Jetzt Drumsolo Leyya

Info Raus mit der Sprache, wer hat da was in die Wien geschüttet? Irgendworan muss es ja liegen, dass von Wien aus erst Bilderbuch, dann Wanda und jetzt auch noch das Duo Leyya einen Pop basteln, wie er cleverer nicht sein kann.

Ruhmeshalle Jamie T. - Panic Prevention

Jamie T war vielleicht nicht der realste Poet der Londoner Straßen. Aber wenige schafften es, so witzig, eingängig und sympathisch zu erzählen, wie es ist, in dieser irren Stadt jung und unverantwortlich zu sein. Eine Danksagung.

Von: Matthias Scherer

Stand: 30.01.2017 | Archiv

Jamie T auf dem Dockville-Festival 2010 | Bild: picture-alliance/dpa

Ich hatte mir so viel auf meine Englisch-Skills eingebildet. Im Abschlusszeugnis waren es 13 Punkte und Anfang 2007 lebte ich schon fünf Jahre in London. Warum verstand ich dann zu Beginn meines Studiums trotzdem nur Bahnhof, wenn meine Kommilitonen draußen beim Rauchen von ihren Wochenenden berichteten?

Ganz einfach: Ich hatte den Slang noch nicht drauf. Kannte die Musik nicht, die meine neuen Leidensgenossen hörten, wusste nicht, in welchen Ecken dieser riesigen, irrsinnigen Stadt das Bier am günstigsten war. Vergiss Hausarbeiten – ich musste ganz, ganz dringend Popkultur pauken.

Zu der Zeit lief in der Indie-Disko, die ich kurz zuvor entdeckt hatte, immer wieder ein Song, bei dem alle wie auf Kommando durchdrehten. Der Typ, der ihn sang, klang wie die Mädels und Jungs in meinem Vorlesungssaal – übertrieben witzig, drüber und sympathisch. Der Song: "Sheila". Der Sänger: Jamie T.

Das dazugehörige Album "Panic Prevention" ist voll von solchen Songs. Überall gibt es Anspielungen auf Orte, an denen ich damals entweder schon war oder unbedingt hin wollte: das Ufer der Themse, die Northern Line U-Bahn-Linie, die "12 Bar" in der Denmark Street, wo Leute wie Adele und die Libertines ihre ersten Auftritte gespielt haben. Der Sound war für mich ein Wegweiser. Zwar fand ich Leute wie The Streets und Dizzee Rascal schon cool, unterschied aber immer noch strikt in Gitarren- und Nicht-Gitarren-Musik. Bei Jamie T. hieß es dann plötzlich: The Clash-Punk-Rock trifft auf UK-HipHop und Old School Jungle.

Nicht unbedingt "real" – aber wahr

2007 war die Euphorie schon wieder am Abflauen, die zuvor junge britische Bands wie Bloc Party und die Kaiser Chiefs ausgelöst hatten. Sängerinnen und Sänger wie Lily Allen und Jack Peñate waren zwar angesagt, aber vielen Hipstern zu poppig und vor allem zu mittelständisch. Das britische Klassendenken war mir als Deutschem fremd. Deswegen war es mir auch egal, dass Jamie T. im nicht gerade realen Südlondoner Stadtteil Wimbledon zur Schule gegangen ist. Im Gegenteil: Das war ja nur 20 Radminuten entfernt! Der Typ kam aus meiner Gegend!

Für mich waren die Geschichten, die Jamie T. erzählte, einfach faszinierend: über seine zugekoksten Buddies, die im Nachtbus rumkrakeelen und Schlägereien anfangen, oder die alkoholsüchtige, tieftraurige Sheila. Genauso spannend waren die vulgären, sinnfreien Gesprächsfetzen, die zwischen den Songs eingestreut sind. "Panic Prevention" war für mich wie ein Fenster in die bis dahin wunderliche und unverständliche Welt meiner britischen Altersgenossen. Klar: Soziologisch akurat waren diese Geschichten schon damals nicht. Aber sie fühlten sich wahr an – und man kann auch heute noch super dazu pogen und Sambuca kippen. In diesem Sinne: Cheers, Jamie.