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Interview // Die Beginner über Homophobie "Mackertum ist im HipHop extrem verbreitet"

Sie sind zurück mit neuer Single und bald anstehendem Album: die Beginner. Im Interview reden sie über Homophobie im HipHop und wie sie auf ihrem neuen Album die Balance zwischen Witz und politischer Korrektheit halten.

Von: David Würtemberger

Stand: 15.06.2016

Die Beginner im Gegenlicht | Bild: Universal

PULS: Die HipHop-Community soll die LGBT-Community unterstützen, diese Forderung kam gerade wieder nach dem Massaker in Orlando auf, zum Beispiel von Kid Cudi und Ty Dolla Sign. Es hat sich zwar schon viel getan, aber die Diskussion an sich ist doch schon unfassbar alt. Glaubt ihr, dass sich da jemals fundamental etwas ändern wird?

Denyo: Das, was da jetzt passiert ist, war ja so undurchsichtig. Es war schwierig für mich zu sehen, was da jetzt die Motivation gewesen ist. War es jetzt eine schwulenfeindlich motivierte Aktion, war es ein Akt des Terrors? Oder beides? Inwiefern hat das jetzt etwas mit HipHop zu tun? Das ist mir alles nach zwei Promotagen überhaupt gar nicht klar.

PULS: Naja, die Attacke war ein homophober Terrorakt. Aber der Punkt ist: Es gibt immer noch an jeder Ecke Homophobie im Rap und das ist zum Beispiel für einen Schwulen, der gerne Rap hört, immer wieder verletzend.

Denyo: Da gibt es verschiedene Perspektiven: Die eine ist, dass dich die Homophobie stört oder traurig macht - mich auch, ganz klar. Man muss aber ein bisschen aufpassen, wenn es um Rap geht und um Wortspiele. Vor allem bei Slangsachen - man sagt ja auch "Nigger" - und dann sagt man auch "Faggot" oder sonst was und macht vielleicht einen Witz über Schwule. Selbst ich habe jetzt auf "Advanced Chemistry" eine Line, wo ich sag: "Meine Baseline ist kaputt, dein Vibrator ist im Arsch." Und da geht's nicht gegen Schwule, sondern da geht’s halt um ne lustige Line. Man muss ein bisschen aufpassen, dass man den Worten noch Freiraum gibt, auch ein bisschen politisch unkorrekt zu sein, ohne dass einem gleich unterstellt wird, das sei homophob oder rassistisch oder frauenfeindlich oder was auch immer. Man muss ein bisschen Humor noch zulassen. Das ist aber eine Perspektive: Die andere ist, dass weltweit - auch nicht nur im HipHop, sondern generell eigentlich - Homophobie präsent ist. Da muss natürlich noch eine Menge getan werden. Die ganze Welt ist noch ungerecht, Minderheiten egal welcher Art werden halt nach wie vor diskriminiert.

PULS: Man kann ja auch mal über einen Schwulenwitz lachen. Aber er muss halt gut sein und nicht einfach andauernd nur kommen, weil sich "Hey auf "gay" reimt. Und das ist doch einfach fürn Arsch - und zwar ohne Vibrator.

Denyo: Total! Wenn es keinen Humor, keinen Gag, keine tiefere Ebene hat, wo man merkt, dass es ein Witz ist, dass es nur ganz stumpf ist, dann kann ich das unterschreiben. Das höre ich mir dann selber auch nicht an.

DJ Mad: Das Mackertum ist historisch im HipHop extrem verbreitet. Ich glaube, die Macker haben da auch ein bisschen Schiss, dass man an ihrer Basis, ihrer Coolness kratzt. Wenn man dann halt so dieses Buddy-Ding macht und auf einmal ist das denen zu weich. Das passt einfach nicht in ihr Weltbild, das kratzt voll an ihrem ganzen Gebäude und das wollen die nicht. Das ist armselig, aber so ist das nun mal. Aber es gibt ja auch sehr viele AfD-Wähler, die sind auch armselig, die kannst du ja auch nicht wegdiskutieren.

Jan: Ich denke, dass das generell so ein Problem ist. Die Ausgangsfrage war ja, warum es dazu kommt, dass niemand in der Community was dazu sagt und niemand hinter den Opfern und den Angehörigen steht. Ich glaube, das ist einfach ein generelles Problem vor allem in Amerika, dass da niemand seine Stimme erhebt aus der HipHop-Szene, wenn solche politisch motivierten Terrorakte passieren. Egal, ob da jemand in den Schwulenclub rennt und alle abschießt oder in Boston beim Marathon jemand Bomben zündet. Ab so einem gewissen gesellschaftlichen Standing und so einem Popstarstatus halten die sich da raus. Kanye West ist der einzige, dem das alles scheißegal ist. Die anderen denken: "Ich kann das jetzt nicht in die Waagschale schmeißen und mich kritisch zu einem Attentat auf den Schwulenclub äußern, weil das ist irgendwie zu gefährlich für meinen Status".

Denyo: Das ist interessant, was du sagst. Ich glaube, dass das nicht nur auf den Popstatus bezogen ist. Sondern das ist das Problem als HipHopper. Es ist einfach noch so, wenn du einen gewissen Coolnessfaktor hast und wenn du dein Gesicht wahren möchtest, dann ist das tatsächlich noch so, dass man auch in der HipHop-Szene uncool rüberkommen würde, wenn du dich damit solidarisierst. Dass du vielleicht - egal ob als Jay-Z oder auch als kleinerer Act - irgendwie darüber nachdenkst, ob das jetzt in Ordnung ist, dass du dich mit etwas solidarisierst, obwohl da Schwule mit dabei sind. Und allein diese Denke zu haben ist natürlich das Hauptproblem. Es muss auf jeden Fall noch eine Menge passieren, Frank Ocean hin oder her.


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