Von Austropop bis Cloudrap Die 10 größten Musiktrends der 10er-Jahre

Die 10er Jahre sind rum und haben uns neben einem Haufen Memes auch einige musikalische Trends beschert. Manche hatten die Halbwertszeit einer Avocado, andere werden uns noch für lange Zeit verfolgen.

Von: Inés Peyser-Kreis

Stand: 18.12.2019 | Archiv

Yung Hurn - Nein (Official Video) | Bild: Live From Earth (via YouTube)

In den 10er Jahren haben wir vor allem eins: gestreamt. Egal wo, egal wie. Klicks haben sich zur neuen Musik-Währung entwickelt. Aber welche Trends haben die 10er Jahre in musikalischer Hinsicht sonst geprägt?

10. Austropop-Welle

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Wanda (A) - Bologna | Bild: wandamusikVEVO (via YouTube)

Wanda (A) - Bologna

Falco ist in den 10er-Jahren aus dem Grabe auferstanden - oder hat zumindest in diversen Bands seine Reinkarnation gefunden. Unverhohlener österreichischer Akzent und Wiener Flamboyanz ist wieder en vogue. Mit Bilderbuch, Wanda, Granada, Vodoo Jürgens & Co. erlebt der österreichische Pop einen Boom, der seinesgleichen sucht. Während die einen auf Schlager-Renaissance setzen, zelebrieren die anderen den gepflegten Art-Pop – aber immer mit einer Portion Schmäh, versteht sich.

9. Surprise-Alben

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Beyoncé - Partition (Explicit Video) | Bild: BeyoncéVEVO (via YouTube)

Beyoncé - Partition (Explicit Video)

Es ist Vorweihnachtszeit 2013: Beyoncé droppt wie aus dem Nichts ihr selbstbetiteltes Album – und alle rasten aus. Und damit ist ein Trend geboren, den Queen B wie keine andere durchzieht. Denn bei "Lemonade" und "Everything Is Love" bringt sie den Move gleich noch mal. 2018 springt auch Eminem mit dem überraschenden Release von "Kamikaze" auf den Trend auf. So ein Surprise-Album ist natürlich auch deshalb so spannend, weil es kaum zu glauben ist, dass zu Zeiten von Social-Media-bedingter Hyper-Öffentlichkeit so ein geplantes Release nicht doch schon vorher geleakt wird.

Aber klar – dieser Stunt zieht nur bei den richtigen Megastars, bei denen sich alle Medien inklusive dem kleinsten Twitterer sofort darauf stürzen. Deswegen hatten die Musiker*innen im Mittelfeld dieses Jahrzehnt eher die gegenteilige Strategie, um auf sich aufmerksam zu machen: nämlich mit monatelangen Promophasen und dem Vorbestellen von…

8. Fanboxen

Bei den zunehmend sinkenden CD-Verkäufen musste man sich als Künstler*in möglichst schnell neue Einnahmequellen suchen. Deutschrap fand: die limitierte Fanbox. So kriegten viele Rapperr*innen ihre Fans, die ansonsten nur gestreamt hätten, dazu das Album auch physisch zu kaufen. Schließlich gibt es in so einer Box zusätzlich zur Musik noch Sticker, Poster, Shirts, Schlüsselanhänger oder ne schicke Cap oben drauf. Dabei übertreffen sich Rapper*innen gegenseitig mit ihren absurden Ideen für ihren Boxinhalt: eine schusssichere Weste (Luciano), eine eigene Sonnenbrille (Loredana, natürlich) oder Abziehtattoos (Yung Hurn).

7. Weltmusik 2.0

In den 10er-Jahren wurde dem eingestaubten Begriff Weltmusik wieder neues Leben eingehaucht. Westlicher Pop, HipHop und House wurden fröhlich mit den Klängen anderer Kontinente vermischt. Ergebnis: Latin-Pop, Afrotrap und Tropical House werden groß. Im besten Fall entstanden dabei Tracks wie das Feature von James Blake und der spanischen Sängerin Rosalía.

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James Blake - Barefoot In The Park (feat. ROSALÍA) | Bild: JamesBlakeVEVO (via YouTube)

James Blake - Barefoot In The Park (feat. ROSALÍA)

Im Zuge dieser grundsätzlich ja ehrenswerten Experimentierfreudigkeit enstanden aber auch einige Trends, die in der Masse schnell nervig wurden. Unzählige, von Afrotrap inspirierte Songs legen den Verdacht nahe, dass es den Künstlern dahinter weniger um den interkulturellen Austausch, als um höhere Reichweite und die Möglichkeit den nächsten Sommerhit zu landen geht. Dass zum Beispiel Tropical House à la Klangkarussell und BUNT. nur ein vorübergehender Trend war, ist ein Segen.

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Klangkarussell - Sonnentanz (Video HD) | Bild: Kontor.TV (via YouTube)

Klangkarussell - Sonnentanz (Video HD)

Sorry, aber noch mehr komplett gleich klingende, in kleinen Studios in Meck-Pomm produzierte EDM-Tracks, die nach Salzwasserküssen und Sonnenuntergängen in der Karibik klingen sollen, hätten wir dieses Jahrzehnt nicht mehr gepackt.

6. Autotune

Kurz vor Beginn der 10er Jahre verkündet Jay-Z 2009 noch großspurig den Death of Autotune. So kann man sich täuschen. Den Weg, den Kanye West 2008 mit seinem Album "808s and Heartbreaks" für Autotune als Stilmittel geebnet hat, beschritten anschließend auch viele andere Künstler*innen.

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Kanye West - Love Lockdown | Bild: KanyeWestVEVO (via YouTube)

Kanye West - Love Lockdown

Besonders im HipHop ist Autotune mittlerweile ein fester Bestandteil. Künstler wie Travis Scott kennt man gar nicht ohne den Effekt auf der Stimme. Und auch Deutschrap adaptierte Autotune und sägte damit weiter am schlechten Image der Software. Spätestens aber seit Trettmann, James Blake und Bon Iver mithilfe des Musikeffekts ihren Weltschmerz erst richtig erfahrbar gemacht haben, ist edngültig klar, dass Autotune längst nicht mehr nur dazu da ist, um die Stimmen von mäßig talentierten Sänger*innen aufzupolieren. Nimm das, Jay-Z!

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TRETTMANN - GRAUER BETON (prod. KITSCHKRIEG) | Bild: SoulForce Records (via YouTube)

TRETTMANN - GRAUER BETON (prod. KITSCHKRIEG)

5. Konzertwahnsinn

Konzerte sind in den 10er-Jahren zu einem Irrenhaus geworden – auf der Bühne wie im Publikum. Durch Niedrigeinnahmen beim Streaming sind Konzerte für Künstler*innen – neben bereits erwähnten Boxen – immer mehr zur Haupteinnahmequelle geworden. Mit überteuerten VIP-Tickets wird da versucht irgendwie noch ein paar Euros mehr rauszuholen. Gleichzeitig boomt auch der Markt für Ticket-Reseller, die Eintrittskarten noch teurer halblegal weiter verticken und damit ein riesen Geschäft machen. Und wenn man – wie auch immer – ein Ticket ergattert hat? Wo in den 2000ern höchstens mal die Digicam von den Eltern stibitzt wurde, um dann ein einzelnes, verwackeltes Foto aus der Ferne zu machen, wurde dieses Jahrzehnt die flächendeckende Dokumentation eines Konzerts zum Standard. Ein Meer an Bildschirmen erleuchtet den Saal. Und wer danach nicht mindestens zehn Konzertschnipsel in der Story hat, wird gefragt: Warst du überhaupt da?

4. Viral Dances

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PSY - GANGNAM STYLE(강남스타일) M/V | Bild: officialpsy (via YouTube)

PSY - GANGNAM STYLE(강남스타일) M/V

Global bekannte Dance-Moves auf bestimmte Songs gab es ja auch schon früher. Bereits 2002 haben wir uns die Tanzmoves zum "Ketchup Song" mit Hilfe des Musikvideos oder einfach gegenseitig beigebracht - hat eher so mittel cool ausgesehen. In den 10er Jahren verlagerten sich die Choreographien dann ausschließlich ins Internet: Harlem Shake, Gangnam Style, Floss Dance (Danke, Fortnite!). Cool aussehen tut das immer noch nicht wirklich, aber dafür ist es lustig gemeint. Spätestens seit TikTok wurden die viralen Tanzmoves zum ultimativen Erkennungszeichen unter den Eingeweihten, bevor es dann auch der Mainstream blickt: Wenn jetzt Doja Cats "Juicy" auf einer Party läuft, ist sofort klar, wer auf TikTok ist und nicht.

3. Dubstep verglüht und wandelt sich

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SKRILLEX - Bangarang feat. Sirah [Official Music Video] | Bild: Skrillex (via YouTube)

SKRILLEX - Bangarang feat. Sirah [Official Music Video]

Dubstep wurde nicht in den 10er-Jahren erfunden, sondern gab es auch schon in den 90ern und Anfang der 2000ern. Seinen großen Hype aber erfuhr es dann allerdings doch um die 10er-Wende: Dank Skrillex & Co überflutete Dubstep plötzlich die Mainstream-Clubs und war dann genauso schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Allerdings nicht ganz: die intensive Dubstep-Blase platzte, zerfiel – und aus den Überbleibseln schuf sich ein neues Genre: Post-Dubstep. Ohne Dubstep kein Jamie xx, James Blake, Mount Kimbie.

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Jamie xx - Gosh | Bild: JamiexxVEVO (via YouTube)

Jamie xx - Gosh

Also: Thank god for dubstep! Das mittlerweile in Verruf geratene Genre bildet den Nährboden für einen Großteil der elektronischen Musik, die heute auch von den artsy Indie-Kids gefeiert wird.

2. Kunst vs. Künstler*in

"Kann man Michael Jackson noch hören?" - ein exemplarisches Beispiel für die große und nicht eindeutig zu beantwortende Frage: Kann man Kunst vom Künstler trennen? Diese Diskussion beherrschte in den letzten Jahren den popkulturellen Diskurs. In manchen Fällen schwabbte die Diskussion aus der Social-Media-Blase dann auch ins kollektive Bewusstsein: Nach #rkellystummschalten und Michael Jacksons Doku "Leaving Neverland" waren sich viele einig: Die gehen nicht mehr klar. Gleichzeitig wird gemahnt vor der allumfassenden Cancel Culture, die droht jeden Fehltritt mit Boykott zu bestrafen. Denn unklarer wird es bei unbestätigten Anschuldigungen, bei denen Wort gegen Wort steht, bei Graubereichen, bei gewaltrelativierenden Aussagen. Ab wann haben es Künstler*innen verdient gecancelt zu werden und wer bekommt eine zweite Chance? Eine sehr individuelle Entscheidung, die am Ende jede*r selbst treffen muss. Dass solche Diskussionen angestoßen wurden, ist eine wichtige Entwicklung, um Missstände im Musikbusiness aufzuzeigen und zu verbessern.

1. Cloudrap & Trap

Heute sind die Charts dominiert von HipHop. Ohne den Trend der 10er-Jahre wäre das wohl nicht so: Cloudrap hat in der deutschen Musikszene für Bewunderung wie Unverständnis gesorgt. Da gab es plötzlich diese neue Generation mit einer bewusst ignoranten DIY-Attitüde, die statt ewig an einer Punchline zu feilen einfach mal drauf los stammelt, recorded, und dann raushaut. "Wie, der geht noch zur Schule und hat das einfach so an einem Nachmittag produziert und auf Soundcloud geladen?!"

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LGoony - Ich bin nice (feat. Money Boy) | Bild: LGoony (via YouTube)

LGoony - Ich bin nice (feat. Money Boy)

Synthieschwaden, extremer Autotune-Einsatz, irgendwas mit Drogen und lila Scheinen. Künstler wie LGoony, Moneyboy und Yung Hurn werden von den einen belächelt und von den anderen für ihren Swag gefeiert – und haben dabei sichtlich Spaß an der Provokation.

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Yung Hurn - Nein (Official Video) | Bild: Live From Earth (via YouTube)

Yung Hurn - Nein (Official Video)

Ist das noch Rap? Egal, darum geht’s hier nicht. Denn Cloudrap stellt sich sowieso gegen elitäres Realkeeper-Gehabe und beweist stattdessen, dass mit der Magie des Internets jede*r Musiker*in werden kann. Außerdem hat die Cloudrap-Welle die heute nicht mehr wegzudenkenden Trap-Beats und Triplets in den deutschen HipHop gebracht. Danke dafür, 10er-Jahre!

Sendung: PULS am 18.12.2019 - ab 15.00 Uhr