7

Ruhmeshalle Lee Perry & The Upsetters - Super Ape

Seit Lee "Scratch" Perry wissen wir: Die Produktion von Popmusik ist eine eigene Kunstform - oder Voodoo. Von Bob Marley bis Max Romeo gibt es kaum einen Reggae-Star, der ihn nicht als fuchtelnden Beschwörer hinterm Mischpult erlebt hat.

Von: Kaline Thyroff

Stand: 22.06.2012 | Archiv

epa02565284 A picture made available on 05 February 2011 shows Jamaican musician Lee 'Scratch' Perry performing at Duerer Garden in Budapest, Hungary, 04 February 2011. The 75-year-old artist used to be a co-author and co-producer working with Bob Marley and the Wailers in the 1970s. EPA/BALAZS MOHAI HUNGARY OUT  +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Bild: picture-alliance/dpa

Reggae. Allein das Wort treibt uns ja gerne mal den Schweiß auf die Stirn. Häkelmützen mit Fake-Rastas. Der Nachbar mit der Bob-Marley-Flagge im Fenster. Barfußtänzer in Batikhosen. Es könnte schlimmer nicht sein. Es gibt da aber einen Mann, bei dem könnte Reggae nicht aufregender sein: Lee "Scratch" Perry. Er beschwört in seinem Studio lieber wild fuchtelnd Maschinen und Musiker als chillend auf Jah's Segen zu warten.

Der Wahnsinn beginnt, als Lee Perry mit 15 die Schule schmeißt. Als Junge für alles heuert er beim legendären Kingstoner Label Studio One an. Lernt das Musikbusiness kennen und die Arbeit am Mischpult. Verkracht sich mit dem Chef, Coxsone Dodd, und verabschiedet sich von ihm mit einem Battletrack: "I am The Upsetter", heißt es da, so viel wie: "Mit mir ist nicht gut Kirschen essen". Eine Kampfansage.

"Das Studio muss wie ein Lebewesen sein"

"Upsetter" wird Lee Perrys neuer Spitzname, er gründet ein eigenes Label namens Upsetter und eine neue Band: The Upsetters, mit deren Hilfe übrigens auch Bob Marley einige seiner besten Songs aufgenommen hat. Dazu kommt 1973 ein Studio, das Lee Perry in seinem Hinterhof einrichtet: Black Ark. Die Hexenküche, in der von nun an die Klassiker eines neuen Genres aus dem Mischpult brodeln: des Dub.

Lee Perry Super Ape | Bild: Island

Lee Perry & The Upsetters - Super Ape (Cover)

Die Wände sind bis an die Decke mit Zeitungsausschnitten, Fotos und Löwenporträts gepflastert. Im Hof versucht Perry in seinem typischen Vogelscheuchen-Look Tapes und Schallplatten einzupflanzen. Das eigentlich Verrückte findet aber da statt, wo das Vierspurgerät und das Mischpult stehen. Das Equipment im Black Ark ist an sich unspektakulär, aber Lee Perry entdeckt es als Instrument. "Das Studio muss wie ein Lebewesen sein, die Maschinen lebendig und intelligent", sagt er und schichtet Tonspuren übereinander, nimmt Umgebungsgeräusche auf, noch lange bevor das Sample erfunden ist, spielt die Aufnahmen rückwärts ab und bläst Ganja-Rauch ins Mikro. Das ist neu: Nicht mehr die Band macht den Sound, sondern der Produzent. 1976 entsteht so mit "Super Ape" das wohl beste und vielschichtigste Dub-Reggae-Album überhaupt.

Drogen und Wahnsinn

Ok, Lee Perrys Drogenkonsum geht bei der Entstehung zu "Super Ape" weit über den Feierabend-Joint hinaus. Als das Black Ark Studio drei Jahre später abbrennt, behauptet er sogar, das Feuer selbst gelegt zu haben, um Satan aus dem Studio zu vertreiben. In Wirklichkeit haben dort vor allem Echos, Hall und tiefe Bässe gespukt – in einer so psychedelischen Mixtur, dass Lee Perry auch gerne mal der "Salvador Dalí des Dub" genannt wird. Und nicht nur den hat er geprägt. Von The Clash bis hin zu Animal Collective verneigen sich Künstler genre- und generationsübergreifend vor dem Upsetter. Die Beastie Boys haben ihm auf "Hello Nasty" den Track "Dr. Lee, PhD" gewidmet und ihn darauf gleich als Gastsänger gefeatured. Und auch der Dubstep heißt nicht umsonst wie er heißt. Mal Augen zu und alle Reggae-Klischees beiseite: "Bass and Space" - die Hauptzutaten eines guten Dubstep-Tracks lassen sich auch ganz nüchtern in der zeitlupenhaften und verspulten Wuchtigkeit von "Super Ape" wiedererkennen. Der gefährlich aussehende Comic-Affe auf dem Cover beschreibt es ganz gut: Lee Perry ist der King Kong des Reggae. Und einer der wahnsinnigsten und experimentierfreudigsten Produzenten der Musikgeschichte.


7