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Ruhmeshalle Kanye West - My Beautiful Dark Twisted Fantasy

Kanye West ist für den Pop heute Übervater und Witzfigur in einem. Auf "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" hat er 2010 die beiden Figuren zum ersten Mal in Einklang gebracht.

Von: Lili Ruge

Stand: 19.11.2015 | Archiv

Kanye West, Pressefoto 2010 | Bild: Fabien

2009 ging das los, was heute selbstverständlich ist: Kanye West wird zum Großmaul der Popmusik. Erst war da der Rant gegen Taylor Swift bei den VMA’s, als er die Bühne stürmte und ihr das Mikro entriss, um zu verkünden: "Yo Taylor, I'm really happy for you, I'll let you finish, but Beyoncé has one of the best videos of all time. One of the best videos of all time!"

Die coolste Klassenfahrt ever

Als Kanye West ca. ein Jahr später die pompöse Single "Power" veröffentlicht, ist sie das Gesprächsthema. Egal ob in der Mensa oder am Tresen, wir sind uns alle einig: Jetzt ist er endgültig verrückt geworden! Was ich erst später begreife: Der Irrsinn auf "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" ist Kanyes Art, uns zu sagen: Ich bin kein bequemer Typ, ihr könnt mich dafür hassen. Aber meine Musik, die müsst ihr lieben. Und damit das passiert, hat er fast unmenschliche Arbeit in das Album gesteckt.

Als die ersten Stories von den Aufnahmesessions in Hawaii an die Oberfläche dringen, klingt das für mich wie die coolste Klassenfahrt ever. Am Strand von Honolulu arbeitet Kanye nämlich nicht alleine, sondern mit seinen Lieblingskollegen zusammen an seiner Platte. Nicki Minaj ist schon ab sechs Uhr morgens im Studio, RZA hängt beim Fitness, Kid Cudi raucht Joints und zwischendurch wird Basketball gespielt. Dazwischen ein schlafloser Kanye West, der 24/7 in mehreren Studioräumen parallel an Songs arbeitet. Musikalisch wird auf "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" an nichts gespart: Geigen, Trompeten und hochexklusive Featuregäste. Drei Millionen Dollar Produktionskosten. Den dazugehörigen Hochglanz-Film habe ich mir glaube ich zehnmal angeguckt. Das ist kein normales Album. Noch auf dem Vorgänger "808s & Heartbreak" hatte Kanye West dem Elektropop seiner Zeit Störgeräusche und eine Wagenladung Autotune verpasst. Das war nice, aber irgendwie auch langweilig. Jetzt hat er den Zeitgeist aufgegeben und den Größenwahn als Möglichkeit der totalen künstlerischen Unabhängigkeit entdeckt. Und dabei echte Klassiker produziert.

Größenwahn wird zur Kunst

“My Beautiful Dark Twisted Fantasy” erschlägt mich zwar fast mit seinem Pomp, aber gleichzeitig kann ich nicht aufhören, es anzuhören. Die Texte sind völlig versnobt und gleichzeitig rühren sie mich zutiefst. Beispiel gefällig? "I think I just fell in love with a porn star, turn the camera on, she a born star." Hmm. Interessant! Welcher Pornostar? Plötzlich interessieren sich alle für Kanyes Frauen, sein Privatleben und machen sich über seinen Größenwahn lustig. Mir geht’s nicht anders. Aber alle, die die Augen verdrehen und den Kopf schütteln, müssen, wenn sie ganz ehrlich sind, anerkennen: Kanye hat mit "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" ein Meisterwerk geschaffen und dem HipHop wieder beigebracht hat, Kunst zu sein. Ohne Kanyes Wahnsinn wäre das nicht möglich gewesen.


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