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Zahnstein am Unterkiefer einer Nonne aus dem Mittelalter
© Christina Warinner/Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena
© Christina Warinner/Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena

Zahnstein am Unterkiefer einer Nonne aus dem Mittelalter

Bücher wurden im Mittelalter noch mit der Hand geschrieben, in Klöstern als Auftragsarbeit für Adel und Klerus. Je nachdem wie reich der Auftraggeber war, bekam er auch noch aufwändige Buchillustrationen in den Handschriften dazu gemalt - zum Teil aus Goldblatt, Silber und Ultramarin, ein seltenes und teures blaues Pigment aus Lapislazuli-Stein. Das waren die kostbarsten Farben und Pigmente für diese Illustrationen.

Ein Zufallsfund im Zahnstein

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena wollten sich im Rahmen einer Studie eigentlich mit der Mundhygiene im Mittelalter beschäftigen und stießen auf einen merkwürdigen Hinweis: Bei einer Nonne aus einem kleinen Frauenkloster bei Dalheim in der Nähe von Paderborn fanden sie im Zahnstein ihres Gebisses Rückstände eines blauen Farbpigments.

Lapislazuli-Pigment selten und teuer wie Gold

"Es war eine vollständige Überraschung - als sich der Zahnstein auflöste, wurden hunderte winziger blauer Partikel freigesetzt", erinnert sich Mitautorin Anita Radini von der University of York.

Eine sorgfältige Analyse mit einer Reihe verschiedener spektrographischer Methoden ergab, dass das blaue Pigment aus Lapislazuli hergestellt wurde. Dieses Pigment war im Mittelalter so selten und kostbar wie Gold und kam zu der damaligen Zeit nur aus einer Quelle in Afghanistan. Die Verwendung von Ultramarinpigment aus Lapislazuli war neben Gold und Silber den luxuriösesten Manuskripten vorbehalten. "Nur Schreibern und Malern von außergewöhnlichem Können wäre der Einsatz anvertraut worden", sagt Alison Beach von der Ohio State University im US-amerikanischen Columbus, einer Historikerin des Projekts.

Lapislazuli-Partikel, die in Zahnstein eingebettet sind

Lapislazuli-Partikel, die in Zahnstein eingebettet sind

Keine Spuren harter, körperlicher Arbeit

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Nonne die Pinselspitze mit dem Mund befeuchtet oder in Form gebracht hat und sich so das Pigment in ihren Zähnen eingelagert hat. Die Ordensfrau lebte wohl um die erste Jahrtausendwende - vermutlich zwischen 997 bis 1162 - in dem westfälischen Frauenkloster bei Paderborn. Als sie starb, war sie zwischen 45 und 60 Jahre alt. Ihr Skelett zeigte keine Anzeichen von Krankheiten oder schwerer körperlicher Arbeit. Das passt zu besser gestellten Kreisen, aus denen in dieser Zeit auch einige Mönche und Nonnen der Klöster stammten. Sie waren meist gut ausgebildet und konnten in der Regel Lesen und Schreiben.

Viele mittelalterliche Schreiber und Illustratoren signierten als Zeichen der Demut ihre Werke nicht. Frauen erst recht nicht. Deshalb ging die Wissenschaft bislang davon aus, dass Frauen bei der Buchproduktion keine oder nur eine geringe Rolle spielten. Doch mit der Entdeckung dieser Frau müssen die alten Überzeugungen in Frage gestellt werden, schreiben die Forscher in ihrer im Januar 2019 in Science Advances veröffentlichten Studie.

Geschichte der Buchkunst neu aufrollen

"Hier haben wir direkte Belege für eine Frau, nicht nur zum Malen, sondern zum Malen mit einem sehr seltenen und teuren Pigment und an einem sehr abgelegenen Ort", erklärt Christina Warinner vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

Die Erkenntnisse werfen nach Angaben der Forscher ein neues Licht auf die mittelalterliche klösterliche Buchherstellung. Offenbar haben also auch Frauen – zumindest ab dem 11. Jahrhundert – Bücher abgeschrieben. Dass eine Frau mit der kostbaren blauen Farbe gearbeitet hat, deute auf ihre hohe Kunstfertigkeit hin, so die Jenaer Wissenschaftler.