4

Tracks der Woche #36/16 Kate Tempest, Malky, Fuchy, Adulescens, Bon Iver

Ein wortgewandtes Aschenputtel, zwei Rastlose mit Siebenmeilenstiefeln, ein rappendes Rumpelstilzchen, die Augsburger Stadtmusikanten und ein weltbekannter Goldesel – die märchenhaften Tracks der Woche.

Von: Sophie Kernbichl

Stand: 02.09.2016

Kate Tempest, Malky, Fuchy, Adulescens, Bon Iver | Bild: BR

Kate Tempest – Don’t Fall In

Kein langes Intro, sondern gleich auf den Punkt – schon nach den ersten Sekunden von "Don’t Fall In" ist klar: Kate Tempest ist zurück. Niemand sonst rappt so unaufhaltsam eine Line nach der anderen. Niemand sonst wurde so oft von der Fachpresse als Sprachrohr ihrer Generation und mit dem Prädikat "authentisch" ausgezeichnet. Niemand sonst zieht allein mit Worten das betrunkene Publikum des Glastonbury Festivals so sehr in den Bann, dass alle regungslos schweigen. Worte sind Tempests Ding und die 30-Jährige hat noch viel mehr zu erzählen: Gerade erschien ihr Erstlingsroman "Worauf du dich verlassen kannst". Der handelt von Pete, Becky und Harry, die auch die Protagonisten ihres Albums "Everybody Down" von 2014 sind. Für Anfang Oktober hat sie ihre neue LP "Let Them Eat Chaos" angekündigt. Passend zum apokalyptischen Albumtitel umgibt auch die vorab geschickte Single "Don’t Fall In" eine etwas bedrohliche Aura. In einer erbarmungslosen Wortflut rappt Kate von unerträglicher Langweile, Egozentrismus und der Sogwirkung des urbanen Lebens.

Malky – Lampedusa

Dramatische Streicher weichen einer entspannten Akustikgitarre im Jack-Johnson-Stil und dann singt eine angenehme Stimme "people underestimate how beautiful you are – they always do". Klingt erst mal nach einem klassischen Lagerfeuer-Lovesong. Aber dann geht es plötzlich um Waffen und Menschenopfer, die Stimmung kippt und ein Blick auf den Titel der neuen Single des Soul-Pop-Duos Malky macht deutlich, worum es eigentlich geht: Lampedusa. Die kleine Insel ist als Verbindung zwischen Tunesien und Italien zum Symbol für tragische Fluchtversuche geworden. Um über so ein schwerwiegendes Thema einen Song mit einer derart unbedarften Leichtigkeit zu machen, braucht es nicht nur Talent, sondern vor allem ein ganz besonderes Gespür – und das haben Malky, bestehend aus Sänger Daniel Stoyanov aus Bulgarien und Produzent Michael Vajna aus Ungarn. Die beiden kehrten dem Chart-Pop-Business vor einiger Zeit den Rücken und gründeten 2013 ihr eigenes Label. 2014 veröffentlichten sie ihr Debütalbum "Soon", bald legen sie mit dem Longplayer "Where is Piemont" nach.

Fuchy – Don't You Hold Me

Wenn Chefket dein Musikvideo postet, dann ist das schon mal ein guter Anfang. Wenn die Hauptfigur darin dann noch ein Comiczwerg mit Airmax, Adidasstreifen-Turban und fetter Zahnlücke ist, der mit einer Stimme wie Nate Dogg rappt – dann, ja dann hat dieser Künstler definitiv die volle Aufmerksamkeit der Rap-Community. Wer also ist dieser Fuchy? Hinter dem seltsamen Namen steckt das Alter Ego des Hamburger Produzenten Farhot, der nicht nur für den Überbeat von Haftbefehls "Chabos wissen wer der Babo ist" verantwortlich ist, sondern auch schon mit Fanta 4 und Fettes Brot gemeinsame Sache gemacht hat. Und wie das bei erfolgreichen Produzenten so ist, kommt irgendwann – in Farhots Fall 2013 – auch ein Soloalbum. Für die neue Single unter neuem Namen hat Farhot die Reggaevibes von damals gegen atmosphärischen Elektro, Klavier- und Panflötensamples getauscht. An seinem Credo, den Dingen Raum zur Entfaltung zu lassen, hat das deutsch-afghanische Multitalent festgehalten und sich für "Don’t Hold Me" knappe sechs Minuten Zeit genommen – bei einem so gut abgemischten Song ist das keine Sekunde zu viel.

Adulescens – Ataxia

Latein kann man nach der Schule nie wieder brauchen – von wegen! Zumindest bei diesem Bandnamen kann der große Stowasser helfen: "Adulescens, entis 1.: heranwachsend, jung" – ein passender Name für eine Newcomer-Band. So richtig neu sind Adulescens allerdings gar nicht. 2011 waren die fünf Indie-Jünglinge aus Aichach "Band des Jahres", danach haben sie ihren Sound etwas verändert und 2014 eine überraschend elektronische EP veröffentlicht. Warum das Debütalbum "Ataxia" trotzdem erst im Oktober dieses Jahres erscheinen wird? Vielleicht, weil es in der Band keinen Frontmann gibt und deswegen streng basisdemokratisch entschieden wird, wie was wann gemacht wird. Nachzuhören in den Making-of-Videos der neuen Platte, in denen sie diskutieren, wie "asozial" die Gitarre klingen soll – ein ungewöhnliches und trotzdem ausgereiftes Konzept, bei dem mit "Ataxia" ein runder Indiesong mit Gitarrengeschrammel und Hall herausgekommen ist, der mehr nach London als Augsburg klingt. "Bisl verzerrt ist doch geil, oder?", fragt Gitarrist Florian im Video seine Bandkollegen. Sehr geil sogar, Florian!

Bon Iver - 33 "GOD"

Bon Iver ist bekannt für seinen hochwertigen Indie-Folk. Die Alben des US-Singer-Songwriters finden sich aber nicht nur in den Vinyl-Plattensammlungen leidenschaftlicher Turnbeutelträger*innen, sondern haben längst Goldstatus. Deshalb war die Aufregung groß, als Justin Vernon aka Bon Iver nach fünf Jahren Pause sein neues Album "22, A Million" ankündigte. Nach "22(OVER S∞∞N)" und "10 d E A T h b R E a s T ⊠ ⊠"  ist jetzt mit "33 'GOD'“ die nächste Single aus der äußerst kryptischen Tracklist draußen. Aber nicht nur die Titel, auch sein Sound ist komplexer und undurchschaubarer geworden. Vielleicht auch inspiriert durch seine Zusammenarbeit mit James Blake ("I Need A Forest Fire“) vereint Bon Iver in "33 ’GOD’" die unterschiedlichsten Elemente zu einem leicht chaotischen Gesamtkunstwerk. Deshalb: Augen zu und von Justin Vernons eindringlicher Stimme durch die flimmernde Soundlandschaft leiten lassen. Und wenn dann das Schlagzeug einsetzt, ist er wieder da, dieser Moment des Loslassens, der die Faszination Bon Iver ausmacht.

Abstimmung

Welchen Track möchtet ihr nächste Woche in unserer Hitparade hören?

Diese Abstimmung ist keine repräsentative Umfrage. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild der Nutzerinnen und Nutzer von BR.de, die sich an der Abstimmung beteiligt haben.


4