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Oldies but Goldi(e)s Darum braucht Deutschland die Goldenen Zitronen

Die alten Herren des politischen Deutschpop beweisen auf ihrem neuen Album "Flogging a Dead Frog", dass sie immer noch eine der wichtigsten deutschen Bands sind - obwohl es nicht einmal neue Songs gibt. Fünf Gründe, warum uns das rein gar nichts ausmacht.

Von: Hardy Funk

Stand: 17.09.2015 | Archiv

Die Goldenen Zitronen sind zurück mit "Flogging A Dead Frog" | Bild: Frank Egel

Vor 30 Jahren laufen sie in Schlafanzügen und Plastikblusen herum, spielen betont schmalbrüstigen Punkrock und singen über Teenagerdramen - alles nur, um die ganzen bierernsten Punkbands und ihre Iro und Lederjacke tragenden Fans zu provozieren. Mit "Am Tag als Thomas Anders starb" - einer Persiflage auf Juliane Werdings Anti-Drogen-Hymne "Am Tag als Conny Kramer starb" - landen sie einen Hit und verursachen einen Skandal. Kann man ja nicht machen, einfach so über den Tod eines Modern-Talking-Sängers phantasieren! Meinen zumindest Bravo und Bild am Sonntag.

Als man mit Fun-Punk Anfang der 90er Geld verdienen kann und die Goldenen Zitronen die neuen Ärzte werden sollen, lehnen sie dankend ab. Stattdessen singen sie über die brennenden Flüchtlingsheime und den neuen Nationalismus im wiedervereinigten Deutschland. Und sind heute das Aushängeschild gesellschaftskritischer Popmusik. Mit "Flogging a Dead Frog" haben sie jetzt ein neues Album draußen. Das besteht zwar nur aus alten Songs - neu eingespielt auf Englisch oder als Instrumentals - zeigt aber trotzdem, wie gut und wie wichtig die Goldenen Zitronen nach wie vor sind. Dafür gibt es fünf Gründe. Mindestens.

1. Ihre Songs sind zeitlos

Flüchtlinge, Bankenkrise, Gentrifizierung: Obwohl die Songs auf "Flogging a Dead Frog" schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, könnten sie nicht aktueller sein. In "Wenn ich ein Turnschuh wär" haben die Goldenen Zitronen vor neun Jahren die Abschottung der Europäischen Union gegen Flüchtlinge verurteilt. Wer denkt, die Goldenen Zitronen suchen sich ihre Inhalte im Darüber-spricht-die-Welt-Katalog aus, liegt aber falsch - die Themen drängen sich ihnen auf und sie können nicht anders als Stellung zu beziehen.

2. Ihr Sound lässt junge Bands alt aussehen

Andere Bands machen zwanzig Jahre dasselbe und klingen irgendwann wie eine schlaffe Rentner-Version ihrer selbst. Aber nicht die Goldenen Zitronen: Sie suchen ständig neue Ideen, probieren unbekannte Instrumente aus, bleiben in Bewegung. Früher haben sie Punkrock und Rockabilly gespielt, heute mischen sie Krautrock mit Techno. Und lassen damit so manche jüngere Band alt aussehen.

3. Sie sind schwer aktiv

Sänger Schorsch Kamerun ist gefragter Theater-Regisseur und Mitbetreiber des Golden Pudel Clubs in Hamburg. Bassist Mense Reents legt als eine Hälfte des DJ-Teams Die Vögel Techno auf. Auch alle anderen Bandmitglieder spielen in einer zweiten oder dritten Band. Obendrauf mischen sie sich gerne in politische Kämpfe ein: Kann gut sein, dass einer der fünf auf der nächsten Anti-Gentrifizierungs-Demo in Hamburg ein Megaphon in der Hand hat. Das alles hält frisch im Kopf und bringt neue Ideen für die Band.

4. Live sind sie unberechenbar

Bei jedem Konzert in jeder Stadt wieder beteuern, dass das hier nun aber wirklich das beste Publikum von allen gewesen sei? Nicht mit den Goldenen Zitronen: Die provozieren die Zuschauer lieber und schauen, was passiert. Sie tauschen die Instrumente untereinander, brechen Songs ab, stecken in den nächsten Versuch umso mehr Energie. Kurz: Sie machen alles - nur kein Programm abspulen.

5. Sie fordern ihre Hörer

Simple Slogans wie "Macht kaputt, was euch kaputt macht" gibt's bei den Zitronen nicht. Bei ihnen klingt Systemkritik so:

"Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue mich aber nicht, eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für einen Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden."

- Zitat aus Bloß weil ich friere

Sie mögen es gerne etwas kompliziert. Fast so kompliziert, wie die Welt nun mal ist. Nicht jeden Song kapiert man beim ersten Anhören. Und genau das ist das Schöne daran: Denn so hat man länger was davon. So lang sogar, dass die Songs noch einmal neu aufgenommen werden können. Ohnes dass es langweilig wird.


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Kommentare

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Jane , Dienstag, 14.Juni 2016, 17:09 Uhr

1. 'Wenn ich ein Turnschuh wär'

Könnte mir vlt. jemand bei der Analyse des Songs behilflich sein? Allen voran auch bezüglich des Metrums u.Ä.? Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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