6

Tracks der Woche #37/16 Tigerilla feat. Gill Bates, SOHN, Süperfly Orkestra feat. Elektro Hafız, Hazel English, dePresno

Tulpenduft, Neubepflanzung nach zwei Jahren Brache, orientalische Wurzeln, misogynes Unkraut jäten und ein Applaus erntender Sprössling - die Tracks der Woche in ihrer Blütezeit.

Von: Sophie Kernbichl

Stand: 09.09.2016

SOHN, Hazel English, Tigerilla, Süperfly Orkestra, dePresno | Bild: Montage BR / Phil Knott, Brandon C. Long, Mikey HUNJ, Mehmet Birinci, Bent-Rene-Synnevåg

Tigerilla feat. Gill Bates - Tulips

Tigerilla klingt erstmal wie der Benutzername eines süßen Girls auf Knuddels - ist aber der Künstlername von Matthew Khabbaz, einem Musiker mit Kapuzenpulli, Brille und langen Haaren. Auf seinem Dating-Profil würde vermutlich so etwas stehen wie: 'Sensibler Produzent mit Vorliebe für Elektro und Hip-Hop sucht sein Blumenmädchen. Du solltest Clubs mögen - am besten meinen eigenen namens Big Window -, auf Nasenpiercings stehen und nach Tulpen riechen.' Letzteres ist denkbar einfach, denn zu Tigerillas neuer Single "Tulips" gibt es auch gleich das passende Parfüm. Der Australier möchte anscheinend gebührend feiern, dass es endlich mehr komplett Eigenes von ihm gibt. Davor hatte er diverse Remix-Geschichten und Produktionen für andere Künstler wie Rapper Allday und die 17-jährige Mallrat am Start.  Für "Tulips" hat sich Tigerilla Mutual Friends-Kollege Gill Bates dazu geholt, der auf dem Track wie ein junger, unverbrauchter Pharell Williams klingt. Eine ordentliche Portion R’n’B, ein charmantes "hey giiiiirl" und ein treibender Beat - it’s a match.

SOHN - Signal

Eine meisterhafte Debütsingle namens "Bloodflows", das ebenso meisterhafte Album "Tremor" und zahlreiche, meisterhafte Beiträge zur Diskografie von BANKS, Lana del Rey und Kwabs haben dazu geführt, dass es eine Zeit lang kein Vorbeikommen an Christoph Taylor aka SOHN gab. Dann aber hat sich der medienscheue Musiker und Produzent aus London kurzerhand zurückgezogen und nicht wenige andere haben mit ähnlichem Sound versucht, die zurückgebliebene Lücke zu füllen. Doch jetzt ist der verlorene Sohn endlich zurückgekehrt und macht mit seiner aktuellen Single "Signal" deutlich, wer der König des Falsett-Gesangs ist! Smoother Elektro-Soul, der zum abdriften einlädt und dabei immer die Balance zwischen Melancholie und Glücksgefühl hält. Nichts Anderes haben wir von dem Mann mit dem starren Blick und dem schwarzen Kapuzenpulli erwartet. Schön, dass man sich in diesen unsicheren Zeiten wenigstens auf SOHN verlassen kann.

Süperfly Orkestra feat. Elektro Hafız - Shayze Schiwaga

Ein orientalischer Beat, ein unverständlicher Text - irgendwas zwischen Türkisch, Deutsch und Fantasieslang-, kurios gekleidete Menschen, die scheinbar über ein unfähiges Familienmitglied und Schönheitsflecken singen. Und ein Glas Schwarztee, das hektisch umgerührt wird. Optisch wie musikalisch gibt es einiges zu verarbeiten im Video zu "Shayze Schiwaga". Wer sich aber die Kulisse genauer ansieht, der erkennt: das ganze Spektakel spielt in München. Aha! Und auch die Verantwortlichen sind in München keine Unbekannten: im Wesentlichen stecken hinter dem Culture-Clash-Kollektiv der Münchner Produzent Nik Le Clap, der zum Beispiel die Beats für die deutschtürkische Rapperin Ebow bastelt, DJ Süperfly aka Tuncay Acar, einer der Mitbegründer des mittlerweile etablierten Münchner Projekts Import/Export und der Istanbuler Sänger Elektro Hafız. Das Ganze mit einer Prise Selbstironie gewürzt ergibt einen herrlich witzigen Musikeintopf, der mal wirklich Spaß macht.

Hazel English - I’m Fine

In Second-Hand-Klamotten wandert Hazel English durch die Indie-Musiklandschaft und möchte dabei am liebsten gar nicht mehr nach Hause gehen: "Never Going Home" heißt ihre im Oktober erscheinende Debüt-EP. Inspiration für selbige holte sich die Sängerin aus Melbourne bei ihren Idolen, darunter die Cocteau Twins, The Smiths oder Slowdive. Von den Besten gelernt, versteht es Hazel English Schmerz und Ängste in zuckersüßen Gesang zu hüllen. Und der in diesem Genre allseits beliebte Synthesizer darf bei ihrer Single "I’m Fine" sogar im Alleingang den Refrain bestreiten - auch wenn der Text durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient, denn die Gute hat kreatives Schreiben studiert. Auch wenn die zierliche Hazel mit ihrem Schneewitchenpony auf den ersten Blick ziemlich harmlos wirkt, schlägt sie einen ganz anderen Ton an, wenn es darum geht, dass weibliche Artists auch im Indie-Geschäft oft nicht ernst genommen werden: "It’s very surprising to me that we’re still dealing with sexism in the music industry. It’s crazy to me that some people think it doesn’t exist."

dePresno - Hide and Seek

Ein junger Norweger mit spanischen Vorfahren, roten Haaren und einem Regencape - das ist dePresno, zu dem der Titel seiner 2015 veröffentlichen Single "Stranger in Disguise" nicht besser passen könnte. Und weil der 20-jährige ein Faible für Verkleidungs- und Versteckspiele hat, heißt sein neues Werk "Hide and Seek", das er (komplett angezogen) in einer Badewanne in den Bergen performt. Apropos: sein Heimatort Bergen ist bereits bekannt für Ausnahmetalente wie Aurora, Kings of Convenience und Röyksopp, an deren Erfolg der Newcomer anknüpfen will. Das Zeug dazu hat er: eine klare Stimme mit Wiedererkennungswert und den Mut zu ein bisschen Pathos. In "Hide and Seek" pendelt der Singer-Songwriter zwischen Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit und beweist damit eine für sein junges Alter erstaunliche Vielschichtigkeit. Der rührenden Legende nach hat dePresons Bruder sein Konto geplündert, um ihm einen Tag im Studio zu finanzieren, wo Produzent Geir Luedy so begeistert war, dass er ihn glatt unter seine Fittiche genommen hat.


6