Anime-Hologramm Hatsune Miku Der erste virtuelle Popstar der Welt

In Japan singt Hatsune Miku vor ausverkauften Stadien, wirbt für Toyota und Google und hat Millionen Fans. Dabei gibt es sie gar nicht wirklich - Hatsune Miku ist der erste virtuelle Popstar der Welt.

Von: Malte Borgmann

Stand: 18.10.2017

Hatsune Miku | Bild: picture-alliance/dpa

Ein typischer Auftritt von Hatsune Miku sieht folgendermaßen aus: Im Publikumsbereich tausende entfesselte Fans, die ihre neonfarbenen Knicklichter enthusiastisch im Takt wedeln. Oben auf der Bühne, im Hintergrund, eine Band aus japanischen Profimusikern. Und vor ihnen leuchtet Hatsune Miku - die, wegen der sie alle hier sind. Das mit dem Leuchten ist dabei wörtlich zu nehmen: Hatsune Miku ist ein Hologramm. Ein spindeldürres Animemädchen mit großen Augen und zwei langen blauen Zöpfen, die tanzt und singt und niedlich aussieht.

Gespenster aus dem Hier und Jetzt

Dass Fans Hologrammen zujubeln, ist nichts Neues mehr: Wir alle haben die Auferstehung von Tupac, ODB oder Michael Jackson auf YouTube gesehen. Und davor gab es die Gorillaz - eine komplett erfundene Zeichentrick-Band.

Bei Hatsune Miku geht all das aber noch einen Schritt weiter. Bei den Gorillaz sang Blur-Frontmann Damon Albarn, bei den Hologramm-Gespenstern toter Popstars hörte man alte Aufnahmen ihrer Stimme. Bei Hatsune Miku kommt aber selbst der Gesang komplett aus dem Computer: Bevor sie nämlich ein Hologramm und ein Star wurde, war Hatsune Miku lediglich ein Vocal-Synthesizer-Preset.

Im Jahr 2003 präsentierte die Firma Yamaha den Vocaloid: einen Software-Synthesizer, der menschlichen Gesang imitiert. Man füttert das Programm mit Text und Melodie, und der PC singt einem das Gewünschte vor. Entwicklerstudios veröffentlichen in der Folge eigens modellierte Stimmen, die auf dem Vocaloid-Programm aufbauen: "Leon" und "Lola" zum Beispiel, die einen männlichen Soulsänger und eine weibliche Soulsängerin darstellen sollen. Die Firma Crypton Future Media hat dann die Idee, die von ihnen entwickelte Stimme Hatsune Miku als blauhaariges Animemädchen zu bewerben. Mit gigantischem Erfolg.

Der erste kollektive Open-Source-Popstar

Hatsune Miku hat ein Eigenleben als Popstar entwickelt. Das Besondere dabei: Ihre Songs werden nicht von einem eigenen Produzententeam geschrieben, sondern von den Fans. Schließlich kann jeder mit der entsprechenden Software Hatsune Miku seine Stücke singen lassen. Und so gibt es mittlerweile weit über 100.000 Hatsune-Miku-Tracks im Internet. In den verschiedensten Genres: Von kitschigem J-Pop über düsteren Industrial bis hin zu Heavy Metal. Besonders gelungene Songs werden dann von Crypton Media Future als Singles vermarktet. Die Fans auf den Konzerten des blauhaarigen Avatars feiern also ein Stück weit auch ihre eigene Schöpfung - Hatsune Miku ist sozusagen der erste kollektive Open-Source-Popstar.

Seit einiger Zeit wird daran gearbeitet, dass Hatsune Miku auch im Westen durchstartet. Es gab eine Kollaboration zwischen Pharrell Williams und dem digitalen Popstar, sie war bei Talkshowlegende David Letterman und im Vorprogramm von Lady Gaga durfte sie auch schon auftreten.

Einen Hit hatte Hatsune Miku übrigens bereits im Westen - allerdings inkognito: als Nyan Cat. Der hypnotisch gut gelaunte Gesang der fliegenden Regenbogen-Katze - das ist Hatsune Mikus Stimme.