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Comeback des Jazz im Pop Unruhige Musik für unruhige Zeiten

"Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch", hat Frank Zappa mal gescherzt. Aber der ist auch schon seit über 20 Jahren tot - genau so lange, wie Jazz keine Rolle mehr in der Popmusik gespielt hat. Aber das wird sich 2016 ändern.

Von: Malte Borgmann & Mara Wecker

Stand: 14.01.2016

Sicher – ganz tot war der Jazz nie. Aber gesellschaftlich relevant? Die Aufmerksamkeit des Mainstreams? Einfluss auf die globale Jugendkultur? Zum  letzten Mal wohl Anfang der Neunziger, als sich Conscious-Rapper wie A Tribe Called Quest oder Gang Starr durch die Jazzplatten ihrer Eltern sampleten. Danach hatte der Jazz in der Popkultur erstmal Sendepause – außer man mochte Norah Jones, dieses eine Robbie-Williams-Swing-Album oder Genres wie Elektroswing in die Wertung mit aufnehmen. (Nein.) 2015 hat sich an diesem Bild aber einiges geändert.

Ein Beispiel: Kurz bevor David Bowie den Kontakt zur Ground Control endgültig abgebrochen hat, hat uns der Starman noch ein letztes Album geschenkt. Darauf zu hören: Jazz. Und zwar nicht irgendein weichgespülter Easy-Listening-Lounge-Jazz, nein: wütender, anstrengender, lauter, hektischer Prog-Fusion-Irgendwas-Jazz.

Inspiriert wurde "Blackstar" - so der Albumtitel - laut Produzent Tony Visconti von Kendrick Lamars letztem Langspieler "To Pimp A Butterfly" - mindestens genauso fordernd, sperrig, jazzig und auf allen Jahresbestenlisten 2015 ganz vorne mit dabei.


Kendricks Lamars Kollaborateure bei diesem Wahnsinnsritt von Album: Jazz-Checker wie der Bassvirtuose Thundercat oder der Elektro-Avantgardist Flying Lotus, der mittlerweile auch von großen Firmen wie Red Bull umworben wird. Oder der Saxophonist Kamasi Washington. Sein Instrumental-Jazz-Album "The Epic" ist derzeit in den Playlisten so ziemlich aller überzeugten Hipster zu finden. Offensichtlich kommt der Jazz zurück. Und warum?

Warum jetzt?

Die einfachste Begründung: Das Trendpendel. Irgendeine Sau wird halt immer durchs Dorf getrieben. Und diese Saison ist es eben der Jazz. Wenn man will, kann man aber auch politisch argumentieren. Auf Bowies Album geht es angeblich nicht nur um Tod und Wiederauferstehung, sondern auch um den sogenannten Islamischen Staat. Und Kendrick Lamar verhandelt auf "To Pimp A Butterfly“ Rassismus, Polizeigewalt und Armut. Der anstrengende, dissonante, tumultartige Jazz passt jeweils zur Untermalung ganz wunderbar. Unruhige Musik für unruhige Zeiten - so der aus der Hüfte geschossene zeitgeistige Erklärungsversuch.

Die Leute sind bereit für Instrumentalisten

In Deutschland gehört Julian Maier-Hauff zu den Grenzgängern zwischen Jazz und Pop. Er hat Jazztrompete studiert und in diversen Ensembles gespielt, aber auch mit Samy Deluxe gearbeitet. Solo schichtet er Beats und Elektronikloops übereinander und improvisiert dazu auf der Trompete - und zwar in Technoclubs. Dieses Jahr erscheinen von ihm zwei EPs und ein Album. Für Maier-Hauff liegt der Reiz am Jazz in der Unvorhersehbarkeit, dem Wagnis von Improvisation und live gespielten Instrumenten.

"Ich glaube, die Leute sind wieder bereit, sich mit Instrumentalisten auseinander zu setzen. Leute gehen zu einem Konzert und wollen nicht, dass nur ein Macbook auf der Bühne steht - und mir geht es ähnlich. Wenn ich auf ein Konzert gehe, möchte ich, dass Leute auf der Bühne stehen, die was riskieren und ihr Instrument spielen."

Julian Maier-Hauff

Unruhige Zeiten, ein günstig schwingendes Trendpendel, die Sehnsucht nach künstlerischem Risiko sowie zwei musikalische Visionäre, die vorgemacht haben, was da geht. Klaut Euren Eltern schon mal die Miles-Davis-Platten: 2016 wird jazzy!

Diese Musikerinnen und Musiker bringen den Jazz zurück


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