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Ausbruchsphantasien in den deutschen Charts Warum träumt der Pop dauernd von der Flucht?

Im deutschen Radiopop wird so viel geflüchtet, ausgebrochen und abgehauen wie lange nicht mehr. Aber wovor flüchten Marteria, Sido und Cro eigentlich? Und was hat das mit der Flüchtlingskrise und den Ängsten der Asylgegner zu tun?

Von: Malte Borgmann

Stand: 20.08.2015 | Archiv

Pressebild Marteria 2013 | Bild: Paul Ripke

Deutschland ist nicht Syrien. Trotzdem wollen auch hierzulande viele Menschen offenbar nur eins: Abhauen. Marteria zum Beispiel. "Verstrahlt", sein Durchbruch in den Mainstream, begann 2010 mit dem Satz: "Ich will hier weg." Ende 2011 wollte Casper dann "auf und davon", Cro wenig später "einmal um die Welt". Die Schunkelrocker von Revolverheld verlangten 2014 auf ihrer gleichnamigen Single: "Lass uns gehen". Und dann war da natürlich noch "Au Revoir", der gemeinsame Song von Mark Forster und Sido - ein Weglauf-Megahit, dem man in den letzten zwölf Monaten kaum entkommen konnte.

"Mann, jeder Tag ist so gleich,
Ich zieh Runden durch mein Teich
Ich will nur noch hier raus,
Ich brauch mehr Platz und frischen Wind
Muss schnell woanders hin,
Sonst wachs ich hier fest
Ich mach nen Kopfsprung durch die Tür,
Lass alles hinter mir..."

Mark Forster feat. Sido - Au Revoir

Und Sido blieb dran am Thema und zeigt uns jetzt auf seiner neuen Single mit Andreas Bourani, dass Abhauen nicht nur in der Horizontalen funktioniert:

"Ich heb ab, nichts hält mich am Boden
Alles blass und grau
Bin zu lange nicht geflogen
Wie ein Astronaut"

Sido feat. Andreas Bourani - Astronaut

Wovor wird geflüchtet in all diesen Songs? Das Muster ist im Grunde immer das selbe. Die Strophen zeichnen ein düsteres Bild vom Leben - in erster Linie vom Leben in Deutschland wohlgemerkt: Mal geht es um die Enge der Vorstadt, mal um die Hektik der Großstadt. Immer aber um einen Alltag, der als grau, öde und hart beschrieben wird. Man leidet unter Monotonie, wirtschaftlichem Druck und sozialer Kälte. Die eigentliche Flucht findet dann im Refrain statt: Da wird es farbenfroh, erhaben, romantisch, frei, geradezu heroisch.

"Heute morgen bin ich aufgewacht
Augen aufgemacht
Sonnenstrahlen im Gesicht, halte die Welt an
Und bin auf und davon
Auf und davon!"

Casper - Auf und Davon

Das Konzept des Runaway-Songs ist im Pop nichts Neues. Gerade erleben wir aber die größte Flüchtlingskrise seit den 90er-Jahren - und vor diesem Hintergrund bekommen die vielen Fluchtphantasien im aktuellen deutschen Pop etwas Pathologisches. Sie wirken wie ein verzweifelter kollektiver Versuch, das zu verdrängen oder umzudeuten, was hierzulande gerade passiert: Vor unserer Haustür brennen die Flüchtlingsheime, der braune Mob zieht durch die Straßen und tausende entwurzelte Männer, Frauen und Kinder vegetieren dahin im Fegefeuer des deutschen Asylrechts - und das sind nur die, die es überhaupt bis hierher geschafft haben. All das, während im Formatradio Deutsche den Deutschen ein Lied davon singen, wie toll so eine Flucht doch eigentlich ist, was für eine Erlösung es doch wäre, einfach mal abzuhauen.

Man muss rein statistisch davon ausgehen, dass unter all den Menschen, die diese Stücke auf die vorderen Chartsplätze gekauft haben, auch viele sogenannte "Asylkritiker" sind. Deutsche, die gegen Flüchtlinge hetzen, konsumieren Fluchtphantasien. Zuerst klingt das wie ein Widerspruch. Aber es geht in diesen Songs ja nur um das traurige Leben der Deutschen, um ihr Leid. Und die Flucht ist ein glorifiziertes, romantisches Gedankenspiel, eine Erlösung, ein Luxus, den man sich höchstens in Liedern gönnt.

"Zwischen den Zeilen hab ich gelesen
Dass wir beide weg von hier wollen
Wir stecken hier fest, verschüttet im Regen
Und träumen vom Sommer in Schweden"

Revolverheld - Lass uns gehen

All das ist so von den Künstlern wohl kaum beabsichtigt. Pop ist Eskapismus, er darf Selbstmitleid, auch deutsches Selbstmitleid, bedienen und muss sich dabei auch nicht in jedem Refrain mit den politischen Realitäten auseinandersetzen. Und doch: Es bleibt ein tiefes, tiefes Unbehagen, wenn wieder ein paar hundert im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge vermeldet werden, und kurz nach den Nachrichten jubiliert dann Mark Forster aus dem Radio: "Vergesst wer ich war / Vergesst meinen Namen / Es wird nie mehr sein, wie es war / Ich bin weg. Au Revoir!"

Und im Hintergrund jauchzen die Streicher.


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