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Ruhmeshalle J Dilla - Donuts

Brutal abgeschnittene Sprachfetzen, vertrackte Beatskizzen. Klingt anstrengend, ist es aber nicht, wenn man einmal das Geheimnis von "Donuts" entdeckt hat. Denn mit dem Album hat J Dilla den Grundstein für ein ganzes Genre gelegt.

Von: Franz Liebl

Stand: 11.02.2011 | Archiv

Cover von "Just Stay Paid" - J Dilla Mixed | Bild: Nature Sounds

Mich hat "Donuts" erst einmal verstört. Obwohl ich J Dilla eigentlich vergötterte. Aber dieses Album aus 31 teilweise anstrengenden Beatskizzen, oftmals unter einer Minute, habe ich einfach nicht kapiert. Meist wird nur ein Sample benutzt, das zerschnitten und neu zusammengesetzt wird. Sprachfetzen sind brutal abgeschnitten, man hört Brüche, es rauscht – lauter so kaputtes Zeug.

Was will Dilla mit "Donuts" zeigen?

Trotz meiner Abneigung gegen die Platte, "Donuts" lief sie in meinem Player rauf und runter. Ich wollte dieses Werk unbedingt verstehen. Denn Dilla hat wie kaum ein Anderer mit jedem neuen Release dem HipHop auch einen neuen Rhythmus gegeben. Und Dilla hat auch schon oft genug vor "Donuts" bewiesen, wie gekonnt er bestehende Musik zerschneiden und neu zusammensetzen kann. Nach einem halben Jahr habe ich im Opener "Workinonit" endlich das Geheimnis hinter "Donuts" entdeckt.

Albumcover "Donuts" von J Dilla | Bild: Stones Throw

J Dilla - Donuts (Cover)

Es geht darum, als Musiker den Moment festzuhalten, in dem etwas Neues entsteht. Der Moment, in dem eine musikalische Vision Realität wird. Es ist der stärkste und mächtigste Moment beim Musikmachen. Und in diesem Moment ist es egal, ob es rumpelt und britzelt. Es ist roh, es ist ungeschliffen, es ist später nie mehr echter als in diesem Moment. Es ist der Tabula-Rasa-Moment, ab dem die neue Song-Tafel nur noch mit abwaschbarer Kreide beschrieben werden kann. Das ist die große Faszination an "Donuts". Es lässt einen durchweg an diesem Moment teilhaben.

Erst lange nach meinem Battle mit "Donuts" habe ich erfahren, dass die Idee dahinter aus Dillas legendären Beat-Tapes heraus entstanden ist. Etwa 30 Songideen und Beatskizzen hatte er immer auf einer Kassette gepackt und die dann an seine potentiellen Abnehmer verschickt. Ein klassisches Demotape eigentlich. Viele Rapper haben diese Beat-Tapes aber nicht nur als Bewerbungsmappe gesehen, sondern sie auch einfach so angehört.

Dillas Sample-Filettierkünste sind auf höchstem Niveau. Die Rhytmusspielereien einzigartig. Die Wirkung von "Donuts" kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hatte Dilla schon einen riesigen Anteil am Neo-Soul, ist "Donuts" ein Grundstein des experimentellen Glitch Hop. Bis auf wenige Ausnahmen folgen sämtliche Glitch-Hop Alben dem Prinzip von Donuts.

Abschiedsgeschenk und Glitch-Hop-Manifest

Kurze Ideen, schnell festgehalten und dann zusammengestellt. Und nicht umsonst sagen viele Glitch-Hop Fans, dass ihnen dieser Sound so viel Freiheit zur Interpretation lässt, er schreibt ihnen nichts vor. Keine Kleiderordnung, keine Message, die Tafel ist leer.

Dilla hat "Donuts" im Krankenhaus fertiggestellt. Fast wie besessen, sagt seine Mutter im Nachhinein. Drei Tage nach dem Release von "Donuts" ist er am 10. Februar 2006 an einer seltenen Blutkrankheit gestorben. Es klingt vielleicht pathetisch, aber mit "Donuts" hat er am Ende seines Lebens ein Manifest für den Anfang gesetzt.


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