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Dokumentation "Hitler und die Kinder vom Obersalzberg"

Sie waren damals noch Kinder oder Jugendliche und lebten mit ihren Familien in der Nähe des Obersalzbergs – dort wo Hitlers Sommerresidenz lag, der Berghof. Heute, Jahrzehnte später, berichten diese Zeitzeugen – manche das erste Mal vor einer TV-Kamera – über die für sie sorgenfreien Jahre am Obersalzberg, über die Besuche und Erlebnisse am Berghof. Die Dokumentation von Robert Altenburger gibt kaum bekannte Einblicke in das Leben in Hitlers „Führersperrgebiet“ - zu sehen am Montag, 10. April um 20.15 Uhr im BR Fernsehen.

Stand: 13.03.2017

Matthias Eder mit Familie am Berghof | Bild: ORF

"Ich war ein glückliches, privilegiertes Kind", erzählt Marga Benkert (Jahrgang 1936). Sie ist eines der damaligen "Kinder vom Obersalzberg", die der Autor für seinen Film interviewt hat.

Auch Ludwig Schröer (Jahrgang 1930) aus Berchtesgaden gehört zum Kreis jener, die in der Doku von ihren Kindheitsjahren am Obersalzberg erzählen. Von ihren Erinnerungen an Adolf Hitler, für den Eltern oder Verwandte arbeiteten, während dieser am Berghof über einige der größten NS-Verbrechen entschied: die massenhafte Ermordung Behinderter, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, die Liquidierung der jüdischen Ghettos. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde den "Kindern vom Obersalzberg" die Parallelität von Idylle und Schrecken recht bald deutlich, in der sie gelebt hatten. Diese Parallelität steht im Mittelpunkt von Robert Altenburgers Dokumentation, einer Koproduktion von ORF und BR Fernsehen.

Der Berghof, ursprünglich als Sommerresidenz gedacht, wurde nach Hitlers Machtübernahme unter Leitung seines Sekretärs Bormann zum zweiten Regierungssitz ausgebaut. Wo der "Führer" wohnte, wollten auch seine Paladine residieren: Bormann, Göring, Speer. Für sie mussten Familien in der Umgebung ihre Häuser und Grundstücke verlassen. Wer nicht spurte, dem drohte Konzentrationslager. Über die brutalen Methoden und die Drohungen Bormanns berichtet ein weiterer Zeitzeuge in dem Film.

Die Dokumentation zeigt auch die bislang weniger bekannten Dimensionen des Berghofes und seiner Umgebung. Zusätzlich wurde dort eine SS-Kaserne errichtet, ein Gewächshaus, ein Gästehaus, eine Theaterhalle, ein Kindergarten, ein Teehaus und das Kehlsteinhaus in 1834m Höhe. Zwischen 1933 und 1945 lebten und arbeiteten bis zu 20.000 Menschen auf dem Obersalzberg. Hinzu kamen hunderte Zwangsarbeiter aus Italien und Tschechien, die an der Errichtung der Gebäude und der riesigen unterirdischen Bunkeranlagen beteiligt waren, darunter Zdenek Hulka aus der tschechischen Stadt Cheb. Im Film erzählt Hulka von den lebensbedrohlichen Arbeitsbedingungen, die fast täglich Tote und Verletzte forderten. Die Angst vor der Deportation in ein KZ war ebenfalls ein ständiger Begleiter – auch hier oben wusste man von den systematischen Morden im nahegelegenen KZ Dachau.

Zur Parallelität von Idylle und Schrecken gehörte auch die Inszenierung des vermeintlich volksnahen und kinderliebenden "Führers" durch seinen Leibfotografen Heinrich Hoffmann. Mit propagandistischer Perfektion bediente sich dieser der Kulisse der heilen Bergwelt, in der er Hitler mit Erwachsenen und mit Kindern in Szene setzte. Abgelichtet wurde auch Gerhard Bartels (Jahrgang 1932), der in der Dokumentation ebenfalls zu Wort kommt. Sein Onkel war im Ersten Weltkrieg Hitlers Feldwebel, und Hitler besuchte die Familie schon vor 1933 regelmäßig. Auch der Salzburger Rupert Zückert (Jahrgang 1931) musste mit Hitler für Fotos posieren. Er gehörte zu jenen, die nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 mit seinen Eltern zum "Führer schauen" und auf den Obersalzberg pilgerten.

"Durch die vielen Gespräche mit Zeitzeugen, die damals weder Täter noch Opfer, sondern Kinder und Jugendliche waren, ergab sich ein vertiefender Einblick in die manipulative Perfidie des NS-Regimes."

Autor Robert Altenburger

"Die Dokumentation stellt sehr spannend und anschaulich den Obersalzberg als Parallelwelt zum Krieg und zu den Gräueln des NS-Regimes dar. Mit seinem zweiten Regierungssitz Obersalzberg hat Hitler ein ganzes Dorf als Propaganda-Kulisse missbraucht. Viele Gespräche mit Zeitzeugen geben einen besonderen Einblick in die Manipulationsmaschinerie der Nazis – gesehen mit den Kinderaugen von damals und mit der Bewertung von heute."

BR-Fernsehdirektor Dr. Reinhard Scolik

Die Dokumentation fragt schließlich auch, wie mit dem NS-Erbe umgegangen wurde. Hitlers Berghof wurde 1952 gesprengt. Doch bis heute sind Ruinen und erhaltene Gebäude wie die "Kleine Reichskanzlei" in Berchtesgaden oder das "Kehlsteinhaus" Anziehungspunkt für Touristen – aber auch für Ewiggestrige. Die "Dokumentation Obersalzberg", wissenschaftlich betreut vom Institut für Zeitgeschichte München, versucht seit 1999, den Ansprüchen moderner Geschichtsvermittlung gerecht zu werden. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende haben Gedenkkultur und Aufarbeitung am Obersalzberg gerade erst begonnen.

"Hitler und die Kinder vom Obersalzberg" ist eine Koproduktion von ORF und Bayerischem Rundfunk (BR).


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