01:19 Uhr Slow Leoniden

Jetzt Black Ballons Reprise Flying Lotus feat. Denzel Curry

Info Produzent Flying Lotus und Rapper Denzel Curry knüpfen mit "Black Ballons Reprise" (2019) an Songs des 2018 erschienenen Albums "TA1300" von Denzel Curry an. Die dystopische Songtrilogie könnte auch aus einem Horrorfilm stammen.


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PULS Festival Spezial German Vielfalt

Die deutsche Musikszene ist so vital und vielfältig wie lange nicht mehr. Nicht umsonst spielen auf dem PULS Festival 2015 Bands wie Die Nerven, Kytes, Zugezogen Maskulin und Schnipo Schranke. Alle verschieden, alle verdammt gut.

Von: Malte Borgmann & Christina Wolf

Stand: 20.11.2015 | Archiv

PULS Speziel: German Vielfalt | Bild: BR

13 zu 3: Das ist das Verhältnis von deutschen zu internationalen Bands, die dieses Jahr auf dem PULS Festival spielen. Und das ist weder der Blindheit unserer Booker, noch dem Festival-Budget geschuldet. Es gibt einfach so viel gute Musik aus Deutschland wie lange nicht mehr. Und zwar aus den verschiedensten Ecken. Wir versuchen, etwas Ordnung ins Durcheinander der PULS Festival Bands zu bringen.

Die Wut

Wir haben schon mal drüber gesprochen: Deutsche Musik war lange nicht mehr so wütend und politisch wie heute. Die Antilopen Gang fährt auch schonmal nach Freital, um gegen Rassismus und Nationalismus zu rappen. Zugezogen Maskulin nennen ihr Album "Alles brennt" und dissen in ihren Tracks alles vom besorgten Bürger bis zum Hipster. Gerade kommt das massiv zurück, was einst Bands wie Slime, Ton Steine Scherben oder Die Sterne gemacht haben: Wütende, politische, unbequeme Musik. Made in 2015.

Etwas diffuser ist die Wut bei den Nerven. Da wird oft nur so ein vages Angekotztsein formuliert. Lustig ist aber: Diese Stuttgarter Szene - lauter wütende, laute Bands, wie die Nerven, Human Abfall oder Karies - konnte erst durch ein konkretes politisches Ereignis entstehen: Stuttgart 21. Die Vorbereitungen zu den Bauarbeiten haben Ende der 90er dazu geführt, dass der Stuttgarter Nordbahnhof etwas verwahrlost ist. Dort haben sich dann Bands in alten Waggons eingenistet. Diese Freiräume sind zwar ironischerweise auch wegen Stuttgart 21 wieder verschwunden. Die Bands machen aber weiter.

Der Pop

Unter Pop versteht ja jeder etwas anderes. Wenn man den Begriff weit fasst, sind auch die Nerven Popmusik. Wenn man es enger sieht, meint es aber: Große Refrains, große Gefühle, klassisches Songwriting, Liebe, Freiheit, Kummer, Eskapismus... Und auch das haben einige junge deutsche Bands so richtig drauf. Auffällig hier: wie international diese Bands agieren und wie sie von Anfang an einen internationalen Markt im Blick haben.

Kytes zum Beispiel verschlägt es in ihrem Video zu "On the Run" gleich mal nach Brighton. Dass die Band aus München auf dem gleichen Label ist wie Milky Chance - Lichtdicht Records - gibt ihnen sicher zusätzliches Selbstvertrauen. Die haben den internationalen Durchbruch schließlich schon geschafft.

Dazu kommt: Die neuen deutschen Popbands, neben Kytes auch Cosby oder Claire, sind krass professionell. Optik, Sound, Promo - alles muss perfekt sein. Und die Facebook Posts gibt's auf Deutsch und Englisch. Bei Cosby und Claire ist das seit Tag eins so - da kommen die Leute aber auch schon aus einem Musikbusiness-Umfeld. Kytes haben sechs Jahre Probezeit als Blind Freddy hinter sich. Seit der Umbenennung in Kytes haben sie dann alles generalstabsmäßig geplant. Die Bands haben ein Bewusstsein davon, was es braucht, wenn man von seiner Musik leben will - man könnte es auch Geschäftssinn nennen.

Die Tüftler

Eine weitere Band mit internationalem Erfolg ist Sizarr. Die drei Jungs aus Landau spielen nicht nur viel im Ausland, sie finden dort auch im Radio und in der Musikpresse statt. Aber sie sind auch ein Beispiel für die Tüftler-Fraktion unter den deutschen Bands. Denn sie sind regelrecht besessen von abgefahrenen Klängen und Frickeleien. Auf dem PULS Festival dürften sie sich deshalb auch ganz gut mit den Oracles aus Berlin bzw. Köln und mit Pollyester aus München verstehen. Denn das sind auch solche Tüftler: Oracles gehen eher in die psychedelische Richtung; Pollyester machen Disco mit Soundingenieur-Diplom.

Tüftelnde Bands aus Deutschland? Da denkt man natürlich gleich an Krautrock. Tatsächlich kann man vor allem bei Oracles und Pollyester einen leichten Krautrock-Einschlag nicht überhören. Manche sprechen auch schon von einem Krautrock-Revival - zu dem man dann auf jeden Fall auch die Münchner Aloa Input zählen müsste. Sie alle knüpfen bei den Sound-Expeditionen von international einflussreichen Bands wie Can, Amon Düül II oder Cluster an, koppeln das dann aber wieder zurück an einen Disco-Beat oder Gitarrenpop-Akkorde.

Die Anderen

Ein paar Bands beim PULS Festival kann man kaum einordnen: Nicht bei den Wütenden, nicht bei den Poppern und nicht bei den Tüftlern. Was, zum Beispiel, machen Schnipo Schranke? Manche Kritiker versuchen ihnen den Feminismus-Schuh anzuziehen, weil sie als zwei-Frauen-Band Wörter wie "Pisse" benutzen und über Oralverkehr singen. So wie Charlotte Roche eben. So richtig passen will das aber nicht, dafür ist den beiden die Sache viel zu egal. Schon eher sind sie anti: Anti-Rock zum Beispiel, weil so kinderliedmäßig süß. Oder Anti-Pop, weil bewusst unhübsch.

Genauso bei den Orsons: Die rappen auf Schwäbisch, sind im einen Moment ernst, ganz oft aber so albern, dass man es fast nicht mehr aushält. Ihre Produktionen sind mega. Und sie sind auch technisch super Rapper. Herkömmliche Rap-Begriffe wie Realness gehen ihnen aber komplett am Arsch vorbei. Für klassischen Mainstream sind sie zu quirky, für Underground zu groß: Mit ihrem Album "What's Goes" haben sie es dieses Jahr bis auf Platz zwei in den deutschen Albumcharts geschafft.

Im Moment kommt jedenfalls so einiges zusammen in Deutschland: politisch, musikalisch, kommerziell, you name it... Und das erzeugt sehr spannende, vielfältige Musik. Ob irgendwas davon mal ähnlich einflussreich wird, wie der Krautrock in den 1960ern und 70ern, sehen wir vielleicht in 30 Jahren. Oder wir spekulieren drüber, am 27. und 28. November auf dem PULS Festival in Erlangen und München.

Die Playlist zur Sendung
InterpretTitel
Monday TrampsLullabies
Lilly Among CloudsKeep
Zugezogen MaskulinEndlich wieder Krieg
SlimeDeutschland muss sterben (live)
Antilopen GangOutlaws
Die NervenDreck
Human AbfallPsychohygiene Fünf Minus
Sara HartmanMonster Lead Me Home
KytesOn the Run
CosbyLove and War (PULS Live-Session)
ClaireCalling Out
FindlayOff and On
SizarrScooter Accident
PollyesterCatrina
OraclesGazing From Without
Aloa InputBla Bla Theory
Schnipo SchrankeSchnipo Song
Die OrsonsWhat's Goes
Milky ChanceRunning
CasperBlut Sehen
FatoniC'mon das geht auch klüger
Miss PlatnumReise (Ich war hier)

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