Musiknetzwerk musicBYwomen "Frauen fehlen häufig die Netzwerke – das wollen wir ändern.“

Frauen haben es in der Musikbranche nicht leicht: In allen Bereichen arbeiten deutlich mehr Männer. Grund dafür sind die festgefahrenen Strukturen, sagt Mirca Lotz. Mit dem Musiknetzwerk musicBYwomen will sie die jetzt aufbrechen.

Von: Laury Reichart

Stand: 24.04.2018

Mirca Lotz von MusicBYwomen | Bild: Mirca Lotz

Die Münchnerin Mirca Lotz hat das Netzwerk musicBYwomen - art.business.media mitgegründet. Damit will sie Frauen, Trans- und nichtbinären Menschen in der Musikbranche eine Plattform bieten. Jeder, egal ob Künstler*in, Booker*in oder Musikjournalist*in, der Kontakte sucht, ein Training oder einen Mentor braucht, ist bei musicBYwomen richtig. Besonders die Nachwuchsförderung ist der Organisation wichtig. Denn aktuell arbeiten deutlich weniger Frauen als Männer in der Musikbranche. Nur bei 7,4 Prozent der Musikunternehmen sitzt eine Frau auf dem Chefsessel. Bei Festivals sind weniger als 20 Prozent der Acts weiblich.

PULS: Frauen sind in der Musikbranche nach wie vor stark unterrepräsentiert. Warum ist das selbst im Jahr 2018 noch so?

Mirca Lotz: Das sind vor allem strukturelle Gründe. Einer ist die Sichtbarkeit, die ist immer noch nicht da. Es gibt einfach zu wenig weibliche Vorbilder, an denen sich junge Mädchen orientieren können. Außerdem fehlen Frauen häufig auch die Netzwerke, die viele Männer gerade in der Führungsebene haben. Viele Jobs werden nicht ausgeschrieben, sondern irgendwer sagt irgendwem bei einem Bier nachts um drei: "Bei uns wird der Job frei" - und wenn du die entsprechenden Leute nicht kennst, dann hast du natürlich schlechte Chancen diesen Job zu kommen.

Wie will musicBYwomen das ändern?

Wir wollen Sichtbarkeit schaffen. Wir haben jetzt zusammen mit unserer Hamburger Schwester-Organisation, den musicHHwomen, eine Datenbank für Kontakte gestartet. Aber wir bieten natürlich auch weitere Möglichkeiten und Hilfestellung. Also: Wie komme ich überhaupt an diese Kontakte ran? Wie lerne ich Leute kennen, die mich in Positionen bringen können? Wie lerne ich zu verhandeln? Gerade Letzteres fällt Frauen oft schwer. Manche Leute schaffen das aus sich heraus, andere brauchen ein bisschen Unterstützung, weil sie es sich nicht zutrauen, obwohl sie die Fähigkeiten und Stärken haben.

Wer kann sich bei euch melden? Das 14-jährige Mädchen, das eine Band gründen will oder die Abiturientin, die gerne als Promoterin arbeiten möchte?

Alle. Einfach jeder, der sich für dieses Themenfeld interessiert. Auch Männer, die mitarbeiten wollen - das ist keine Sache, wo wir sagen: women only. Wir haben eine Facebook-Gruppe, in der man einfach fragen kann. Gerade hat eine junge Frau gepostet, sie würde gerne Konzert-Fotografin werden, weiß aber nicht wie. Wir haben ihr dann angeboten, gleich bei einer unserer Veranstaltungen Fotos zu machen. Und da können wir dann gleich gucken, ob wir sie mit jemandem zusammenbringen können, der einen Club führt oder Festivals macht. Es können also Leute mit ganz konkreten Ideen oder Fragen zu uns kommen, aber auch solche, die sich einfach ein bisschen orientieren wollen.

Es gibt schon Netzwerke in der Art von musicBYwomen. Du hast ja zum Beispiel auch schon die Organisation "We Make Waves" mitgegründet. Warum braucht es noch ein Netzwerk?

Ich glaube, dass es auf vielen Ebenen Netzwerke braucht. Es gibt viele Kollektive, die sich aber vielleicht noch gar nicht untereinander kennen. Ich sehe es als Chance, dass jeder etwas anderes macht. Das heißt, wir können Ressourcen austauschen und alle voneinander lernen. Wir wollen schauen, wo in Bayern was los ist, was mit dem Themenkomplex Frauen in der Musik zu tun hat und dann die Leute zusammenbringen. Wir wollen niemandem reinreden, sondern sagen einfach: "Hey, ihr habt eine tolle Veranstaltung. Sagt Bescheid, und wir machen Werbung oder besorgen euch einen Referenten zu einem bestimmten Thema."

Eure Interessensvertretung heißt ja musicBYWomen. Das BY in der Mitte steht für Bayern. Wo steht denn Bayern im bundesweiten Vergleich, was Frauen in der Musik betrifft?

Ich vermute stark, dass es genauso schlecht oder gut wie überall aussieht - also eher schlecht. Wir sind jetzt das zweite von 16 geplanten Netzwerken in Deutschland. Aktuell gibt es tatsächlich noch keine Zahlen, aber wir wollen unbedingt eine Erhebung machen, wie es in den jeweiligen Bundesländern ausschaut. Damit können wir dann auch vor der Politik argumentieren.

Am Freitag war der Auftakt eurer Eventreihe im Harry Klein in München. Da gab es auch eine Podiumsdiskussion zur Frauenquote im Techno. Wie sieht es denn aktuell für Frauen in der elektronischen Musik aus?

Elektronische Musik ist sehr technikorientiert. Und je mehr Technikorientierung, desto mehr ist da ein Machtgefälle drin oder auch eine Geschlossenheit, wo man als Frau schwerer reinkommt, als ein Mann. Es ist wie in mathematischen oder wissenschaftlichen Berufen oder Bereichen, die mit Physik zu tun haben. Das sind gelernte Strukturen, das sind Sozialisierungen. Da gibt es keine rationalen Gründe.

Sendung: Filter, 20.04.2018 - ab 15.00 Uhr