Jetzt Karussell Swutscher

Info Swutscher aus Hamburg geben als Info über sich folgendes bekannt: "Schnitzel und Schnaps, unser Ekel ist mit Liebe verpackt." So dreht sich das "Karussell" (2018) der wieder entflammten deutschen Indierockmusik mit neuem Schwung.

19:56 Uhr Under Sampha

Interview mit Ebow "Es entspricht nicht mehr unserer Zeit, dass eine Frau übersexualisiert wird"

Stand: 24.11.2017

Pressebild von Ebow 2017 | Bild: Magdalena Fischer

PULS: In deinem Song "Punani Power“ singst du: "Ein echter Gangster ist Feminist.“ Diskutierst du mit deinen Freunden und Musikerkollegen viel über Feminismus?

Ebow: Ja auf jeden Fall. Und es ist auch etwas, womit ich immer konfrontiert werde. Die erste Frage, die man mir in Interviews stellt, ist meistens: "Wie es ist als Frau im Hip Hop?“. Also nachdem man gefragt hat: "Wie ist es als Türkin in Deutschland?“ Das sind so die Klassiker. Aber es ist auf jeden Fall eine Thematik, die mir in den letzten Jahren viel wichtiger geworden ist, weil ich auch viel mehr Sensibilität dafür entwickelt habe.

Aufgrund der Erfahrungen, die du gemacht hast? Oder weil du immer darauf angesprochen wirst?

Zum einen deswegen, zum anderen aber auch, weil ich mir überlegt habe, was für eine Frau ich im Hip Hop repräsentieren will. Ich finde es ganz schlimm, dass es im Hip Hop nur zwei Arten von Frauen gibt – wie es Sookee auch mal gesagt hat: Es gibt einmal die Frau, die übersexualisiert wird. Und dann gibt es die Frau, die sozusagen alles ablegt, was als weiblich gesehen wird, und versucht so männlich wie möglich zu wirken. Das wollte ich nie. Ich will weder das eine, noch das andere sein. Ich will einfach die Frau repräsentieren, die ich bin. Und ich will auch das Recht haben, mir diesen Space nehmen zu dürfen. Deswegen habe ich mich auch mehr damit beschäftigt, wer ich sein will, warum ich das und das nicht sein darf  und womit das zu tun hat. Im Endeffekt ist das nämlich ähnlich wie Sexismus oder Rassismus.

Findest du das hilfreich, wenn man offen und viel darüber redet, oder ist das für dich auch eine Art von Sexismus?

Haiyti beim PULS Festival 2016 in München | Bild: BR/Steffi Rettinger zum Audio mit Informationen PULS Festival 2017 // Podiumsdiskussion Warum wir mehr Frauen im Musikbiz brauchen

Der Pophimmel scheint voller weiblicher Stars. Aber die Musikindustrie ist von Gleichberechtigung noch weit entfernt. Warum sich das ändern muss, diskutieren wir beim PULS Festival in München. [mehr]

Ich finde dieses Thema mega wichtig und es sollte auch angesprochen werden - aber nicht um Männern zu sagen: Hey bitte macht es doch in der Musikindustrie anders. Nein, es geht mir vielmehr darum, dass Frauen sich selbst mobilisieren, dass Frauen sich selbst organisieren und man nicht darauf wartet, bis irgendwelche Typen, die hohe Positionen in Plattenfirmen haben, sagen: Okay, ich könnte mir vorstellen, dass du als Frau funktionierst. Nein, fuck it. Man braucht auf jeden Fall Frauen, die sich mehr organisieren und mehr veranstalten. In Wien haben wir zum Beispiel eine Veranstaltung, die heißt „Femme DMC“ und ist nur von Frauen veranstaltet. Es sind keine Männer auf der Bühne, es legen keine Männer auf. Es ist eine ganz andere Dynamik. Aber es ist ein Raum, den man sich erkämpfen muss. Und deswegen finde ich es wichtig, dass man es thematisiert, um Frauen darauf aufmerksam zu machen: Hey, ihr habt diesen Space, nehmt ihn euch. Aber ich will dann nicht aus Mitleid von irgendwelchen Männern Jobs bekommen oder so. Nein, ich will, dass ich Jobs vergeben kann. Ich will, dass andere Frauen mir Jobs geben können.

Auf Konzerten hört man ja doch noch oft so sexistische Zwischenrufe, und wenn’s nur "Yeah Baby" ist. Wie gehst du mit sowas um?

Ich hab da echt irgendwie Glück gehabt – aber deswegen will ich gar nicht sagen, dass es so etwas nicht gibt. Ich weiß, dass so etwas auf Konzerten stattfindet. Ich hatte halt nur das Glück, dass ich so etwas noch nicht erlebt habe. Das Publikum, das meine Musik hört, ist da vermutlich anders drauf. Das Einzige, das mir passiert, ist, dass ein Typ danach zu mir kommt und mir erklärt, wie ich zu rappen habe. So: Yo, der Flow war geil, aber das war nicht im Takt. Und ich denke mir nur: Who cares? Ich mache die Musik und ich entscheide, wie es zu sein hat. Man muss sich als Frau halt in einer Männerdomäne behaupten. Ich arbeite mit sehr vielen Männern zusammen. Da ist es schwierig, nicht auf seine Meinung zu verzichten oder sich nicht reinreden zu lassen. Für mich war das vor vier Jahren noch schwieriger als jetzt, als ich so 21, 22 war. Jetzt merke ich das und handle das anders.

Man merkt jetzt nicht nur bei dir: Da tut sich was. Frauen packen wirklich was an. Aber viele sagen, es gibt einfach immer noch zu wenig Vorbilder, vor allem im Mainstream-Bereich. Kann man überhaupt Hoffnung haben, dass sich was ändert?

Auf jeden Fall! Ich glaube diese Klischees-Bilder gibt es nur, weil diejenigen, die sich aussuchen dürfen, wer da performen darf oder wer die Aufmerksamkeit bekommt, alles Kerle sind. Und von denen sind leider nicht alle sensibilisiert genug für dieses Thema – oder interessieren sich nicht dafür. Ich glaube nicht, dass wir zu wenig Musikerinnen haben. Ich finde sogar, vor allem im HipHop habe ich genug gehört von dem, was Männer zu sagen haben. Ich will mehr Eindrücke von Frauen hören. Ich will mehr queere Sachen hören. Einfach etwas anderes, als zum zehnten Mal wie viel Cash, Bitches oder Autos  jemand hat. Ich weiß es. Ich könnte einen Essay drüber schreiben. Aber ich glaube, dass es sich erst ab dem Punkt etwas ändert, an dem die Leute, die sensibel genug dafür sind, in höheren Positionen sitzen oder eben ihr eigenes Ding machen. Wer braucht heutzutage noch ein Label? Wenn man jetzt in die Staaten schaut: Princess Nokia hat sich diesen place geclaimt und gesagt, ich bin ein Tomboy. Damit ist sie erfolgreich. Warum? Weil es unserer Realität mehr entspricht, als eine Frau, die übersexualisiert wird. Ich glaube, dass sich erst dann was  ändert, wenn Frauen mehr zusammenhalten oder generell mehr Awareness dafür geschaffen wird.

Sendung: Plattenbau, 22.11.2017 - ab 19.00 Uhr