Give Up", also: Gib auf. Wie passend. Der Soundtrack meines ersten echten Liebeskummers kommt vom einzigartigen und leider auch einzigen Album einer großartigen Band.

Demos per Post

Die Platte entsteht unter ungewöhnlichen Umständen. Jimmy Tamborello, ein Electronica-Produzent, nimmt 2001 eine großartige Elektropop-Single namens "(This Is) The Dream of Evan and Chan" auf. Am Mikrofon: Benjamin Gibbard, Sänger bei Death Cab For Cutie. Der Song gelingt ihnen so gut, dass sie sich entscheiden, gemeinsam ein ganzes Album aufzunehmen.

The Postal Service - Give Up (Cover)

Weil aber keiner von beiden Zeit hat um ins Studio zu gehen, nimmt Tamborello bei sich Zuhause die Instrumentation auf und schickt die CD-Roms nach Seattle. Dort spielt Gibbard seinen Gesang ein und schickt das Ergebnis per Post zurück. Daher stammt der Name The Postal Service. Die Aufnahmen dauern drei Monate und kosten laut Plattenfirma nur 2.000 Dollar.

Der amerikanische Postdienst verklagt Tamborello und Gibbard damals übrigens wegen Namenrechtsverletzung. Nachdem die beiden bei einer nationalen Postboten-Konferenz auftreten, ist der Rechtsstreit aber schnell vergessen.

Knister-Electronica trifft Emo-Indie

Der Postal-Service-Sound klingt trotz der Distanz zwischen den Musikern erstaunlich organisch. Tamborellos Vorliebe für flüsternde Indietronica im Stile des Berliner Labels Morr Music scheint durch, genauso wie Gibbards Gefühl für Myspaceprofil-freundliche Textzeilen. The Postal Service bespielen mein Jugendzimmer in England, wie auch den Trailer zu "Garden State", Zach Braffs Indie-Romanze.

Songs wie "The District Sleeps Alone Tonight" oder "Such Great Heights" sind seitdem Hymnen der Melancholie geworden. Damals kam es mir vor, als wäre "Nothing Better" speziell für mich geschrieben – heute weiß ich, dass ich nur einer von tausend Adressaten war. Und geteiltes Herzeleid, weiß man ja, ist halbes Herzeleid.


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