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Ruhmeshalle Suicide - Suicide

Das Extreme war ihr Maßstab: Seit Anfang der 70er scherten sich Suicide nie um Konventionen und Lehrformeln. Die beiden New Yorker Alan Vega und Martin Rev entwarfen lieber neue und waren damit ihrer Zeit weit voraus.

Stand: 05.11.2010 | Archiv

Suicide alias Alan Vega und Martin Rev bei einem Liveauftritt Ende der 70er Jahre (Booklet-Scan) | Bild: Mute Records / EMI

Gleich vorneweg: Suicide, also Selbstmord, ist ein extrem plakativer, vielleicht auch plakativ-dümmlicher, vor allem aber ein absichtlich in die Irre führender Bandname. Die Musiker dahinter, Martin Rev und Alan Vega, lieben das Plakative, das Extreme und setzen all das in geballter Form ihrem Publikum vor.

1978: Elvis Costello & The Attractions spielen im Schwabinger Bräu, die Vorband ist Suicide. Martin Rev betritt die Bühne, schaltet seinen Kassettenrekorder an und schleudert dem Publikum seine wütenden Bandschleifen entgegen. Alan Vega, sichtlich von einem Drogencocktail mitgerissen, begleitet diese musikalische Attacke schreiend und fauchend. Kein Wunder, dass einige verwirrte Besucher die Bühne mit Bierflaschen eindecken. Nichts Neues für die beiden New Yorker: Provokation ist Programm. Suicide zerstören das Altbekannte in der Musik, damit das Neue seinen wohlverdienten Platz einnehmen kann. Notfalls auch mit aller musikalischer Brachialität.

Abstoßend und anziehend

Suicide wurde in den frühen 70ern in der New Yorker Off-Kunstszene als Performancegruppe gegründet. Ihre Auftritte in Galerien dauern oft Stunden. 1977 erscheint ihr selbstbetiteltes Debütalbum. Diese Mischung aus extrem düsteren Tapeloops, Synthie- und Schreiattacken kannte man bis dato nicht. Suicide waren abstoßend und anziehend zugleich.

Suicide - Suicide (Cover)

Das Reizvolle an Suicide liegt in der Symbiose der beiden Ausnahmemusiker: Vegas sozialkritische Lyrics werden von Revs apokalyptischen Soundscapes punktgenau inszeniert. Der bekannteste Song "Ghostrider" bringt mit sägenden Synthies und treibendem Rhythmus Vegas lyrische Attacke auf die US-Kriegspolitik der 70er so nachhaltig unters Volk, dass der Song bis heute ein Klassiker ist. Auf ihrem 2010er Album hat Pop-Provokateurin M.I.A. die Hookline für ihren Song "Born Free" gesamplet.

Verträumt und schwer verdaulich

Neben tatsächlich verträumt klingenden Stücken wie "Cheree" oder "Girl" sind Suicide auf ihrem Debüt vor allem eins: schwer verdaulich. Zum Beispiel bei dem Stück "Frankie Teardrop", einem Zehn-Minüter über einen Vietnamveteranen, der sich am Rand der Gesellschaft wiederfindet und den Vega in offen gehaltener Rhetorik Frau, Kind und dann sich selbst töten lässt.

Textliche Provokation und musikalisches Experiment: Das gehört bei Suicide einfach zusammen und wird mit einer Kompromisslosigkeit durchexerziert, die kein Wenn und Aber zulässt. Mit dieser Masche haben Suidide, ohne es zu wollen, Genres wie Punk, Electroclash, New Wave und sogar Techno beeinflusst und mit ihrem Debütalbum 1977 einen zentnerschweren Meilenstein in der Musikgeschichte hinterlassen.


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