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Phänomen Links-Rap Zecken(rap)alarm

Rapper, die Punk machen? Punker, die Rap machen? Zeckenrap klingt erstmal nach einer ziemlich kuriosen Idee. Auf YouTube gehen die Videos von linken Rappern wie Swiss oder Sookee aber steil. Zeit, mal genauer hinzuschauen.

Von: Sonja Esmail-Zadeh

Stand: 29.10.2014 | Archiv

Der Zeckenrap-Rapper Swiss | Bild: CC BY-SA 3.0 DE/ http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en

Tattoos am Körper, Piercings im Gesicht, bunte Haare unter dem Cap und Sneaker an den Füßen - schon der Look der selbsternannten Zeckenrapper macht klar: Das ist eine neue Form von HipHop - halb Punk, halb Rap. Fast schon ein Urgestein dieser Szene ist Spezial K von der Crew Kurzer Prozess aus Nürnberg. Mit seinen subversiven Texten hat er den Punk-Rap wesentlich mitgeprägt und gehört inzwischen auch zum linken HipHop-Kollektiv TickTickBoom.

"Es hat sich ein schöner kleiner Pool gebildet an Leuten, die sich miteinander vernetzen. Es gibt immer mehr Workshops und Konzerte noch und nöcher und es gibt auch Kids, die nicht nur Anabolika-geschwängerte Vollpfosten in ihren Mp3-Playern haben."

Spezial K

Klar, die Kollegahs und Bushidos dominieren die Charts. Aber es gibt auch Kraftklub oder Casper, die mit gängigen HipHop-Klischess gebrochen haben und trotzdem erfolgreich sind. Zeckenrap ist eben eine weitere Spielart des HipHop - quasi die politisierte Form des Befindlichkeitsrap.

Swiss aus Hamburg geht dabei noch etwas radikaler zur Sache. Solo ist er mit (Deutsch-)Rap durchgestartet und hat dann mit seiner Band Die Anderen den Kurs auf Punk-Rap geändert, inklusive E-Gitarren-Brett.

Eine Gegenbewegung zu dem, was da ist

"Ich möchte nicht so Curse-mäßige Fingerzeig-Musik machen. Der Rap früher war wütend, ein Sprachrohr der unteren Schicht. Ich glaube, Zeckenrap ist wichtig, weil es eine Gegenbewegung zu dem ist, was da ist. Und ich glaube, dass er auch sehr vielen Leuten aus der Seele spricht."

Swiss

Mit Wut im Bauch und rotziger Punk-Attitüde bringt Zeckenrap die Politik zurück in den HipHop. Damit ist er relativ nah an dessen Wurzeln und begründet ein weiteres Subgenre. Nach Gangsta-, Battle- oder Emo-Rap gibt es jetzt eben auch Zeckenrap. Übrigens: Der Begriff Zecke war ursprünglich mal ein Schimpfwort der Rechtsextremen für alle, die anders denken als sie. Weil Punks aber schlaue Füchse sind, haben sie sich das Wort geschnappt und zu ihrem eigenen gemacht. Ähnlich wie das böse N-Wort im Rap. #reclaimeverything

Bleibt die Gretchenfrage: Wie passt linke Musik mit guter Vermarktung zusammen? Sookee, eine Berliner Rapperin, die sich vehement gegen sexistische Klischees im HipHop ausspricht, macht sich genau darüber Gedanken:

"Wie lassen sich gesellschaftliche Veränderung, subkulturelle Ideen, Werte und Ideale in einen Mainstream überführen, ohne sich auszuverkaufen und vereinnahmen zu lassen? Das ist mein großes Thema gerade. An welchen Stellen muss ich Kompromisse machen, um anschlussfähig zu bleiben?"

Sookee

Das sind die bekanntesten Zeckenrapper(innen)

Spezial K

Rapper Spezial K | Bild: Special K

Ein Urgestein des Zeckenrap sind Spezial K und MC Algun von der 2007 gegründeten Crew Kurzer Prozess aus Nürnberg, die inzwischen auch im linken HipHop-Kollektiv TickTickBoom mitmischt. Mit seiner rotzröhrig schwingenden Stimme sagt Spezial K dem Kapitalismus den Kampf an und plädiert für die Freiheit der Menschen. Unter den subversiven Texten liegen mal melancholische, mal pochend-hämmernde Beats. 

Swiss & Die Anderen

Ein noch radikaleres Zeckenrap-Kaliber ist Swiss (auch: " 6W†66") aus Hamburg. Solo beginnt er mit provokativem Deutschrap - mit seiner Band Die Anderen geht er dann immer mehr in Richtung Punk und etabliert sich schnell im Zeckenrap. Weniger politisch, dafür aber umso wütender kreidet er die "Missglückte Welt" an: fernab von Glitzer und Glamour und niemals mit erhobenem Zeigerfinger. Eher mit knarzenden E-Gitarren und punkig-kratziger Stimme, die manchmal auch die Verletzlichkeit eines kleinen Jungen durchscheinen lässt. 

Refpolk

Das Nordlicht Refpolk ist zusammen mit seiner Rap-Crew Schlagzeiln in Berlin durchgestartet und hat 2012 sein erstes Solo-Album "Über mich hinaus" rausgebracht. Der Titel spricht für sich: Das Album bietet eine punk-poetische Reflexion über sich selbst und die Welt. Mittlerweile ist er fester Bestandteil der Crew TickTickBoom und tritt auch mit internationalen Zeckenrappern wie Daisy Chain aus Thessaloniki und Kronstadt aus Barcelona auf. Sein Sound: gediegen, weich und weniger lärmend.

Sookee

Die Berliner Rapperin Sookee ist eine der wenigen Frauen im Zeckenrap. Sich selbst nennt sie Quing - die Mischung aus Queen und King spielt auf ihre queer-feministische Haltung an. Im Kreuzfeuer der Kritik stehen bei Sookee sexistische Klischees und Homophobie in der HipHop-Szene. Sookee polarisiert mit pop-feministisch angehauchten Songs wie "D.R.A.G" oder "Pro Homo" und komplexeren, wortgewaltigen Tracks wie "Zusammenhänge", den sie zusammen mit TickTickBoom-Kollege Spezial K aufgenommen hat.

Neonschwarz

Das HipHop-Kollektiv Neonschwarz um die Rapper Johnny Mauser, Captain Gips, Sängerin Marie Curry und DJ Spion Y bringt positive Stimmung in den Zeckenrap. Pop und Elektro fließen genauso in ihren Sound ein wie linker HipHop, der zur Party oder zum Dauerurlaub einlädt. Mit Erfolg: Ihr bunter Gute-Laune-Sommersong "On A Journey" wurde 2010 zum YouTube-Hitund beschert der Crew einen Vertrag beim Hamburger Kult-Label Audiolith. Wie der überwiegende Teil der Zeckenrap-Szene gehören auch Neonschwarz zur Crew von TickTickBoom.  


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unwichtig, Montag, 03.November, 17:22 Uhr

2. Null Tiefgang

Schön dass ihr euch mit diesem Thema befasst, aber man merkt schnell dass da jemand zu Werke war, der sich noch nicht lange mit der Materie beschäftigt.
Qenn von "Urgesteinen" die Rede ist, sollte man eher mit Anarchist Academy anfangen,
die haben bereits 1992 (!) ihr Album "am Rande des Abgrunds" veröffentlicht, da hat sogar Kool Savs noch in die Windeln gefurzt. Die erste wahrnehmbare "Zeckenrap-Welle" ging so 2006/07 los, Holger Burner, Connexion Musical etc. sollten da keineswegs unerwähnt bleiben.
Speziell wenn man von Punkrap redet, sollten eher Namen wie Blockwart oder Disko Degenhardt fallen, und im linken Politrap fehlen Namen wie Derbst one oder Disarstar.
Dieser ganze Ticktick Boom Quatsch ist doch nur Popmusik die von weiten Teilen der aktiven linken Szene eher belächelt werden. Einsteiger Musik allerhöchstens...
Und Swiss sollte erstmal seine Homophoben Lines sein lassen, bevor er sich der linken- bzw Punkszene anbiedert.

  • Antwort von sonja, Montag, 03.November, 19:11 Uhr

    Hallo Unwichtig,

    die Absicht war es, das aktuelle Phänomen „Zeckenrap“, das auch in den Mainstream überschwappt, hervorzuheben und nicht die Zeiten, in denen Punk bzw. Zeckenrap noch eher ungewöhnlich war. Wenn du 2006/07 als Datum für die erste Zeckenwelle nennst - da haben sich Kurzer Prozess doch zusammengefunden. Holger Burner wird, wenn man sich mit der Materie beschäftigt, aufgrund von antisemitischen Äußerungen in dieser Szene sehr kritisch angesehen, Lena Stöhrfaktor ist lange mit Conexion (für Kenner mit einem n) Musical aufgetreten, macht aber momentan mehr solo und möchte auch nicht dem Mainstream zugeordnet werden. Von homophoben Lines ist in Swiss‘ neuer EP nichts zu hören, außerdem betont er dies auch im Interview. Wie gesagt, es geht um eine Vorstellung bekannter VertreterInnen dieser Zeckenrapszene, die auch heute noch sehr aktiv sind und sich nicht „am Rande des Abgrunds“ befinden und dazu gehört ganz klar TickTickBoom. Auch geht es nicht um tausende Namen quer durch die linke Polit-Rap-Bank, die nur eine spezielle Szene ansprechen. Der Artikel eignet sich daher gut für Leute, die mit Zeckenrap noch nichts anfangen können und ist mit etwas Tiefgang auch nicht als vertiefende Analyse zu verstehen. Aber es ist schön, dass dieser Artikel dazu anregt.

Simon, Freitag, 31.Oktober, 18:13 Uhr

1. SWISS

Liebe Puls-Redaktion,

Erstmal find ich's schön, dass euch das "Phänomen Links-Rap" einen Artikel wert ist.
Ich habe durch euren Artikel erstmalig von Swiss gehört und mir danach mal seine Musik angehört.

Was soll den an dem bitte "links" sein, beziehungsweise was qualifiziert ihn, in einem Artikel mit den anderen Menschen genannt zu werden?

Der verkörpert so ziemlich all das, was die anderen Zeckenrapper*innen am Mainstreamrap anprangern, weswegen sie sich ja dort auch nicht zu Hause fühlen und ihre eigene Subkultur geschaffen haben. Was ihr im Artikel als er sei noch "radikaler" als die anderen bezeichnet habt, heiszt in Wirklichkeit: Seine Texte sind plump, dumm und xenophob ("Ey du Touristenfotze, halt die Fresse"; Swiss - Halt die Fresse 05 Nr. 262), darüber hinaus prollig, mackerig und gewahltverherrlichend ("Ich schick' dich mit Turkey zum Waldrand, er tut dir Gewalt an"; ebd.), chauvinistisch und frauenfeindlich ("Meine Ex wird brennen, dieses Miststück"; ebd.). Er bezieht sich positiv zu Staat, Nation und Kapital und seine Videos reproduzieren sexistische Dartstellungen von Frauen (vgl. "Schwarz-Rot-Braun"). "Radikal" sind seine Texte in keiner Weise, sondern genauso menschenverachtend wie viele andere Rapper in der Mainstreamlandschaft.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass es in eurem Sinne ist, solch einem Menschen mediale Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Daher möchte ich euch bitten, die Passagen über ihn zu löschen. Swiss eignet sich hier ein Label an, dessen Werte er nicht im geringsten repräsentiert und ihr helft dabei noch.

Auch Marie Curry nur als Sängerin zu titulieren, finde ich ein starkes Stück nachdem sie auf fliegende Fische auf einigen Tracks eindeutig rappt. Auf der einen Seite in dem Abschnitt über Sookee feststellen, dass es wenige Frauen* im (Zecken-)Rap gibt, auf der anderen Seite eine weitere Rapperin unsichtbar machen, das passt nicht zusammen.

lg Simon.

  • Antwort von Sonja, Sonntag, 02.November, 22:54 Uhr

    Hallo Simon,

    danke für Deine Kritik. Der Zeckenrap ist - wie die RapperInnen in Interviews selbst sagen - sehr vielseitig und hat verschiedene Ausprägungen. Das heißt, dass es unter 5 vorgestellten RapperInnen auch einen geben darf, der nicht zum Kollektiv TickTickBoom gehört. Es ging vor allem darum, das Phänomen Zeckenrap zu beleuchten und Leuten, die noch nie etwas davon gehört haben, dessen bekannteste VertreterInnen vorzustellen. Und dazu zählt Swiss. Wenn Du erst durch den Artikel auf ihn gestoßen bist: Hör Dir doch ein paar seiner neuen Tracks wie z.B. „Finger zum MW“ an („Ich bin nicht rechtsradikal, sondern recht radikal…“). Im Interview sagt er, dass es im Zeckenrap „um mehr geht, als um Geld, Reichtum und Frauen“, „Homophobie und sexistischer Kram“ sind „falsch ausgelegte Hiphop-Attitüde“. Das ist zwar „keine so zentrale Thematik“ in seinen Tracks, weil er kein „Verfechter von Gruppierungen“ ist, sondern vom Menschen an sich und davon, „dass alle gleich sind“. Des Weiteren betont er ja auch, keine moralisierende „Fingerzeig-Musik“ zu machen. Das bringt er schon vom Sound her „radikaler“ als andere rüber. Wie aus dem Artikel hervorgeht, hat er zuerst „provozierenden Deutschrap“ gemacht. Hier geht es indes um das, was er jetzt macht und da positioniert er sich sowohl in seinen neuen Tracks, als auch im Interview eher links. Denkt man an Rapper wie Casper, wird eine musikalische Wandlung anerkannt und kann Erfolg haben. Auch wenn er durchaus im Mainstream ankommt, ist er authentisch und gibt wie die anderen im Interview an, dass es ok ist, subkulturelle Ideen in einen Mainstream zu überführen, solange man sich dabei nicht „verkauft“, nicht dem Mainstream verschuldet Inhalte ändert. Sein neuer Track „Schwarz-Rot-Braun“ ist mit ironischer Brechung, als Persiflage auf das „kleinkarierte, deutsche Spießertum“ zu verstehen (siehe auch Kraftklub „unsere Fans“). Es wäre daher schön, würdest Du die Vorstellung akzeptieren und nicht für Zensur plädieren.

  • Antwort von Sonja, Sonntag, 02.November, 22:56 Uhr

    Auch wenn sie auf einigen Tracks rappt, ist Marie Curry primär als Sängerin, nicht als Rapperin zu Neonschwarz dazu gestoßen. Zum einen sagt sie das in Interviews selbst, zum anderen wird sie auch überwiegend so vorgestellt. Wenn von wenigen Frauen im Zeckenrap die Rede ist, geht es nicht um eine haarkleine Trennung der Begriffe 'Sängerin' und 'Rapperin' (vor allem nicht bei einer kurzen Vorstellung), sondern um die Verortung der Frau in der Zeckenrap-Szene- zumal Singen und Rappen nicht unbedingt voneinander zu trennen sind, heißt Rap ja übersetzt Sprechgesang. Mehr noch als Marie Curry geben Rapperinnen wie Sookee oder Lena Stöhrfaktor an, dass Frauen im Zeckenrap oder auch in der linken Hiphopszene rar sind und daher eine „gesonderte“ Stellung haben. Um Gleichberechtigung zu schaffen, schreiben diese Rapperinnen überhaupt feministische Texte. Ich hoffe, Du kannst Dich damit arrangieren und zufrieden geben.

    Viele Grüße, Sonja