Jetzt Your Time (prod. Kaytranada) Nick Murphy

Info Man kann ihn an seiner Stimme erkennen, aber nicht mehr an Name und Sound: Chet Faker ist jetzt Nick Murphy. Der bärtige Soul-Sänger aus Melbourne hat sich trotz des großen Erfolgs seines Alter Egos noch mal neu erfunden. Props!

Der ultimative Hype-Hit Warum die ganze Welt Totos "Africa" feiert

1982 komponierte die kalifornische Soft-Rock-Band Toto den Song "Africa". Ein kitschiger Ethno-Popper mit fast dadaistischen Lyrics. Lange Zeit als Trash verlacht, ist der Song jetzt zu DER Hymne unserer Zeit geworden. Ein Erklärungsversuch.

Von: Ralph Glander

Stand: 07.08.2018 | Archiv

Logo der Band Toto mit vielen Love Emojis | Bild: BR

Die 80er waren vollgepackt mit grausamen Hits, die heute nur noch mit Hilfe einer Volldröhnung Schnaps und Ironie zu ertragen sind. Starships "We built this city" zum Beispiel. Oder Rick Astley mit "Never gonna give you up". Und ganz übel: Europe mit "The Final Countdown".

Aber im Gegensatz dazu ist bei diesem Hit die ganze Welt dabei:

Vier weiße Dudes aus Nord-Hollywood, die den Regen in Afrika segnen wollen? Wirklich?

Ja, wirklich. In den letzten Jahren hat "Africa" einen nahezu omnipräsenten Stellenwert in der Popkultur erreicht. Der Song ist heute angesagter als jemals zuvor und wird auf jeder denkbaren Party irgendwann frenetisch abgefeiert. Und zwar ohne jede Ironie. Nein, "Africa" wird aus tiefster Überzeugung mitgeschmettert.

Klar, dass da auch andere Künstler gerne ein Stück Afrika abhaben wollen. So fabrizierte das schwedische Elektropop-Duo Bacall & Malo 2016 zum Beispiel eine Reggae-infizierte Coverversion des Songs und schafften es damit bis auf Platz 11 in den Landescharts.

Übrigens nur eine von zahlreichen Interpretationen. "Africa" kann nämlich jedes Genre: Metal (Affiance), Folk (Brad Davis), Christ Rock (Relient K) und natürlich auch HipHop.

Damit aber nicht genug der "Africa"-Euphorie. Es gibt sogar einen Twitter-Bot, der Tag für Tag und Zeile für Zeile unaufhörlich diesen Song twittert. Und eine eigene Webseite, auf der das zugehörige Musikvideo im ständigen Loop läuft. "Africa" ist quasi auch noch zu einer Art Meme geworden – zum beliebtesten Song des Internets.

Nur: Warum?

Großen Anteil daran hat die nicht enden wollende und allumfassende Retronostalgie. Die 80er sind überall. Und sie fühlen sich für viele Leute besser an, als die unsicheren, nüchternen und zunehmend deprimierenden Zeiten, in denen wir jetzt leben. Deswegen verlässt sich zum Beispiel auch die Erfolgsserie "Stranger Things" voll und ganz auf die Magie vergangener Tage, in denen vermeintlich alles einfacher war. Logischerweise taucht Totos "Africa"  hier gleich prominent in der ersten Folge auf.

Generationsübergreifendes Geborgenheitsgefühl

Es ist vermutlich ein diffuses aber extrem angenehmes Gefühl der Wärme und Geborgenheit, dass der Song auslöst. Er steht für eine liebenswerte, fast naive Unschuld, die es so heute kaum mehr gibt. Und das funktioniert generationsübergreifend.

Die Eltern verbinden es mit ihrer eigenen Jugend in den 80er-Jahren. Deren Kinder wiederum erinnert "Africa" an lange Autofahrten mit den Eltern, als der Song im Radio rauf und runter lief. Und für die noch Jüngeren ist es die Chance, für die Dauer des Songs in eine Ära eintauchen zu können, die sie nur aus geheimnisvollen, mythischen Erzählungen kennen. Da passt es perfekt, dass Toto beim Schreiben von "Africa" selbst noch nie auf dem afrikanischen Kontinent waren. Die grenzenlose Naivität des Songwritings ist entscheidend für die Faszination.

"Africa" ist also die perfekte Zeitkapsel. Und es ist – ganz ironiefrei – eben auch ein perfekter Song. Das groovige Drum-Loop ist unsterblich, die Synth-Flächen verträumt-entrückt und der mehrstimmige Chorus von einer epischen Harmonie. Klar, der Text ist natürlich kompletter Nonsens. Aber "Africa" ist eben mehr als ein Song – es ist ein Gefühl. Ein Gefühl, das uns für eine kurze aber intensive Zeit an einen Ort bringt, an dem alles irgendwie wieder unbeschwerter und hoffnungsvoller ist.

Das funktioniert am besten, wenn man "Africa" aus voller Kehle mit möglichst vielen Menschen zusammen gröhlt. Immer wieder. Oder wie heißt es so schön kitschig in dem Song selbst? “It's gonna take a lot to drag me away from you!”

Sendung: Plattenbau, 07.08.2018 - ab 19.00 Uhr