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Ruhmeshalle Gravenhurst - Fires in Distant Buildings

Songs wie gemacht für Tage unter der Bettdecke. Dafür stand Nick Talbot mit seiner Band Gravenhurst. Melancholie ist aber nur eine Seite von "Fires in Distant Buildings" - das Album berichtet auch von unheimlichen Zwischenwelten.

Von: Hardy Funk

Stand: 10.12.2014 | Archiv

Nick Talbot, Sänger und Gitarrist von Gravenhurst | Bild: Vinciane Verguethen/ Warp

Den Winter 2008 verbringe ich in England, mehr oder weniger abwechselnd im Seminarsaal und auf Erasmus-Parties. Oder aber in meinem Zimmer, allein: Vor meinem Fenster stehen kahle Bäume, dazwischen feiner Nebel, am Himmel graue Suppe und um halb fünf fängt es schon an zu dämmern. Ich liege auf dem Bett und höre immer wieder ein Album: "Fires in Distant Buildings".

Triste Städte und unheimliche Kräfte

Das Album strahlt Wärme aus, besitzt aber auch eine seltsame, unheimliche Magie. Und es verströmt eine Melancholie, der ich mich an solchen Nachmittagen nur zu gern hingebe. Dabei bleiben Gravenhurst keinesfalls über die gesamte Albumlänge im wehleidigen Slow- und Midtempo kleben, die Band kann auch anders: Denn Gravenhurst greifen auf ihrem dritten Album zum ersten Mal zur E-Gitarre. Sie hauen öfter und härter aufs Schlagzeug und bauen hier und da effektvoll elektronische Texturen in ihren Sound ein. Mit all dem klingen sie aber nicht etwa poppiger. Sie klingen nur noch dichter, noch magischer - und noch trauriger.

Das liegt natürlich vor allem an der hohen, zerbrechlichen Stimme von Sänger und Mastermind Nick Talbot. In seinem Gesang drückt sich eine seltsame Trauer und Niedergeschlagenheit aus. Den Grund für diese tiefe Traurigkeit konnte ich nie richtig fassen: Noch heute kommen mir nur diffuse Bilder einer heruntergekommenen englischen Stadt in den Kopf, mit dunklen Pfützen, in denen sich das flackernde Licht rostiger Straßenlaternen spiegelt. In der wenige, vereinzelte Menschen mit eingezogenem Kopf umherirren. Und in der unheimliche, irgendwie böse Kräfte wirken.

Bristol Sound Reloaded

Von einer solchen unheimlichen Zwischenwelt berichten zumindest die Texte - immer wieder bohren sich einzelne Textzeilen in meinen Kopf und setzen sich dort wochenlang fest. Genau wie der eigentümliche Sound der Band: Der knüpft einerseits an den schüchternen Shoegaze von Bands wie My Bloody Valentine an. Greift aber genauso Traditionen der lokalen Szene von Talbots Heimatstadt Bristol auf: Den Drone-Sound der Lokalhelden Flying Saucer Attack, die Düsternis von Triphop-Größen wie Tricky oder Portishead, die ebenfalls aus Bristol kommen.

Heute, zurück in München, sammeln sich kaum noch Nebelschwaden vor meinem Fenster. Im Winter bedeckt Schnee - zumindest manchmal – die kahlen Bäume und die Dämmerung lässt sich immerhin bis halb sechs Zeit. Sobald ich aber die "Fires in Distant Buildings" höre, ist sie wieder da, dieselbe unheimliche, aber auch schöne Melancholie, wie einst in England. Die Songs von Gravenhurst haben nichts von ihrer seltsamen Anziehungskraft und traurigen Schönheit verloren.


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