Interview // Leoniden Perfektion statt Bauchgefühl

Leoniden aus Kiel zählen zu den vielversprechendsten Bands, die 2017 so zu bieten hat. Auf ihrem Debütalbum beweisen sie Perfektion bis ins letzte Detail. Live werden sie uns dieses Jahr auf dem PULS Open Air ihr Können unter Beweis stellen. Aber wer steckt eigentlich hinter der Band und wo haben sie sich die letzten Jahre versteckt?

Von: Malte Borgmann

Stand: 03.03.2017 | Archiv

Die Leoniden aus Kiel | Bild: Robin Hinsch

PULS: Euer Debütalbum ist jetzt ziemlich genau eine Woche alt. Ich finde, wenn man das Album anhört, sind wahnsinnig viele Einflüsse drin. Von Indie-Pop bis zu Math Rock, soulige Sachen, funkige Sachen. Und ich finde man hört, dass ihr eine Band seid, die gemeinsam durch diverse Phasen gegangen ist und sich ein gewisses Repertoire erspielt hat. Ihr wart tatsächlich als Schülerband schon aktiv, oder?

Lennart: Zum Teil zumindest. Vier von uns kennen sich aus der Schule und da haben wir auch angefangen miteinander Musik zu machen. Und das ist jetzt schon länger als zehn Jahre her. Jakob hingegen kam erst vor zwei Jahren dazu, als wir dringend einen Sänger brauchten, um dieses Album angehen zu können. Wir haben uns in den Kopf gesetzt, dass wir es jetzt endlich mal ernsthaft durchziehen wollen – dieses große Projekt. Und dafür brauchten wir ihn.

Bist du gecastet geworden oder wie lief das?

Jakob: Die Leoniden kommen ja aus Kiel, ich selber bin Hamburger. Man war sich schon ein Begriff, aber so richtig kennengelernt haben wir uns über unseren gemeinsamen Lichttechniker. Ich war gerade beim Tourauftakt einer anderen Band und da rief mich Lennart an – ich hatte noch nie mit ihm geredet – und meinte: Jakob, kannst du dir vorstellen, bei uns zu singen? Und ich war völlig überfahren und meinte: Klar, das machen wir. Und zwei Monate später war ich dabei.

Das heißt, ihr wart vorher instrumental unterwegs?

Lennart: Nein, wir hatten verschiedene Sänger. Es war nie so richtig ernsthaft, um ehrlich zu sein. Wir haben einfach immer Bock gehabt auf Musik, haben auch Konzerte gespielt. Aber es war nie so, dass wir das richtig ernsthaft mit einem Ziel gemacht haben. Dann kam aber die Idee, dass wir ein Album machen wollen. Das gehört irgendwie dazu, wenn man so lange miteinander Musik macht, dass man das irgendwann auf den Punkt bringt und dass man das irgendwie festhält. Dazu war der Sänger, den wir damals hatten, einfach nicht bereit.

Du bist ja wirklich dann auch nach Kiel gezogen, um diese Platte zu machen. War das ein leichter Schritt für dich oder hast du da mit dir gehadert?

Jakob: Ich hab auf jeden Fall auch gehadert. Ich habe knapp über ein Jahr lang auch noch in Hamburg gewohnt und bin gependelt. Dann wurde das alles ernster. Das Album war fast fertig und wir haben beschlossen, es auf einem eigenen Label rauszubringen. Da haben wir gemerkt, dass das super viel Arbeit wird, weil wir alles selber unter Kontrolle haben wollen von der Homepage bis zur Musik. Diesen Großstadtstempel abzulegen, das war schon ein großer Schritt. Ich bin dann aber auch Hals über Kopf nach Kiel gezogen, weil ein WG-Zimmer frei war. Jetzt nach acht Monaten weiß ich, dass das absolut der richtige Schritt war.

Vermisst du Hamburg also nicht?

Jakob: Kiel ist ein Vorort von Hamburg. Wir sind regelmäßig in Hamburg und schauen uns Konzerte von Bands an, die niemals nach Kiel kommen würden. Ist ja nur eine Stunde Autofahrt. Wir haben das Album auch in Hamburg aufgenommen.

Lennart: Als Kieler ist man das schon gewohnt, ins Auto zu steigen und loszufahren.

Im Grunde gibt’s euch seit zehn Jahren, jetzt erst gibt’s das Album. Ärgert euch das, dass es so lange gedauert hat? Es muss ja verdammt viel Material auch verloren gegangen sein über die Jahre…

Lennart: Nee, wir finden auf jeden Fall, dass das die richtige Entscheidung war. Wir sind eigentlich ungeduldige Menschen, aber wir sind im Nachhinein sehr froh, dass wir uns Zeit genommen haben, das alles zu überdenken, reifen zu lassen. Während wir dieses Album geschrieben haben, haben wir Material produziert, das würde für drei Alben reichen. Wir sind da neurotisch, wie Jakob schon gesagt hat.  Manche Leute würden sagen perfektionistisch –  wir nennen es lieber selbstbestimmt. Wir wollten einfach, dass das so wird, dass wir das auch noch in 30 Jahren als dicke, alte Männer aus dem Plattenschrank ziehen können und auch zufrieden damit sind. Wir haben nichts dem Zufall überlassen.

Wie habt ihr entschieden, was bleibt und was weggeschmissen wird?

Jakob: Einmal in vielen, vielen, vielen hitzigen Diskussionen und Streits. Das war für mich fremd. Wir haben da eine ziemlich krasse Streitkultur entwickelt. Dass jeder zu allem was sagen darf und wir erst mit einem Konsens auseinander gehen. Das ist ein wirklich langer Prozess. Hat auch was Produktives, weil wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden sind. Aber wir sind keine Bauchgefühl-Band.

Lennart: Wir sind wirklich die allerbesten Freunde, also die Streits sind inhaltlich. Wir streiten viel und wir streiten gern und wir finden, dass Freundschaften auch Streits aushalten müssen. Aber man muss sich das so vorstellen: Jeder Hi-Hat-Schlag, jede Note wurde achtfach beleuchtet, umgedreht und überprüft, bevor sie uns gut genug war. Wir haben jedes Lied in verschiedenen Tempi, in verschiedenen Versionen, in verschiedenen Tonarten ausprobiert, bis wir uns ganz sicher waren.

Jetzt geht ja alles ganz schön schnell bei euch, das kann ja einerseits sehr stressig und belastend sein, aber hin und wieder hat das schon auch was Flashiges, oder? Termine, Meetings, Gigs...

Lennart: Für uns ist das alles nicht selbstverständlich. Wir sind da Hals über Kopf reingerauscht und bisher hat der Rausch auch noch nicht aufgehört. Das ist verrückt, das ist eine komplett andere Dimension jetzt – wir spielen eine Tour, die vier Wochen lang geht. Davon haben wir vor ein paar Monaten noch geträumt. Unser Booker hat jetzt das 32. Festival für uns eingetütet, wir haben erst März! Irgendwann werden wir aufwachen, uns wird alles wehtun und wir werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und wahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch kriegen.

Du sagst es, die Live-Saison geht jetzt los. Ihr bewegt euch ziemlich viel auf der Bühne. Kommt das natürlich oder probt ihr das?

Jakob: Wir haben alle eine intensive Punk- und Hardcore-Vergangenheit. Wir haben alle auf und unter Bühnen gepennt und das kommt daher und das kriegt man auch nicht mehr raus. Das gehört bei uns einfach dazu.

Lennart: Das kommt schon auch ganz auf die Situationen an. Manchmal ist es spät und dunkel in einem kleinen Club und manchmal steht man um 14 Uhr auf einer großen Festivalbühne und man ist so ein bisschen verloren. Wir versuchen immer das Beste daraus zu machen und für uns ist so eine Bühne auch ein Ort, an dem man seinen Kopf ausmachen kann und komplett freidrehen kann. Das ist nicht kalkuliert, das ist nicht geplant, das ist keine Choreografie.

Wie handhabt ihr das mit der Publikumsanimation – das ist ja schon eine Gratwanderung. Man muss die Leute bei der Stange halten, aber es darf auch nicht ins Lächerliche kippen. Wie macht ihr das? Sich im Zweifel zum Affen machen oder ganz die Fresse halten?

Lennart: Wir sind da wie gesagt noch unerfahren, aber wir haben darüber viel diskutiert in den letzten Jahren. Weil wir eigentlich eine Band sind, die etwas zu schüchtern ist, die sich komisch fühlt, wenn sie Ansagen macht. Und das haben wir ein bisschen gelernt, dass man da cooler sein muss, sich ein bisschen locker machen muss. Aber ich glaub nicht, dass wir diejenigen sind, die krasse Spiele auf der Bühne mit dem Publikum machen.

Das ganze Interview findet ihr hier.

Leoniden spielen im Sommer auch auf dem PULS Open Air. Alle Infos findet ihr hier: