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Ein Teil von uns Vier Fragen an Regisseurin Nicole Weegmann

Stand: 23.06.2016

Nicole Weegmann, Regisseurin von "Ein Teil von uns" | Bild: Bernd Schuller

Was hat Sie an "Ein Teil von uns" fasziniert und dazu bewogen, die Regie zu übernehmen?

Nicole Weegmann: „Ein Teil von uns“ ist eine Geschichte, die mich persönlich sehr bewegt hat. Es geht um die Frage des Verantwortung-Übernehmens innerhalb der Familie. Im Fokus der Geschichte steht die starke Nadja, die immer schon für ihre labile Mutter und auch ihren kleineren Bruder gesorgt hat. Es ist von Kind an die ihr zugewiesene Rolle innerhalb des Familiengeflechts. Wie belastend es sein kann, immer für andere funktionieren zu müssen, wie unausweichlich allerdings andererseits: Diese besondere Situation in ambivalenter Weise zu zeigen, war für mich der Kern dieser Arbeit.

"Ein Teil von uns" ist ein Familiendrama, gleichzeitig rückt der Film das gesellschaftliche Tabuthema Obdachlosigkeit in den Fokus. Inwiefern ist gerade diese Verbindung für den Film bedeutsam?

Nicole Weegmann: Die Gefahr des sozialen Abstiegs, Scheiterns innerhalb der Gesellschaft, ist allgegenwärtig, es ist ein Teil von uns. Obdachlosigkeit zum Thema zu machen, ist bei unserer Geschichte eine konsequente Form, mit der Figur der Mutter umzugehen. In vielen Familien gibt es einen, der nicht „funktioniert". Der es aus unterschiedlichen Gründen nicht schafft, zu labil ist, trinkt oder nach Schicksalsschlägen abrutscht. Dabei wird Obdachlosigkeit immer auch als selbstverschuldet und stigmatisierend empfunden. Und gerade für Frauen ist das Leben auf der Straße unfassbar hart. Es ist absolut nachvollziehbar, wie sehr es eine Familie kaputtmachen kann, hier nicht helfen zu können oder andersherum irgendwann auch gar nicht mehr zu wollen. Die Schuld ist nicht auflösbar. Aber auch nicht der Fluch, in der ständigen Pflicht zu sein. Was es für den obdachlosen Menschen bedeutet, der am Ende auf der Straße alleine gelassen wird, ganz zu schweigen. Es geht um Schmerzgrenzen, an die alle Figuren geführt werden. Wieder einmal um die Belastbarkeit von Familie.

Wie haben Sie sich in Vorbereitung auf Ihre Arbeit am Film zum Thema Obdachlosigkeit informiert bzw. wie haben neugewonnene Erkenntnisse zu diesem Thema Ihre Sicht auf Familie und Gesellschaft verändert?

Nicole Weegmann: Alle Beteiligten haben sich umfassend und langfristig mit dem Thema beschäftigt, in vielerlei Weise: Interviews mit Sozialarbeitern und Heimleitern. Gespräche mit Obdachlosen und Psychologen. Unter anderem gab es eine Frau, die unserem Schicksal sehr nahe kam, mit der sich die Drehbuchautorin Esther Bernstorff mehrfach getroffen hat. Authentizität war uns hier ein großes Anliegen. Meine persönliche Sicht auf Obdachlosigkeit hat sich nicht maßgeblich verändert, wurde im Grunde nur geschärft. Es ist natürlich erschreckend zu sehen, was das Leben auf der Straße bedeutet. Viele Familien wenden sich irgendwann ab, ertragen die Ausweglosigkeit nicht, gerade wenn Alkohol im Spiel ist. Einen nahestehenden Menschen auszuhalten, der so weit abrutscht, bei dem es doch so wenig Hoffnung auf Veränderung gibt, davor habe ich den größten Respekt. Es ist immer wieder erschreckend, wie viel Familie leisten muss. Und wo die Gesellschaft an ihre Grenzen stößt.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Darstellern, was war die besondere Herausforderung des Films?

Nicole Weegmann: Die beiden Hauptdarstellerinnen Brigitte Hobmeier und Jutta Hoffmann sind beide große Schauspielerinnen. Tatsächlich war die Zusammenarbeit mit ihnen die besondere Herausforderung und das Herzstück des Films. Es handelt sich um einen absoluten Schauspielerfilm, der von der außergewöhnlichen Energie der beiden getragen wird.


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