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Jeremy Pritchard von Everything Everything zum Brexit "Wir schämen uns, Teil dieser Deppenaktion zu sein"

Eine riesige Pleite für die britische Musikszene: Das befürchtet Everything Everything-Bassist Jeremy Pritchard im Falle eines Brexits. Aber er ist zuversichtlich. Außerdem hat er eine große Bitte an alle Europäer.

Von: Matthias Scherer

Stand: 23.06.2016

Bandfoto Everything Everything | Bild: RCA Records

PULS: Sollten die Bürger Großbritanniens entscheiden, die EU zu verlassen: Welche Auswirkungen hätte das auf eure Arbeit als Band?

Jeremy Pritchard: Das kann man auf zweierlei Art sehen:  Auf einer persönlichen Mikroebene als Band wird es schwerer, Shows in Europa zu spielen. Heißt: Die werden weniger. Die ganze Bürokratie, um Konzerte in den USA zu spielen, ist so behindernd und teuer, sie hält uns schlicht davon ab, dort so oft zu spielen wie wir gerne würden. Das gleiche gilt für die Schweiz, ein Paradebeispiel für ein Land das in Europa, aber nicht in der EU ist. Dort gibt es auch kaum eine Musikszene, weil es so schwer ist für ausländische Bands, dort Konzerte zu geben.

Für Briten würde jedes Land auf dem Kontinent zur Schweiz: Also schwierig zu erreichen und teuer zu bespielen. Für kleine und mittelgroße Bands wie uns – die tatsächlich einen Großteil der tourenden Musikindustrie ausmachen - liegt die Latte recht hoch, dann eine Tour durch möglichst viele Länder auch rückfinanzieren zu können. Wahrscheinlich würden wir das nicht schaffen. Soviel zu den ganz praktischen Folgen.

Es steht aber auch eine viel wichtigere, ideologische Sache auf dem Spiel: Wollen wir eine Gemeinschaft sein, die gemeinsam das Allgemeinwohl sucht? Oder wollen wir ein kleinliches, isoliertes und imperialistisches Dasein aus den fadenscheinigen Gründen, die die "LEAVE"-Kampagne anführt?

Sieht noch nicht total schwarz: Everything Everything-Bassist Jeremy Pritchard

Zugegeben, die EU ist alles andere als perfekt, aber ein Rückschritt um gut 50 Jahre wäre ein Riesenfehler für Großbritannien. Warum wir da raus wollen würden, ist mir ein Rätsel. Wie die Frage überhaupt aufkommen konnte, ist mir ein Rätsel. Naja, ich weiß schon, wie: Premierminister Cameron will den Rechtsaußenflügel seiner Partei besänftigen, damit sie nicht zur noch weiter rechts stehenden UKIP abwandern. Um sie also zu besänftigen, hat er ein Referendum über die Europäische Union veranlasst. Das ist feige und wahrscheinlich bereut er es: Denn im besten Fall geht es sehr, sehr knapp aus.

Cameron hat sich das Referendum also selbst eingebrockt, macht jetzt aber Wahlkampf dagegen?

Ich weiß, es ist bizarr. Und natürlich fühlen sich viele Leute generell im Stich gelassen von unserer Regierung, einschließlich mir. Mit Cameron also auch nur in einem Punkt einer Meinung zu sein, ist an sich schon schwierig für viele Menschen. Einige werden gegen die EU stimmen, nur weil er dafür ist. Auf parteipolitischer Ebene ist all das sehr verwirrend für den Wähler, viele Leute sind außerdem sehr enttäuscht vom Tonfall der ganzen Wahlkampagne, vor allem von der "LEAVE"-Seite.

Wie ist die Stimmung unter britischen Musikern und Künstlern generell: Gibt es eine Tendenz Richtung drinbleiben oder raus aus der EU?

Vorsichtig geschätzt würde ich sagen: Wahrscheinlich 90 bis 95 Prozent wollen drinbleiben. Ich kenne persönlich niemanden, der in Kunst, Musik oder Medien arbeitet und findet, es wäre eine gute Idee, die EU zu verlassen.

Ist das unter Freunden und Kollegen überhaupt ein großes Gesprächsthema?

Es deprimiert die Leute einfach nur noch, weil die Nachrichten und die sozialen Medien damit überfüllt sind. Kommt das Thema unter Freunden irgendwo auf, stürzt die Stimmung ins Bodenlose, also will keiner mehr drüber reden. Teilweise auch, weil ich mich in eher linksgerichteten Kreisen bewege. In meinem Freundeskreis gibt es kaum andere Meinungen. Grundsätzlich deprimiert die Leute, dass mit diesem Referendum die EU, dieser Triumph der Zusammenarbeit nach all den Schrecken des Krieges im 20. Jahrhundert, überhaupt infrage gestellt wird. Etwas verteidigen zu müssen, das so viel größer als nur dieses eine Land hier, ist bizarr.

Kannst du den Ausgang des Referendums vorhersagen?

Vorhersagen nicht, aber in solchen Situationen bin ich optimistisch und würde sagen: 51 Prozent pro EU, 49 Prozent raus. Ich hoffe, es wird genau reichen. Dienstagmorgen hieß es, auch die Londoner Finanzbranche wettet auf einen Verbleib. Das ist keine Garantie, macht aber Hoffnung. Wenn Freitagfrüh die Ergebnisse bekannt werden, sitzen wir im Flieger nach Amsterdam und schämen uns jetzt schon – einfach nur dafür, irgendwie Teil dieser Deppenaktion zu sein. Ich hätte Verständnis dafür, wenn uns der Rest Europas beschimpft, als kleinlich und isolationistisch und imperialistisch, das ist im Moment nur gerechtfertigt.

Ein anderes Problem ist: Die Rechten im Land haben viel erreicht, viele tiefe alte Wunden aufgerissen und die Menschen polarisiert. Früher haben sich Leute beschwert, die Politik sei zu eintönig geworden, die großen Parteien würden sich nicht mehr groß voneinander unterscheiden. Und obwohl das hier keine parteipolitische Sache ist, sind die Fronten diesmal sehr klar abgesteckt. Schockierend, wie aufgebracht die Menschen davon sind: Auf eine sehr tragische, individuelle Weise zum Beispiel der Mörder von Jo Cox! Eine Abgeordnete, die an den EU-Verbleib glaubte, dafür kämpfte und wegen ihrer Überzeugungen ermordet wird. Von einem Faschisten. Schrecklich.

Ich möchte den Menschen in Deutschland und ganz Europa sagen: Nicht alle von uns, hoffentlich nicht mal die meisten von uns, wollen raus aus der EU. Bitte vergebt uns.


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