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Plattenkritik Candelilla - Heart Mutter

Wer Candelilla verstehen will, darf sie nicht mit einer Band verwechseln. Warum die "Gruppe Candelilla" vielleicht das polarisierendste Kunstprojekt Bayerns ist, wird an ihrem neuen Album "Heart Mutter" ersichtlich.

Von: Florian Kreier

Stand: 04.02.2013 | Archiv

Candelilla 2013 | Bild: Candelilla

Auf keine Platte aus München wird auch außerhalb Bayerns so sehr gewartet wie auf Candelillas zweites Studioalbum "Heart Mutter". Warum? Weil die vier Münchnerinnen ihre Aufnahmen bei Steve Albini – dem Produzenten von Nirvana, den Pixies und PJ Harvey – gemacht haben. Weil die Platte außerdem auf dem sagenumwobenen Independent-Label "Zickzack" erscheint. Aber vor allem, weil wenige Bands so polarisieren wie die vierköpfige Noise-Rock-Band.

Die programmatische Verweigerung von Popmusik

Wer glaubt, dass Candelilla anders klingen, nur weil Steve Albini sie abmischt, hat sich getäuscht. Natürlich klingen Candelilla wie Candelilla: zerrissene Gitarrenwände und stoisch-atonale Klaviersalven treffen auf das Wrack eines Schlagzeugs und einen Bass, der klingt, als würde er in einem fort erwürgt werden. Auf ihrem Album "Heart Mutter" beweisen die Damen ein ums andere Mal, dass sie es mit ihrer programmatischen Verweigerung von Popmusik ernst meinen. Indiz dafür ist das Ausmaß der Zerstörung: Die nummerierten Songs sind abstrakte und gefühlsneutrale Audio-Skulpturen, das maximal verkopfte Produkt aus ungefähr allem, was die europäische Geistesgeschichte in Sachen Widerspenstigkeit so hergibt. Candelilla verweigern sich allem: Schönheit, Freude, Humor, Gemütlichkeit und in allererster Linie natürlich Popmusik. Aber das machen sie mit einer Versessenheit und einem Nachdruck, die ihresgleichen suchen.

Musik als Aspekt eines Ganzen

Ebenso zerrissen wie ihre Songs sind natürlich die Texte dazu. Es sind Zitatcollagen, genau wie ihr abstrakt-abstruser Noiserock, der collageartig verschiedene Melodie-, Krach- und Textfetzen miteinander verwebt. Die Hauptarbeit, um in ihrem Vokabular zu bleiben, ist die selbstreferentielle und selbstreproduktive Umsetzung ihres Konzepts von postmoderner Kunst. Und hier kommen wir der Sache auf die Spur: Wer Candelilla als klassische Band versteht, ist auf dem Holzweg. Candelilla nennen sich nicht umsonst "die Gruppe Candelilla" – sie verstehen sich als Gesamtkunstprojekt und ihre Musik ist nur ein Aspekt des Ganzen.

Wer Candelilla wirklich erfahren will, muss die vier Frauen live sehen, wenn sie springen, spucken, lachen, tanzen und schwitzen. Dann erschließt sich das Zusammenwirken von trotzig-punkigen Prügelparts und sanft-poppigen Hooks, von bedrohlich-burschikoser Arroganz und zuckersüßem Augenzwinkern. Das Gesamtkonzept, die Performance der Performenden, macht trotz aller Widersprüche aus der Gruppe Candelilla eine runde Sache.

Ein abstruser Plan namens Un-Musik

Vielleicht ist die größte Qualität der Band, dass sie unentwegt Fragen aufwirft, mit eigentlich jedem ihrer Schritte. Kann man ihnen vorwerfen, dass sie der Wille treibt mit ihrem absurden Plan von Un-Musik berühmt, bekannt, bejubelt zu werden? Ist die Zerstörungswut gegenüber Popmusik nicht in Wirklichkeit Liebe für sie? Ist ihre nachdrückliche Bedachtheit auf das Band-Image nicht das Gegenteil von Authentizität? Und sind sie mit ihrer Verweigerung von Pop nicht maximal im Pop verhaftet? Und wenn schon! Dem großen Spektakel ihrer Inszenierung tut das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil – und ihr Tourplan und das Interesse für die vier Münchnerinnen war nie größer.  


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Kommentare

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Paul, Montag, 04.Februar, 21:40 Uhr

1. Danke

ich glaub ich kapier zum ersten was die wollen