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Interview mit Gorillaz-Head Damon Albarn "Es gab 40 bis 50 Leute, mit denen ich gern zusammengearbeitet hätte“

Das Affentheater ist zurück – am Freitag erscheint das neue Gorillaz-Album "Humanz". Im PULS Interview spricht Mastermind Damon Albarn über eigene Prophezeiungen, gescheiterte Kollaborationen und eine legendäre Knutsch-Attacke.

Von: Amy Zayed

Stand: 27.04.2017 | Archiv

Gorillaz | Bild: picture-alliance/dpa

"Song 2", "Feel Good Inc.","Parklife", "Plastic Beach", "Coffee & TV", "Girls and Boys", "Clint Eastwood" und jetzt eben "Andromeda" oder "The Apprentice": Blur-Frontmann und Gorillaz-Head Damon Albarn ist einer der größten Popsongwriter aller Zeiten. Jetzt, sieben Jahre nach "The Fall", kehrt er mit seinem Holo-Star-Kollektiv "Gorillaz" zurück und legt mit "Humanz" eins der meisterwartetenden Alben dieses Jahres vor.

PULS: Damon, als du dich entschieden hast, ein neues Gorillaz-Album aufzunehmen: War da schon ein Konzept in deinem Kopf oder ist das langsam gewachsen?

Damon Albarn: Das Konzept war schon vage da. Ich habe mir vorgestellt, wie die nahe Zukunft aussehen würde. Wie es wäre, wenn Donald Trump die Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnen würde. Und wie es wäre, wenn wir dann plötzlich alle unsere Menschlichkeit verlieren und zu digitalen Geistern werden würden.

Deine Vorahnung ist Realität geworden. Donald Trump ist Präsident.

Ich habe mir oft gedacht, während ich das Album geschrieben habe: Vielleicht sollte ich besser damit aufhören. Sonst wird das noch Realität. Das passiert mir nämlich öfter, dass ich mir Dinge vorstelle, die dann wahr werden. Ich mache das manchmal, mich hinsetzen und mir die Zukunft vorstellen. Und manchmal sehe ich Dinge.
Wenn man eine Platte macht, denkt man erst gar nicht darüber nach, dass die Welt anders sein wird, wenn sie rauskommt.

Sind denn alle Songs zur gleichen Zeit entstanden?

Nein, eigentlich nicht. Sie waren alle irgendwie in der Essenz schon da. Aber es gibt keinen fertigen Plan, wenn ich ein Gorillaz-Album mache. Ich wusste am Anfang auch gar nicht, mit wem ich zusammen arbeiten würde. Das hat sich ergeben, als ich die Platte gemacht habe. Ich hatte so 40 bis 50 Leute im Kopf, mit denen ich gerne arbeiten würde. Beim Song "Halleluja Money" mit Benjamin Clementine wollten wir zum Beispiel ursprünglich auch noch Rick Ross dabei haben. Der hätte dem Song eine ganz andere Wendung gegeben und es wäre interessant gewesen, diese beiden Seiten zusammen zu bringen. Aber irgendwie hatte er nie Zeit, um etwas aufzunehmen. So ist der Song nun zum Großteil von Benjamin und ein bisschen von mir gesungen.

Sonst noch andere Fast-Kollabos?

Es gibt einen Song, der "Circle of Friends" heißt. Das ist eigentlich nur ein Mini-Song, der ein längerer Song hätte werden sollen – mit Morrissey. Aber mit dem habe ich nur ein paar lächerliche E-Mails ausgetauscht, dann hatte der keine Lust mehr. Dionne Warwick hab ich gerade mal einen Song auf dem Klavier vorgespielt – dann war schon klar, dass sie nicht mitmachen würde.
Manchmal funktioniert es, manchmal eben nicht. Das Einzige, was mir bei den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite, wichtig ist: Dass wir einen ähnlichen Blick auf die Welt haben und eine gewisse Sympathie füreinander. Irgendwie habe ich gedacht, dass Morrissey und ich ein bisschen ähnlich ticken, aber… hey, der hat ja noch nie mit irgendwem zusammen gearbeitet.
Bei Sade war es ähnlich. Da habe ich so darauf gehofft, dass sie mitmacht. Aber nein! Es macht auch nichts: Entweder gibt es immer jemand anderen oder ich mache es eben selbst. Ich wollte sie bei "Andromeda" dabeihaben, aber am Ende habe ich den auch mit vielen anderen ausprobiert. Christine and the Queens zum Beispiel. Oder Rag'n'Bone Man. Aber nichts hat funktioniert. Am Ende bin ich wieder zum Ursprung zurückgegangen und habe ihn alleine gesungen.

Wie funktioniert das bei den Hiphop-Tracks mit Pusha T oder D.R.A.M.? Schreibst du dann die Rap-Parts?

Nein, das ist nicht mein Gebiet, auch wenn ich das liebe. Aber…

[Damon Albarn wechselt ins Deutsche]

Willst du ein Stück Schokolade?

Nach dem Interview gern.

Vollmilchschokolade schmeckt gut.

Sollen wir das Interview auf Deutsch weiterführen?

Ich kann es ein bisschen, aber mein Deutsch ist nicht gut genug.

Ach was, ich hab die Ansage damals in Köln bei The Good, the Bad and the Queen gehört – und die war top.

Dankeschön, aber ich glaube, es ist ein bisschen zu schlecht.

[Wieder auf Englisch]

Also zurück zu den Rap-Parts. Du sagst, du schreibst die nicht selbst.

Ich versuche für niemanden die Parts zu schreiben. Erstens nimmt mir das Arbeit ab. Und zweitens macht eine Zusammenarbeit mehr Spaß, wenn mehrere Köpfe ihre Kreativität einbringen.

So wird es ja auch deren Song.

Genau! Ich habe kürzlich etwas mit Mura Masa geschrieben, ein toller Popsong.  Er wollte, dass ich den Part singe, den er geschrieben hatte. Aber ich wollte meinen eigenen Part singen – und in dieser Version ist der Song viel besser. Es ist auch eine Art des Respekts. Sonst kopiere ich doch nur Rihanna oder Justin Bieber. Bei mir funktioniert es immer so: Ich schreibe den Leuten zuerst einen handschriftlichen Brief. Und wenn sie darauf antworten, telefonieren oder skypen wir. Und erst dann kommt es zur eigentlichen Zusammenarbeit. Es ist eine Art musikalisches Speed-Dating.

Es gibt auch eine App zum neuen Album. Wie funktioniert die?

So richtig habe ich das auch nicht verstanden. Ich selbst habe nämlich noch ein altes 90er-Jahre-Handy mit Tasten und so.

Das weiß man ja, seitdem du dieses legendäre Telefon-Interview hattest.

Ach, das Interview. Das war so witzig. Ich war in einer Bar zum Fußballgucken und sollte dort dieses Telefoninterview machen. Der Moderator der Sendung rief also an, ich holte mein Uralt-Gerät raus und wir fingen an zu reden. Auf einmal springt mich eine Frau, die mir gegenüber saß, an, legt ihre Beine um mich und steckt mir die Zunge in den Hals! Mitten im Interview! Und ich dachte nur: Oh Gott! Wie komme ich da raus? Der Moderator hat sich kaputtgelacht.

Sendung: Plattenbau, 27.04.2017, ab 19 Uhr