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Zwischen den Welten: Diagnose Wachkoma | BR24

© Bayerischer Rundfunk / Christian Sonnberger

Wachkoma oder apallisches Syndrom: Bei Wachkoma-Patienten ist der Hirnstamm intakt, während Teile des Großhirns ausgefallen sind.

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Zwischen den Welten: Diagnose Wachkoma

Hirnforscher vermuten, dass manche Wachkoma-Patienten durchaus über ein Bewusstsein verfügen und einige von ihnen sogar therapierbar sind. Mit neuen Messmethoden ist es Neurologen gelungen, Anzeichen für Wahrnehmung und Kommunikation festzustellen.

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Jährlich fallen etwa 3.000 Menschen ins Wachkoma. Auslöser sind Unfälle mit Hirnverletzungen, Schlaganfälle, Tumore oder ein Herzstillstand mit längerer Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Die Art der Schädigung und ob der Patient bei Bewusstsein ist, entscheidet über seinen medizinischen Fortschritt.

Koma, Wachkoma, minimales Bewusstsein - was ist was?

Nach einer schweren Hirnschädigung, etwa nach einem Unfall, bezeichnet man das Koma (griechisch für "tiefer, fester Schlaf") als einen Zustand der tiefen Bewusstlosigkeit, in dem die Kranken auf äußere Reize wie Rütteln oder Ansprache sowie Schmerz nicht reagieren. Sie öffnen ihre Augen nicht und können keinerlei Kontakt zur Außenwelt herstellen.

Patienten im Wachkoma, auch apallisches Syndrom genannt, haben zwar die Augen offen und scheinen wach, ihr Blick geht jedoch ins Leere. Sie können keine Gegenstände oder Personen fixieren. Normalerweise haben die Patienten nach Auskunft von Ärzten kein Bewusstsein und können weder emotionalen Kontakt aufnehmen noch Aufforderungen befolgen. Teile des Großhirns sind ausgefallen, der Hirnstamm ist aber noch aktiv, Blutdruck, Atmung und Reflexe werden weiter geregelt. Der Patient wird künstlich ernährt. Er hat aber Phasen des Schlafens und Phasen des Wachens.

Bei einem Teil dieser Patienten sind nicht nur Reflexe, sondern auch reproduzierbare Verhaltensweisen erkennbar, die auf eine Interaktion mit der Umgebung hindeuten. In einem solchen Fall sprechen Neurologen lieber vom minimalen Bewusstsein oder "minimal conscious state" - MCS. Die Abgrenzung zwischen Wachkoma und MCS ist sehr schwierig, je nach Studie gelingt sie in rund vierzig Prozent der Fälle nicht richtig.

Bewusstsein ist die Kernfrage beim Wachkoma

Selbst moderne Bildgebungsverfahren zum Nachweis von Hirnaktivitätsmustern, etwa die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), die Positronenemissionstomografie (PET) oder spezielle Elektroenzephalografie-Methoden (EEG), sind nicht zweifelsfrei in der Lage, die beiden Zustände voneinander abzugrenzen und auf Dauer eine Prognose abzugeben. Schafft das Gehirn ein halbwegs intaktes Netzwerk zwischen äußerer Hirnrinde und bestimmten tiefer gelegenen Hirnkernen herzustellen, dann sind die Patienten bei Bewusstsein. Selbst dann, wenn sie das durch eigene Reaktionen nicht zeigen können.

Früher galt, dass zwölf Monate nach einer unfallbedingten Hirnschädigung und drei Monate nach einem Sauerstoffmangel, etwa nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand, für den Wachkomapatienten keine realistische Aussicht mehr bestehe, wieder das Bewusstsein zu erlangen. Das Gegenteil lehren spektakuläre Genesungen wie Ende April 2019 in dem Fall einer Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie hatte infolge eines Autounfalls ein Schädel-Hirn-Trauma und wachte nach 27 Jahren in einer Klinik in Bad Aibling aus dem Koma auf.

Diagnose und Therapie entscheiden über Fortschritte

Auch in anderen Studien zeichnet sich ab, dass jenseits bisher angenommener Zeitfenster noch Regenerationen möglich sind. Die Diagnose müsse allerdings immer wieder überprüft werden, bekräftigt Andreas Bender, Neurologe und Leiter des Therapiezentrums Burgau. Gerade in den ersten Monaten nach der Hirnschädigung erholen sich nämlich die Nerven mancher Patienten wieder ein wenig. Dann klart womöglich das Bewusstsein langsam auf; der Patient verlässt das Wachkoma und erreicht einen minimalen Bewusstseinszustand.

Wenn die Ärzte das nicht bemerken, versäumen sie es, den Prozess weiter zu stimulieren. Gerade mit therapeutischer Hilfe aber können sich Patienten noch über Jahre langsam erholen, wenngleich sie meist schwer behindert bleiben. Regenerieren plötzlich bestimmte Hirnareale, lässt sich dieser Prozess gezielt durch äußere Stimulation unterstützen, bestätigt auch die Psychologin Andrea Kübler von der Universität Würzburg.

© Bayerischer Rundfunk / IQ - Wissenschaft und Forschung

Jährlich fallen etwa 3.000 Menschen ins Wachkoma. Auslöser sind Unfälle mit Hirnverletzungen, eine Hirnblutung, ein Aneurysma, oder ein Herzstillstand mit längerer Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Autorin: Susanne Nessler