Jetzt Beat 54 (All Good Now) Jungle

Info Schluss mit dem Versteckspiel! Nachdem Jungle aus London sich hinter falschen Pressebildern und abgewehrten Interviews versteckt haben, ist der Mythos um ihre Identität 2018 zwar vorbei, die Euphorie über ihre Musik bleibt aber.

Tracks der Woche #43/18 Loyle Carner, The Ting Tings, Hail To Holly Temper, BHZ, Haiku Hands

Die Tracks der Woche ganz frisch vom Musik-Markt: Diese Woche kommen Conscious-Rap, Schwarzlicht-Wummern, innovativer Instrumentalsound, Lifestyle-Tipps vom Golfplatz und Dance-Empowerment auf den Tisch.

Von: Sophie Kernbichl

Stand: 18.10.2018 | Archiv

Tracks der Woche 43-18 | Bild: Marco Fumolo, Jack Davison, Alexander Ullmann, Facebook, Privat

Loyle Carner – Ottolenghi

Britischer Rap hat diesen ganz eigenen Flow. Der hinreißende Akzent gepaart mit melancholischen Piano-Beats erweckt sofort Bilder von einer grauen Großstadt und einer verlorenen Seele, die sich durch den Regen kämpft. Der Londoner Rapper Loyle Carner ist da keine Ausnahme. Wie er mit seinem Debütalbum "Yesterday’s Gone" gezeigt hat, zählt es zu seinen Stärken, tiefgründige Gedanken in eloquente Texte zu meißeln. Auf seinem neuen Track "Ottolenghi", benannt nach dem gleichnamigen Starkoch, denkt er laut über das Erwachsenwerden und dem Gründen einer Familie nach. Deep shit also. Das kann schnell mal anstrengend werden, aber Loyle Carner schafft es, seinem gefühlvollen Conscious-Rap durch den jazzigen Unterton eine lockere Art zu geben. Und damit kommt er auch außerhalb von England an: Obwohl er noch gar nicht so lange im Geschäft ist, war er schon bei Leuten wie MF Doom, Joey Bada$$ oder Nas im Vorprogramm.

The Ting Tings – Blacklight

Wir erinnern uns: The Ting Tings waren das freche Indie-Pop-Duo, das uns 2008 mit "That’s Not My Name" beständig daran erinnert hat, wie sie bitte nicht genannt werden möchten. Und weil das Ding so ein hartnäckiger Ohrwurm war, ist uns der Sound noch gut im Gedächtnis. Umso größer jetzt der Überraschungseffekt: Zehn Jahre später hört man der neuen Single "Blacklight" nur noch minimal an, dass es sich hier um die gleiche Band handelt. Die Stimme von Sängerin Katie White klingt vertraut, aber das musikalische Arrangement hat mehr von Synthie geladenem Drum’n’Bass statt girly Indie-Rock. Der Ton des Tracks ist finsterer, kantiger und eben auch erwachsener als die früheren Sachen der Ting Tings. "Blacklight" zeigt, dass die Band eine Entwicklung gemacht hat – und die wird man dann in voller Länge auf ihrem bereits für Ende Oktober angekündigten Album zu hören bekommen.

Hail To Holly Temper – Grillen im Schnee

Die Schutzfolie vom noch kratzerfreien Smartphonedisplay entfernen. Sich in ein frisch bezogenes Bett legen. Zum ersten Mal mit den neuen Schuhen vor die Haustür gehen. So in etwa fühlt es sich, den waschechten Newcomer Hail To Holly Temper zu hören. Alles noch taufrisch, gibt es auch noch wenig Infos zu dem Künstler. Nur, dass der Kerl unter dem Motorradhelm des Single-Covers von "Grillen im Schnee" wohl ein gewisser Johannes Wimmer ist. Und wer könnte diese scheinbar verehrenswerte Holly Temper sein, auf die das Künstlerpseudonym anspielt? Kein Plan. Was aber tatsächlich keinerlei Fragen offenlässt, ist die erste Single des Unbekannten. Auf "Grillen im Schnee" hat er einen sicken Beat zusammengeschraubt und sich dann innerhalb von vier Minuten ordentlich ausgetobt: Analog trifft auf Digital. Soft trifft auf hart. Instrumental trifft auf Stimme. Wer mit seinem Sound so überzeugt, muss auch keinen großen Rummel um die eigene Person machen.

BHZ – Drop Top

Willkommen beim Must-Have-Bingo des Rap. Durchgespielt mit Hilfe des Tracks "Drop Top" von BHZ. Es geht los: weiße Nikes – Check. San Pellegrino und Hennessey – Check. Fetter Mercedes – Check. Batzen in der Tasche – Check. Insta-Groupies – Check. BINGO! Auf "Drop Top" findet man alles, was das Deutschrap-Herz begehrt. Die BHZ-Crewmitglieder Ion Miles und Big Pat liefern zahlreiche Lifestyle-Lines, dazu gibt es frische Trap-Beats und eine tiefenentspannte Hook. Im Video wird dann mehr oder weniger ironisch auf dem Golfplatz in weißer Polo-Uniform geflext. Das Posen und die Karre gönnt man den Jungs aus Schöneberg, denn sie haben sich ihren Platz im Rapgame hart erkämpft. Angefangen hat alles als eine Art rappender Jugendtreff: Einfach ein paar Freunde, die zusammen freestylen und an Tracks basteln. Mittlerweile haben sie die erste ausverkaufte Show gespielt, einen Abriss beim Splash dieses Jahr gefeiert und ihr Debütalbum "2826" rausgehauen.  

Haiku Hands – Squat

Kurz nach Mitternacht: Alle stehen im Club, die Mukke wäre auch eigentlich ganz gut, aber keiner bewegt sich. Da hilft nur: mehr Alkohol zur Auflockerung.  Oder: der neue Song "Squat" von Haiku Hands. Der hat so einen extrem animierenden Beat und schwungvolle Bläser am Start, dass man beim Hören kaum stillhalten kann. Außerdem wird in den Lyrics auch gleich erklärt, wie man so tanzt, "als würde niemand zusehen". Für diesen Dance-Empowerment-Track haben sich die Ladies aus Sydney Unterstützung vom afrikanisch-australischen Kollektiv True Vibenation geholt. Generell sind Haiku Hands große Fans von Kollaborationen. Es ist ja nicht so, als würden die vier Mitglieder nicht auch so schon genügend Kompetenz mitbringen – ob als bildende Künstlerin, erprobte DJ oder Jazzsängerin – aber die Australier lieben einfach die Abwechslung. Und das Konzept geht auf: In ihrer Heimat sind die Konzerte von Haiku Hands bereits reihenweise ausverkauft.

Sendung: Freundeskreis, 22.10.2018 - ab 10.00 Uhr