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Zwischenzeugnisse: Sind Schulnoten nützlich - und nötig? | BR24

© pa/dpa/Arco Images/Schoening

Noten geben Leistungen in Zahlenform wieder. Objektiv ist das nicht, kritisieren Bildungsforscher.

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Zwischenzeugnisse: Sind Schulnoten nützlich - und nötig?

Eine 2 in Mathe, eine 5 in Latein: Der Zeugnistag sorgt bei Schülern oft für gemischte Gefühle. Dabei stehen Ziffernnoten schon lange in der Kritik. Experten halten Zensuren für überholt, aber auch andere Beurteilungsformen sind problematisch.

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"Noten können Schüler kaputtmachen." Mit dieser Aussage kritisierte Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, bereits vor einigen Jahren das Bewertungssystem an deutsche Schulen. Sie stimmte damit in den Chor jener Wissenschaftler ein, die mit ihren Forschungsbefunden den generellen Sinn von Schulnoten bei Klassenarbeiten und in Zeugnissen bereits seit langem in Zweifel ziehen.

Sind Noten gerecht?

Als gesichert gilt: Noten sind nicht gerecht. Denn zu viele Faktoren beeinflussen die Leistung eines Kindes: In welchem Bundesland besucht es welche Schulform? Wie hoch ist das Niveau der Klasse? Wie gut kann die Lehrkraft unterrichten? Und schließlich: Was wird wie als Leistung definiert? Ein guter Deutschaufsatz? Eine korrekt gelöste Matheaufgabe? Hans Brügelmann, emeritierte Professor für Grundschulpädagogik an der Universität Siegen und Bremer Vorstandsmitglied des Grundschulverbands, sagt: "Leistung ist das, was ein Kind aus seinen Möglichkeiten macht." Dies in Form einer Ziffernnote wiedergeben zu wollen, sei kaum möglich – und schon gar nicht objektiv.

Durch den Messwert "Note" erfährt man nicht, was ein Kind wirklich kann. Der Grund: Eine Zensur wird als Durchschnitt aus verschiedenen Teilleistungen gebildet. Sie gleicht dadurch Unterschiede aus, macht diese aber zugleich schlecht nachvollziehbar. Ein Schüler, der sich mündlich in Englisch sehr gut ausdrücken kann, aber schriftlich große Schwächen etwa in der englischen Rechtschreibung hat, wird als Gesamtnote im Zeugnis oder Zwischenzeugnis eine mittelmäßige Note bekommen. Weder die gute noch die schlechte Leistung wird also abgebildet. Das ist problematisch, sagt Professor Edward Kiel, Lehrstuhlinhaber für Schulpädagogik an der LMU München:

"Das Notengeben ist ein schlechtes System, aber wir haben keine gute Alternative dazu." Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik, LMU München
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Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München, zum Notensystem.

Wofür braucht man Schulnoten?

Noten haben sich als Bewertungssystem in Deutschland fest etabliert. Studien haben nachgewiesen, dass sich Schülerinnen und Schüler miteinander vergleichen wollen. Und auch Eltern wollen wissen, wo ihre Kinder stehen. In bundesweiten Umfragen äußern Eltern immer wieder, dass sie Noten wünschen. Auch wenn wissenschaftliche Studien seit Jahrzehnten belegen, dass das Notensystem mitunter ungerecht und subjektiv ist.

So wiesen Wissenschaftler bereits in den 1970er-Jahren nach, dass Lehrkräfte, die die gleiche Arbeit nach Monaten noch einmal bewerteten, zum Teil andere Noten gaben. Zudem gaben Lehrende in wissenschaftliche Befragungen an, dass in ihre Bewertung neben der Leistung des Schülers auch andere, zum Teil subjektive Kriterien einflössen.

So würden hohe Motivation, gute Lernfähigkeit und positive Einstellung bei Schülern mit tendenziell besseren Noten honoriert. Trotzdem: Das traditionelle Notensystem bleibt. Der Grund ist einfach: Noten geben schnell und unkompliziert einen Orientierungsrahmen für die Leistung von Schülern. Eltern, Hochschulen und auch die Wirtschaft verfügen damit über ein gut zu lesendes System, wie das eigene Kind beziehungsweise ein Bewerber um Studienplätze, Lehr- oder später auch Arbeitsstellen einzuschätzen sei, sagt Schulpädagoge Ewald Kiel.

"Im Großen und Ganzen geben Noten Urteile ab, mit denen Eltern und die Abnehmer der Wirtschaft etwas anfangen können." Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik, LMU München
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Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München, zur Nützlichkeit von Noten.

Sind Ziffernnoten alternativlos?

Aber es gibt Alternativen zu der Notenskala von 1 bis 6. Grundschulen setzen in vielen Bundesländern, darunter auch in Bayern, in den ersten Schuljahren statt auf Ziffernnoten inzwischen auf Lernentwicklungsgespräche, ausformulierte Wortgutachten und Kompetenzzeugnisse. Diese geben differenziert über Lesen, Schreiben oder Hörverstehen Auskunft. Das Land Hessen will laut aktuellem Koalitionsvertrag zumindest 30 Pilotschulen die Möglichkeit geben, Schüler ausschließlich schriftlich zu bewertet.

Zumeist werden davon Gesamtschulen Gebrauch machen. Denn der Notenverzicht kommt nur in Betracht, wenn kein Wechsel auf eine weiterführende Schule oder ein Schulabschluss anstehen. Hier brauchen Schüler Zeugnisse mit herkömmlichen Zensuren. In Bayern gilt das insbesondere für die Übertrittszeugnisse der Viertklässler, die darüber entscheiden, ob ein Kind nach der Grundschule Mittel-, Realschule oder Gymnasium besuchen kann. Dabei haben schriftliche Beurteilungen durchaus Vorteile, denn sie vergleichen nicht, zeigen Entwicklungen des Schülers besser auf und können durch differenzierten Aussagen mehr Informationen transportieren.

"Die Vorteile guter, schriftlicher Beurteilungen sind in der Tat, dass ich individuell auf die Schülerinnen und Schüler eingehen kann." Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik, LMU München
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Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München, über die Vorteile schriftlicher Beurteilungen.

Wie aussagekräftig sind schriftliche Beurteilungen?

Eine differenzierte Beurteilung macht den Lehrkräften nicht nur viel Arbeit, sondern kann laut einer Studie zur schulischen Beurteilungspraxis des Pädagogen Michael Jachmann auch zu Mehrdeutigkeiten führen. 46 Prozent der in der Studie befragten Lehrenden sahen es demnach als Nachteil, dass die Berichtszeugnisse anders gedeutet werden könnten, als sie gemeint seien. Entscheidend, so der Autor der Studie, sei deshalb die Qualität der geschriebenen Berichte.

Tatsächlich liegt die Tücke bei schriftlichen Leistungsrückmeldungen im Detail. Lehrkräfte wollen ihre Beurteilungen deutlich und möglichst positiv formulieren. Um die Beurteilungen ihrer Kinder richtig zu verstehen, müssen Eltern deshalb genau hinschauen. Formulierungen wie "… es gelang ihr immer öfter… " oder "... er bemühte sich zunehmend …" sind nur im Kontext richtig zu deuten. Die schulische Rückmeldung soll die Kinder weder ärgern noch verletzen, deshalb werden Schwächen häufig umständlich und indirekt formuliert – was wiederum Schüler wie Eltern häufig nicht richtig interpretieren können, sagt Bildungsforscher Ewald Kiel:

"Das Ideal des Berichtszeugnisses, individuell an den Schüler angepasst, in der Schülersprache formuliert, wird selten erreicht." Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik, LMU München
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Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München, über die Aussagekraft schriftlicher Beurteilungen.

Warum kommen Reform- und Waldorfschulen ohne Noten aus?

Schüler an alternativen Schulformen wie Waldorf-, Montessori- oder sogenannten Reformschulen erhalten in der Regel keine Noten, sondern Wortgutachten – allerdings nur eine gewisse Zeit. In den individuellen Beurteilungen gehen die Lehrkräfte auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Lernfortschritte ihrer Schüler ein. Laut dem Bund der Freien Waldorfschulen gehe es in den Zeugnissen also nicht allein um den Wissensstand, sondern um die Gesamtentwicklung in einem bestimmten Zeitraum.

Ein Sitzenbleiben gibt es nicht, ein freiwilliges Zurücktreten in die vorherige Jahrgangsstufe ist aber auf Wunsch von Kind und Eltern möglich. Spätestens aber ab der Oberstufe werden die Leistungen der Schüler an Reform- und Waldorfschulen wieder wie die der Regelschüler mit Ziffernnoten bewertet. Dies geschehe, so Schulpädagogie Ewald Kiel, um eine Vergleichbarkeit mit dem staatlichen Schulsystem zu ermöglichen:

"Am Ende kommen wir immer wieder an den Punkt, dass eine Note gegeben wird, weil ich diese schnelle ökonomische Zuweisung haben will." Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik, LMU München
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Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München, zur Notengebung an Reformschulen.

Was tun bei schlechten Noten?

Kein Kind bringt gerne schlechte Zensuren nach Hause. Sind die Noten nicht so gut ausgefallen, obwohl sich das Kind bemüht hat, heißt es: positiv bleiben und Mut machen. "Zunächst einmal sollte man anerkennend sein, wo es möglich ist", sagt Schulpädagoge Ewald Kiel. Ein Kind ist nicht wertlos, weil es schlechte Noten schreibt. "Wichtig ist es, Zeugnisse nicht zu einem vernichtenden Urteil zu machen. Das Urteil des Zeugnisses muss von der Person des Kindes getrennt werden", so Kiel. Das Kind sollte erfahren, dass es auch mit schlechten Zensuren geliebt und anerkannt wird.

Viele Fähigkeiten und Begabungen, die später im Leben von Bedeutung sein können, werden in der Schule gar nicht abgerufen oder spielen für die Notengebung keine Rolle. Schließlich gilt es, aus den schlechten Noten zu lernen, empfiehlt Bildungsforscher Ewald Kiel. Was kann man verändern, was verbessern? Auf der Suche nach Änderungsstrategien kann schließlich auch das Gespräch mit den Lehrkräften hilfreich sei.

"Natürlich sollten sich Eltern das Zeugnis genau angucken und eventuell Rücksprache mit den Lehrkräften halten, wie man das Kind zu Hause unterstützen kann, damit es hier oder dort besser wird." Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik, LMU München
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Prof. Ewald Kiel, Lehrstuhl für Schulpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München, gibt Tipps, wie Eltern richtig auf schlechte Schulnoten ihrer Kinder reagieren können.