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Wunderbiene am Nil: Ein Deutscher Imker auf Mission | BR24

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Imker in Ägypten vor Röhren aus Nilschlamm, den traditionellen Lamarckii-Bienenstöcken.

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    Wunderbiene am Nil: Ein Deutscher Imker auf Mission

    In Ägypten findet man eine besonders robuste Bienenart. Sie kann sich sogar gegen die Varroa-Milbe wehren. Für Bienenfreunde ist die Lamarckii-Biene deshalb eine Sensation. Doch nun droht sie auszusterben. Ein deutscher Bioimker will das verhindern.

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    Von
    • Claudia Erl

    Günter Friedmann ist einer der Pioniere der Öko-Imkerei. Als Imker, der von den Bienen lebt, fühlt er sich den Insekten besonders verpflichtet. Sie sind für ihn mehr als nur Honigproduzenten. Für ihren Schutz ist er weltweit im Einsatz. Auch in Kairo und Umgebung. Die hier heimischen Lamarckii-Bienen haben Qualitäten, die ihn auch als Fachmann begeistern.

    "Eine ganz kleine Biene mit leicht rötlichen Streifen am Rücken und pelzig weiß gestreiften Hinterleib [...] Sehr kleine Bienen, ein bisschen größer als eine Stubenfliege.“ Günter Friedmann, Imker

    Kaum erforscht, aber mit Vorurteilen belegt

    Auch wenn die Lamarckii-Biene eine sehr alte Art ist, so ist sie doch kaum erforscht. Trotzdem eilt ihr ein besonderer Ruf voraus: Sie wäre nervöser als ihre europäischen Verwandten. Manche sagen gar, sie wäre äußerst aggressiv. Und zudem liefert das kleine nordafrikanische Insekt deutlich weniger Honig als die europäische Biene, die Carnica. Dabei hat sie offensichtlich so viele Vorteile: Sie ist äußerst genügsam, hat einen weiten Flugradius und hält Hitze gut aus. Erst Günter Friedmann und seinem Kollegen Islam Siam ist zudem aufgefallen wie zäh die kleine Biene ist. Ganze sechs Jahre hat er seine ägyptischen Bienen nicht mehr gegen die Varroa-Milbe behandelt – und trotzdem sind sie gesund. Friedmann vermutet, dass das von dem starken Putztrieb kommt. In Europa sterben an dem Parasiten indes ganze Völker. Diese enormen Vorteile, scheinen den auf den ersten Blick wirtschaftlichen Nachteil jedoch nicht aufzuwiegen: Die europäische Hochleistungsbiene verdrängt ihren kleinen Verwandten längst auch in Ägypten.

    "Die kennt keine Brutkrankheiten, die ist auf gut Bairisch pumperlgsund.“ Günter Friedmann, Imker

    Biene als heilig verehrt

    Ägypten und die Biene verbindet eine lange Geschichte: Bilder von den Honiglieferanten findet man sogar an den alten Grabstätten der Pharaos. Mehr als 3.000 Jahre haben die Ägypter ihre heimische Biene genutzt und als heilig verehrt: Im alten Ägypten galten die Bienen als Tränen des Sonnengottes Re. Der Genuss ihres Honigs war nur etwas für den Pharao und hohe Beamte. Jetzt droht sie auszusterben.

    Honig gefragt

    Auch heute kommen Honig und Bienen noch ein hoher Stellenwert zu: In einem Land, in dem etwa 32 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben, verdienen Imker gutes Geld. Honig ist gefragt und die ägyptischen Imker setzen nicht zuletzt deshalb immer mehr auf die europäische Hochleistungsbiene. Mit Lamarckii-Bienen zu arbeiten, gilt als veraltet. Und so findet man die robuste Bienenart und deren typisch dunklen und besonders würzigen Honig, dem sogar medizinische Qualitäten nachgesagt werden, kaum noch in dem nordafrikanischen Land.

    "Diabetiker bevorzugen den Lamarckii-Honig, er hat eine antibakterielle Wirkung, er ist süß und frei von jeglichen Zusätzen. Der Honig hilft gegen Sodbrennen, bei Borreliose und Leute die Magenprobleme haben benutzen ebenfalls den Lamarckii-Honig, der noch bei vielen anderen gesundheitlichen Problemen hilft.“ Günter Friedmann, Imker

    Rettung der Lamarckii-Bienen schon zu spät?

    Der richtige Umgang mit der heimischen Biene ist ein kulturelles Wissen, das jetzt jedoch mit den letzten Imkern Ägyptens verloren geht. Deswegen lautet Friedmanns Mission: Lamarckii-Völker und die letzten Imker finden. Doch egal wohin er kommt: Fast überall findet er nur noch europäische Bienen. Das sieht er schon von weitem, denn Lamarckii-Völker fertigen ihre besonderen Behausungen aus Schlamm in Höhlen bzw. von den Imkern zur Verfügung gestellten Röhrenkonstruktionen. Wildlebende Lamarckii-Bienen gibt es offenbar gar nicht mehr – die letzten bekannten Höhlen wurden vor langer Zeit geplündert.

    Rückschlüsse für die deutsche Imkerei

    Der deutsche Bio-Imker Günter Friedmann würde die ursprüngliche Ägypten-Biene gerne stärken. Nicht zuletzt weil er hofft, aus dieser robusten Bienenart auch Rückschlüsse für die Imkerei in Deutschland ziehen zu können. Eine Erkenntnis gibt es schon: Die ursprünglichen und dadurch einer Region angepassten Bienen sind besser gegen Krankheiten und Parasiten gerüstet, als die Hochgezüchteten. Fazit: Man sollte weniger künstlich in die Welt der Bienen eingreifen, da sie sonst aus ihrem Gleichgewicht gerät. Friedmann ist sich sicher: Die Gesundheit der Biene ist ein Spiegel für den Zustand unserer Landwirtschaft und unseres Ökosystems.

    "Ich bin der Meinung, dass die gesamte Landwirtschaft auf der ganzen Welt in einer Sackgasse ist, weil die moderne Landwirtschaft zerstört letzten Endes ihre eigenen Grundlagen, nämlich das Ökosystem Boden, das Ökosystem Pflanze und das Ökosystem Wiese. […] Es muss ein Umdenken stattfinden. Und nicht nur in Europa, wo die Landwirtschaft vielleicht an einem Punkt angelangt ist, wo es so nicht mehr weitergeht. Sondern auch in Ländern, wo man vielleicht noch nicht an diesem Endpunkt angekommen ist. Je früher man diese Wende schafft, desto besser ist es und desto billiger wird es auch“. Günter Friedmann, Imker

    Noch ein weiter Weg zur Umkehr

    Günter Friedmann wird es noch viel Überzeugungsarbeit kosten, der neuen Generation von Imkern in Ägypten bewusst zu machen, dass sie mit den Lamarckii-Bienen einen Schatz besitzen, der zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Aber auch in Deutschland werden die Stimmen lauter, die eine Umkehr fordern - mehr in Richtung extensive Imkerei. Also ohne Medikamente, ohne künstliche Befruchtung der Königinnen und für ein freieres Schwärmen der Völker.