Leadership So können Videokonferenzen das Arbeitsleben bereichern

Seit März gehören Videokonferenzen so fest zu unserem Arbeitsalltag wie Horrorfilme zu Halloween. Skype, Zoom, Teams, Hangouts: Pick your poison. Ob sie gut gelingen, hängt allerdings auch davon ab, wie sie geführt werden.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 22.10.2020

Der Sound des eingehenden Video-Anrufs. Manchmal blicken wir ihm freudig entgegen – manchmal jedoch kann er zum Albtraum-haften Signal einer endlos zähen Morgensitzung werden. Christian zum Beispiel, wirkt eher genervt. „Videokonferenzen reduzieren aus meiner Sicht die Kommunikation auf das rein äußerlich sichtbare und hörbare. Die ganzen anderen Bereiche, die man aus der zwischenmenschlichen Kommunikation wahrnimmt, entfallen“, schimpft er.

Christian arbeitet in der Autozuliefererindustrie in München und ist wie so viele gerade auf digitale Konferenzen angewiesen. Er sieht sie insgesamt eher kritisch. Normales Arbeiten, sagt er, sei nur eingeschränkt möglich, weil Videokonferenzen ganz neue Herausforderungen an die Führung einer Sitzung stellen. Schon allein deswegen, weil keiner mehr im Büro ist. Häufig bekomme man so beispielsweise ungewollte Einblicke ins Familienleben, wenn plötzlich weinende Kinder bei Mama und Papa auf dem Schoß auftauchen. „Dann ist nicht nur das Kind überrascht, sondern vielleicht auch das Elternteil findet sich in einer unangenehmen Situation wieder. “

Magdalena, die bei einem Medienunternehmen in München arbeitet, sieht das anders. Die Zusammenarbeit mit ihrem Team haben Videokonferenzen für sie erleichtert. Sie findet es nett, die Leute in ihren Hinterzimmern und Häusern zu sehen. „Das hat ein paar strikte Autoritätsfiguren für mich auch vermenschlicht“, sagt sie.

Video-Konferenzen müssen gut geführt werden

Christian und Magdalena, erleben den Boom der Videokonferenzen also ganz unterschiedlich. Ob Videokonferenzen aber die digitalen Sitzungen die Zukunft sind, oder ob sie nach der Pandemie verhallen wie der störende Klang eines Skype-Calls in der Mittagspause, hängt vor allem davon ab, wie sie geführt werden. Die Psychologie-Professorin Claudia Peus, die an der TU-München forscht, mahnt an, dass wir auch in Videokonferenzen klare Spielregeln brauchen. Die Führung sei gefragt, klar zu kommunizieren, was erwartet wird: „Wie lange bin ich überhaupt online im Home-Office? Und auf welchem Kanal tauschen wir uns aus?“

Das Spezialgebiet von Claudia Peus ist Leadership, also gute Führung in Unternehmen. Die, sagt die TUM-Vizepräsidentin für Talent-Management und Diversity, steht in Videokonferenzen vor neuen Herausforderungen. Claudia Peus sagt: „Schlechte Führung in Videokonferenzen heißt: Es gibt keine klaren Erwartungen, was das Ziel der Konferenz ist. Ist es Diskussion? Ist es Austausch oder ist es Entscheidungsfindung oder reine Information?“ Dann sei nämlich im Unklaren gelassen, wer wann wie redet, und wie man auch kenntlich machen kann, dass man einen Beitrag leisten möchte.

Schlechtes Führen heißt, nicht locker lassen.

Eine schlechte Führungskraft, sagt Claudia Peus, ist eine, die bei Videokonferenzen selbst die ganze Zeit redet. Darüber hinaus seien Digitalisierung, Home-Office und Videokonferenzen auch eine gegenseitige Vertrauensprobe für Chefs und Mitarbeitende. Vorgesetzte, die ihre Mitarbeiter*innen viel und gerne kontrollieren, haben in diesen Zeiten Probleme. Die Professorin habe zum Beispiel Berichte von Firmen gelesen, die Spionagesoftware auf die Rechner geladen haben. Eben um zu sehen, ob die Mitarbeiter*innen online sind. „Wir lesen sogar Beispiele, wie Firmen Privatdetektive angeheuert haben, ob die Leute wirklich zuhause am Schreibtisch sitzen“, sagt Claudia Peus.

Vertrauen ist das Wichtigste

Die Teams müssen einander vertrauen können, besonders beim digitalen Arbeiten. Das sei laut der Psychologin aber ohnehin ein wichtiger Schritt für die Entwicklung von Vorgesetzten und Mitarbeitenden in Unternehmen. Trotzdem glaubt Claudia Peus nicht, dass wir – selbst wenn sie gut geführt sind – nach Corona nur noch in Videokonferenzen arbeiten. Sie geht eher davon aus, dass wir eine hybride Form sehen werden, zwischen persönlichen Treffen und Videokonferenzen.

Weite Reisen zu Konferenzen können dank Videoschalten überflüssig werden, aber auch Besprechungen mit vielen Menschen, die einen vollen Terminkalender haben – lassen sich via Zoom oder Teams viel schneller organisieren. Eine Schwierigkeit für einen gut geführten Digitalen Arbeitsalltag ist dabei aber der Stresslevel.

Wenig Atempausen

 „Ich glaube gerade, dass diese extreme Hintereinanderschaltung, dass die extrem anstrengend ist“, erzählt Peus. Man habe einfach keine Pausen dazwischen. Und dann müsse man mental eben ständig und schnell umschalten. Zeit, etwas zu verarbeiten, bleibt nicht. Außerdem habe man auch in Studien gesehen, dass gerade der Smalltalk vor Meetings wichtig für die Effizienz des Meetings sei.

Solche Lösungen könnte man notfalls auch digital finden, erzählt die Psychologie-Professorin, zum Beispiel indem man gemeinsam Mittag isst, oder sich zur digitalen Weinprobe trifft. Auch Christian und Magdalena sehen das ähnlich. Christian bringt es auf den Punkt: „Klar gibt es vereinfachte Kommunikation – aber es bietet einem nicht den Input, den man bei einem persönlichen Gegenüber gewinnen kann.“ Videokonferenzen. für das Arbeitsleben können sie Fluch und Segen zugleich sein. Wo wir am Ende landen, hängt dabei aber auch vom Arbeitsumfeld ab.  

Claudia Peus | Bild: Claudia Peus zum Artikel Psychologin Prof. Dr. Claudia Peus

Claudia Peus ist Psychologie-Professorin und Vize-Präsidentin an der Technischen Universität München für Talent-Management und Diversity. [mehr]