5

Wenn die KI Jobs vergibt Der Algorithmus als Personaler*in

Was sagt mein Profil im Business-Netzwerk über mich als Arbeitnehmer*in aus? Wie funktionieren KI-gesteuerte Algorithmen, die mir "passende" Stellen auf Job-Portalen anbieten? Was glaubt diese KI, was ich gut kann - und was nicht. Ein gemeinsames Rechercheprojekt von BR und Der Spiegel.

Von: Franziska Timmer

Stand: 15.10.2020

We want you | Bild: picture alliance/Zoonar

Es ist der Tag des Bewerbungsgespräch. Frau Ypsilon ist pünktlich vor Ort. Wartet kurz. Dann wird sie hereingebeten, betritt leicht nervös den Raum. Drinnen richten sich sofort die Augen der Personalchefin auf sie. „Guten Morgen, Setzen Sie sich. Möchten Sie vielleicht etwas trinken?“. Und zack. Schon hat die Personalchefin ihre Entscheidung schon getroffen. Nach zehn Sekunden ist in den meisten Bewerbungsgesprächen klar, ob Personen einen Job bekommen oder nicht. Das haben Forscher*innen der Universität Toledo bereits vor 20 Jahren herausgefunden. Bewerbungsgespräche sind "reine Zeitverschwendung", findet Laszlo Bock, ehemaliger Personalchef bei Google: "99,4 Prozent der Zeit versuchen wir, unseren ersten Eindruck zu bestätigen". Ja, auch Personaler*innen sind nur Menschen. Hören auf ihr Bauchgefühl, lassen den ersten Eindruck vielleicht auch unbewusst zählen oder gar entscheiden. Und machen dadurch systematische Fehler.

Hilfstools für Unternehmen und Jobsuchenden

"Es ist zum Beispiel so, dass gut aussehende Menschen überschätzt werden im Bezug auf ihre Sozialkompetenz", sagt Lennart Bedford-Strohm. Und es ist so, dass großen Menschen eher zugetraut wird, dass sie Führungspositionen gut ausfüllen können. Und danach versucht man eigentlich nur noch seinen Eindruck zu bestätigen. Und das ist kein besonders gutes Modell. Deshalb gibt’s in der Wirtschaft immer mehr Gedanken und Fragen dazu, wie man das vielleicht besser machen kann. Oder eher: wie Künstliche Intelligenz das besser machen kann. Lennart Bedford-Strohm ist Teil eines Rechercheprojekts des Bayerischen Rundfunks. Gemeinsam mit der Redaktion des Spiegel testet der BR gerade verschiedene Tools, die einerseits Unternehmen bei der Auswahl und andererseits auch den Jobsuchenden helfen könnten.

"Da geht’s zum Beispiel darum, dass eine KI dabei hilft, gute Jobs zu finden", erklärt Lennart. "Also welcher Job passt am besten zum mir. Dann gibt’s noch andere Tools, die sich zum Beispiel anschauen, bin ich wechselwillig. Also, will ich den Job wechseln. Vielleicht auch ohne, dass ich das selber weiß. Eine andere Frage, die wir uns da stellen oder die sich die Anbieter da stellen, ist: Welche Fragen krieg ich in einem Bewerbungsgespräch gestellt. Da gibt’s eine KI, die sich so einen Fragenkatalog anschaut und dann speziell auf meine Beruf zugeschnittene Fragen raussucht." Klingt doch erst einmal ausgezeichnet. Die KI wählt aus, unvoreingenommen, ohne Vorurteile, politisch korrekt und lediglich auf die Merkmale konzentriert, die für die Arbeitsstelle wichtig sind. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Wenn da nicht der sogenannte "Bias" wäre – die Voreingenommenheit: "Es ist so, dass Künstliche Intelligenzen vor allem aus einer großen Menge von Daten lernen und in diesen Daten stecken oft unsere menschlichen Vorurteile – eigentlich immer", erklärt Lennart dazu.

Und schon war sie da - die sexistische KI

Bekannter Fall einer voreingenommenen KI: Amazon. Bereits 2014 entwickelt das Unternehmen eine Software, die mittels Künstlicher Intelligenz ein Ranking eingegangener Bewerbungen erstellen sollte: "Bei Amazon war das so, dass die ihre Job KI trainiert haben mit einem alten Datensatz von Bewerbungen und da steckte drinnen oder das hat die KI daraus gelernt: Frauen können die Jobs nicht so gut machen wie Männer", erzählt Lennart. "Wir sollten da keine Frauen einstellen. Und das liegt daran, dass Frauen früher nicht so oft bei Amazon gearbeitet haben, sondern da viel mehr Männer arbeiten. Der Zusammenhang ist natürlich Quatsch. Den hat die KI aber aus den Daten gelernt." Und schon war sie da: Die sexistische KI. Ein Flopp! Wann eine KI im Bewerbungsverfahren helfen kann und wann sie fast irrender ist als jede Personalchefin, das will das Rechercheprojekt des BR gemeinsam mit dem Spiegel herausfinden. In den kommenden Monaten soll die Plattform, auf der man die verschiedenen Bewerbungstools ausprobieren kann, online gehen.

Hinweis: Einen kleinen Vorgeschmack gibt’s beim Zündfunk Netzkongress am Freitag, den 23. Oktober beim Online Workshop „Wie die KI Jobs vergibt“ mit Christiane Miethge vom Bayerischen Rundfunk.


5