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Evolution der Musik Hat HipHop den Pop mehr verändert als die Beatles?

Die Wissenschaft beweist: HipHop war revolutionärer als die Beatles. Eine Analyse von 50 Jahren US-Charts soll das jetzt belegen - und Daten lügen nicht. Oder haben sich da nur ein paar Forscher in ihre catchy These verliebt?

Von: Matthias Scherer

Stand: 18.05.2015

Grafik HipHoper auf Zebrastreifen | Bild: BR

Was ist eine musikalische Revolution? Ingenieurwissenschaftler Matthias Mauch von der Royal Academy Of Engineering in London hat für eine Studie versucht, genau das zu definieren. Sein Ansatz: Ein schnelles Verschwinden einzelner Musikstile aus den Charts zeigt, dass die Musiklandschaft umgekrempelt wird. Je mehr Stile dabei durch andere ersetzt werden, desto komplexer ist die musikalische Revolution.

Evolution der Billboard-Charts nach Musikstilen



Über 17.000 Chart-Hits aus den letzten 50 Jahren hat das Team um Dr. Mauch nach diesem Muster mit Hilfe einer Software analysiert. Sie untersucht die Lieder und erkennt Harmonien und Klangfarben - zum Beispiel den Einsatz von Dur-Akkorden oder von lauten, aggressiven Drums. Diese Merkmale wiederum kann man Musikstilen zuordnen - laute Gitarren sind zum Beispiel ein Merkmal für Rock. Je öfter diese Merkmale im Laufe der Zeit in den Charts auftauchen, desto beliebter das Genre.

Eine bemerkenswerte Revolution findet laut der Studie Anfang der 90er-Jahre statt. Rock verschwindet aus den Charts - und wird vor allem von einer Richtung verdrängt: dem HipHop. Der Aufstieg des HipHop ist pophistorisch wichtiger als der der Beatles und der Rolling Stones in den 60er-Jahren, sagt Matthias Mauch. Denn wenn man sich die musikalischen Merkmale der alten Helden anschaut, merkt man, dass die gar nicht so revolutionär waren.

"Was wir gesehen haben ist, dass Beatles und Rolling Stones ihrer Zeit zwar voraus waren, dass aber die Zeiten sich schon geändert hatten. Gerade wenn man sich den Trend zu lauteren Gitarrensounds anguckt: Der hatte in den USA schon einige Jahre vorher eingesetzt, und die Beatles sind da dann reingekommen und haben ihn vorangetrieben."

Matthias Mauch

"HipHop war revolutionärer als die Beatles" ist eine catchy Schlagzeile - aber eigentlich keine bahnbrechende Neuigkeit. Das wirklich Interessante an der Studie von Mauch und Kollegen ist die Herangehensweise. Etwas so emotionales wie Musik überhaupt mit messbaren Daten zu erfassen. Trotzdem müsste die Studie tiefer gehen, findet Musikwissenschaftler Thomas Krettenauer von der Uni Paderborn.

"Manche Erkenntnisse kommen fast zu kurz. An einer Stelle wird zum Beispiel deutlich formuliert, dass diese Vielfalt in Abhängigkeit zur Art und Weise des Musikmachens steht. Das wäre zum Beispiel ein Punkt, dem man wirklich nachgehen müsste. Inwieweit steht musikalische Vielfalt und Stilvielfalt in Abhängigkeit von der Musizierpraxis?"

Thomas Krettenauer

Es reicht also nicht, nur zu beobachten. Man muss auch die Ursache für den musikalischen Wandel untersuchen. Hat der Erfolg von HipHop zum Beispiel etwas mit billiger werdendem Equipment zu tun?

Alles in allem sind solche Studien für Musiknerds eine positive Entwicklung. Die diskutieren seit Jahren darüber, wer der einflussreichste Rapper ist. Jetzt haben sie neben ihrem Wissen und ihrem Bauchgefühl noch die Bazooka unter den Argumentationswaffen - den wissenschaftlichen Beweis.


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mf, Dienstag, 19.Mai 2015, 09:21 Uhr

1. Eine Band vs. ein ganzes Genre?

Dass ein ganzes Genre (HipHop) insgesamt erfolgreicher ist als eine einzige Band (Beatles), liegt auf der Hand und zeigt dennoch, gegen welches Schwergewicht man heutzutage immer noch anzutreten hat