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Die 68 – Ein Aufbruch und seine Folgen Zwischen Liebe und Hass - Das politische Vermächtnis der 68er

50 Jahre ist es her, dass ein Teil der 68er Bewegung die junge Bundesrepublik herausforderte. Und noch immer fragen sich Historiker und Politiker, was das Vermächtnis dieser Bewegung ist. Spaß und Freiheit wollten sie, und viele sogar eine neue Gesellschaft.

Von: Andrea Herrmann und Julio Segador

Stand: 11.04.2018

Rudi Dutschke

Die 68er: Spontanbewegte Revolutionäre standen reaktionären Spießern gegenüber - so zumindest sahen es die jugendbewegten Revoluzzer. Das Establishment sprach da lieber vom Terror der Jungroten, vom kriminellen Kampf langhaariger Affen. Bilder, die sich inzwischen ein halbes Jahrhundert lang hartnäckig halten.

Studenten halten am 12.06.1968 die Vorhalle des Landtags in Düsseldorf besetzt.

Die 68er rebellierten gegen Ausbeutung, Nationalismus und alles Autoritäre, vor allem an den Hochschulen. Wortführer der Studentenbewegung war Rudi Dutschke, den die Springer-Presse gerne zum „Volksfeind Nr.1.“ stilisierte. Wie erbarmungslos und hart die Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten, zwischen Staatsmacht und Demonstranten im April 1968 waren, zeigt das Attentat auf Rudi Dutschke heute vor genau 50 Jahren.

Das Attentat auf Rudi Dutschke

11. April 1968. Am Kurfürstendamm in West-Berlin schießt ein junger Mann auf Rudi Dutschke. Der Student bricht lebensgefährlich verletzt zusammen.

"Es ist furchtbar anzusehen. Ich muss dies so persönlich sagen. Es sind die Schuhe von Rudi Dutschke noch auf der Straße. Es sind die Blutflecken zu sehen."

Reporter am Tattag

Mit der Nachricht vom Attentat auf Rudi Dutschke sprang der Funke der Revolte von West-Berlin nach West-Deutschland über. In 27 Städten kam es im April 1968 zu Protesten, teilweise zu Straßenkämpfen.

Claudia Roth

Bis heute lässt diese Revolte kaum jemanden kalt, der damals mit dabei war. Oder fast dabei war, wie Claudia Roth, die in der Bayern 2 - Sendung „Dossier Politik“ mit dem langjährigen CSU-Politiker Peter Gauweiler und dem Soziologen Armin Nassehi über das Erbe der 68er diskutiert hat. Worum es den Demonstranten damals ging? Ganz einfach, sagt die Grünen-Politikerin Claudia Roth:

"Raus aus der Spießigkeit, raus aus der Enge! Es ging um Selbstbestimmung, es ging um Befreiung aus Rollenklischees. Es ging um Emanzipation."

Claudia Roth

Und es ging ihr auch und gerade um eine Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit.

"Vielleicht ist es für mich das aller Persönlichste, was ich mit 68 verknüpfe oder wo ich vielleicht auch 68 überhöhe. Egal! Für mich ist es die Frage: Warum Auschwitz?"

Claudia Roth im BR

Gleichwohl hätten 68er für die Aufarbeitung der Vergangenheit wenig geleistet, kritisiert Peter Gauweiler. Ihnen sei es vielmehr um eine gnadenlose Abrechnung gegangen:

"Zum einen haben sie die Generation der Eltern in einer Weise  runtergemacht, in einer selbstgerechten Form, die ihnen in gar keiner Weise zustand."

Peter Gauweiler im BR

Peter Gauweiler

Und genau diese Selbstgerechtigkeit und moralische Arroganz sei ihm zuwider gewesen. Als überzeugter Konservativer war Peter Gauweiler schon als Schüler ein Contra. Er stellte sich gegen die rebellierenden 68er mit ihren Transparenten von Fidel Castro, Che Guevara und Josef Stalin. Seiner Meinung nach hatten sie sich ideologisch völlig verrannt.

"Wir haben eigentlich die Linken als nützliche Idioten des Totalitarismus empfunden."

Peter Gauweiler

Eine Einschätzung, die Armin Nassehi nicht teilen mag. Er selbst sei in einer links-liberalen Familie aufgewachsen, sagt der Münchner Soziologe, und hätte 1968 womöglich mit der revoltierenden Linken sympathisiert.  Rückblickend sehe er die damalige Entwicklung allerdings differenzierter.

"Ich wäre heute eher skeptisch, was das angeht. Weil man ja doch, wenn man richtig hinguckt, feststellen muss, dass es zum Teil eine  Fundamentalopposition gegen den liberalen Staat war, aber durchaus eine positive Wirkung auf die Bundesrepublik hatte."

Armin Nassehi

Denn die Folge der 68er-Bewegung, so Nassehi, waren mehr Offenheit, mehr Teilhabe, und gelebte Demokratie… oder wie Claudia Roth sagt:

"Es ist ein ganz, ganz, ganz großer Beitrag zu einem veränderten Deutschland. Zu einem Deutschland, das gerechter, offener, vielfältiger, bunter geworden ist, und das auch ein Bewusstsein darüber hat, dass Vielfalt und Buntheit ein Reichtum ist und keine Bedrohung."

Claudia Roth

Eine Offenheit und Buntheit, die die neue Rechte in Deutschland heutzutage als Bedrohung empfindet. Claudia Roth fordert deshalb eine Wiederbelebung der Demokratie. Und Peter Gauweiler fügt mit Blick auf das Erstarken der neuen Rechten hinzu:

"Wir brauchen keine umgekehrten 68er. Irgendwann mal müssen wir die Folge geistiger Bürgerkriege in Deutschland beenden und wir haben eine Chance dazu."

Peter Gauweiler

"Eine Linke braucht es womöglich nicht mehr"

50 Jahre danach wird die Frage von Soziologen, Historikern und Denkern eben ganz unterschiedlich beantwortet. Der Soziologe Armin Nassehi, dessen neuestes Buch den provozierenden Titel trägt "Gab es 1968?", hält linke Ideologie für überholt. Nach den Gewaltexzessen beim G20-Gipfel in Hamburg schrieb er in einem Zeitungsbeitrag:

"Wahrscheinlich braucht es nach wie vor als links geltende normative Intuitionen. Aber eine Linke braucht es womöglich nicht mehr. Wir brauchen stattdessen Denkweisen, die zur Kenntnis nehmen, dass man moderne Gesellschaften intelligenter steuern muss, und anders als die Formel Kapitalismus abschaffen suggeriert."

Armin Nassehi in einem ZEIT-Beitrag im Juli 2017

Wenn die Revolution im Mainstream ankommt

Lukas Hammerstein

Der Journalist und politische Autor Lukas Hammerstein sieht die 68er Bewegung längst im Mainstream angekommen. Von all den Veränderungen der Gesellschaft wie Emanzipation und Infragestellen von Hierarchien - davon übrig sei vor allem der "Anspruch auf Meinungsführerschaft". Aus der Renitenz wurde laut Hammerstein ein Erfolgsrezept, gegen das nun eben wieder andere anrennen.

„Zwischen Hass und Liebe – Das politische Vermächtnis der 68er.“ Die Diskussion mit Peter Gauweiler (CSU), Claudia Roth (Grüne) und Armin Nassehi (Soziologe, LMU München) können Sie heute Abend in voller Länge hören. Im Dossier Politik um 21:05 Uhr in Bayern 2. Und jederzeit als Podcast in der ARD-Audiothek

Dossier Politik, 11. April 2018
„Zwischen Hass und Liebe – Das politische Vermächtnis der 68er“

Moderation: Julio Segador
Redaktion und Regie: Andrea Herrmann
Beitrag (Essay): „Echoraum 68“, Autor: Lukas Hammerstein


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Gerald Kley, Donnerstag, 12.April, 21:04 Uhr

1. Gewissensentscheidungen

Für mich ist das Vermächtnis der 68-iger, das emanzipatorische und aufklärerische Massenbewegungen gesellschaftsverändernd möglich sind und angestoßen werden können. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, daß sich ein Engagement nicht nur in einem ,,dagegen'' destruktiv erschöpfen darf, sondern in einem ,,dafür'' konstruktiv, inspirierend wirksam werden kann. Mit dem zeitlosen Werkzeug der kritischen Dialektik der Frankfurter Schule um Horksheimer, Marcuse und Habermas kann es jeder Generation erneut gelingen, sich selbst zur Persönlichkeitsbildung anzuhalten.