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Wo Milch und Eier locken, haben es männliche Jungtiere schwer | BR24

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Männliche Tierjunge haben es schwerer in der Nutztierhaltung. Der Hauptgrund ist die Züchtung extrem leistungsfähiger Rassen für Milch und für Eier auf der einen Seite und für Fleisch auf der anderen.

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Wo Milch und Eier locken, haben es männliche Jungtiere schwer

Männliche Jungtiere haben es schwerer in der Nutztierhaltung. Denn überall, wo Milch und Eier besonders gefragt sind, sind Böcklein, Zicklein und Küken nur schwer wirtschaftlich großzuziehen. Es gibt Initiativen, die das ändern wollen.

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Der Hauptgrund für das Problem mit den männlichen Jungtieren ist die Züchtung extrem leistungsfähiger Rassen - für Milch und Eier auf der einen und für Fleisch auf der anderen Seite. Ein extremes Beispiel liefern die Hühner.

Bei Hühnern gibt es leistungsfähige Legehennen, die kein Gramm zu viel auf den Rippen haben, aber sehr viele Eier legen. Das ist auch nötig, denn der Bundesbürger isst pro Jahr durchschnittlich 230 Eier. Mastrassen werden wegen ihres Fleisches aufgezogen. Ob es männliche oder weibliche Tiere sind, ist egal. Es herrscht also Gleichberechtigung.

"Bruderhahn-Initiative" gegen Kükentöten

Weil bei allen Arten in etwa gleich viele männliche wie weibliche Tiere geboren werden oder aus dem Ei schlüpfen, gibt es bei den Legerassen aber ein Problem. Der "gender gap" ist hier enorm: Ein "Legehahn" wird 12 bis 16 Wochen gemästet; also rund vier Mal solange wie ein Masthähnchen. Er braucht erheblich mehr Futter, trotzdem setzt er nur sehr wenig Fleisch an.

Aus der Bewegung gegen das Kükentöten gibt es jetzt Ansätze, mehr "Legehähne" aufzuziehen. Die sogenannte "Bruderhahn-Initiative" versucht das.

Henne hilft Hahn

Einige Geflügelhalterinnen und -halter, vor allem Bio-Betriebe, haben in den letzten Jahren mit der Aufzucht von "Bruderhähnen" begonnen. In ausgesuchten Bioläden gibt es diese Tiere zu kaufen. Der Handel ist aber noch sehr zurückhaltend. Um die Aufzucht der mageren Bruderhähne finanzieren zu können, wird ein Teil der Mehrkosten auf die Eier aufgeschlagen. Damit hilft die Henne mit ihrem Ei ihrem Bruderhahn. Für 4 Cent mehr beispielsweise ist so ein Ei zu haben.

Doch für die Hühnerhalter bleibt das Problem, das Fleisch der aufgezogenen Hähne in den Handel zu bekommen. Es sei noch ein weiter Weg, bis das zufriedenstellend erreicht ist, sagt Annika Nottensteiner vom Verband der Bayerischen Geflügelwirtschaft.Ein anderer Weg wäre, wieder alte Hühner-Rassen zu züchten, sogenannte "Zweinutzungsrassen". Die legen einerseits gut Eier, setzen aber gleichzeitig auch ordentlich Fleisch an. So eine Rasse ist zum Beispiel des Triesdorfer Landhuhn

Wichtig wäre wohl auch, dass Verbraucher ganze Tiere kaufen und nicht nur Schenkel oder Brust. Als Suppenhuhn ließe sich auch ein Suppenhahn verwenden. Gleichzeitig bräuchte es eine größere Akzeptanz kleinerer Eier. Denn bisher sind vor allem M und L-Eier gefragt.

Ziegenkäse boomt – Jungziegenfleisch weniger

Spezialitäten aus Ziegenkäse und auch Ziegenmilch sind aus den Supermarktregalen nicht mehr wegzudenken. Ziegenfrischkäse mit Meerrettich-Apfel oder gar mit Ingwer-Kurkuma, Ziegencamembert, Ziegen-Paprika-Käse gibt es im Bioladen und auf den Wochenmärkten. Doch auch bei den Ziegen gilt, die Milch und den Käse gibt es nur, wenn die Ziegen Junge bekommen. Das Fleisch der jungen Ziegen ist bei uns aber nur schwer zu verkaufen.

Auch beim Ziegen-Nachwuchs halten sich zahlenmäßig männliche und weibliche Tiere die Waage. Die weiblichen Tiere geben später auch wieder Milch. Doch was passiert mit den Böcklein? Eine junge Ziege ist nach etwa fünf Monaten so etwa 28 bis 35 Kilo schwer und damit schlachtreif. Bis dahin muss man die Ziegen füttern und großziehen. Das ist für Milchziegenbetriebe nicht einfach, sagt Andrea Kaufmann vom Landesverband der Bayerischen Ziegenzüchter.

Denn, wenn die Jungziege geschlachtet wird, ist mit vielleicht elf oder 12 Kilo nicht einmal die Hälfte des Lebendgewichtes Fleisch, das man verkaufen kann.In den vergangenen Jahren gab es gelegentlich einen französischen Händler der in Bayern Kitzlein aufgekauft hat. Nach der Mast in Elsass konnte er sie im Feinschmeckerland Frankreich und mehr noch in Spanien verkaufen. Dort wird viel Zicklein gegessen, sagt die Ziegenexpertin.In Deutschland ist das schwieriger. "Zickleinfleisch" hört sich einfach putzig an. Da haben Köche und Köchinnen leicht Hemmungen beim Einkauf, deshalb sprechen die Ziegenhalter lieber von Jungziegen. Andrea Kaufmann vom Verband berichtet, dass Züchter bei ihr anrufen und fragen: "Was mache ich nächstes Jahr mit meinen Bockerl?"

"Allgoiß" und andere Vermarktungsintiativen für Feinschmecker

Seit einigen Jahren gibt es Initiativen, das Jungziegenfleisch besser zu vermarkten. Im Spessart und im Allgäu wurden Projekte gestartet, um Ziegenfleisch unter Feinschmeckern populär zu machen. Ein Argument dafür ist der feine Geschmack junger Ziegen. Andrea Kaufmann spricht von einem "diätetischen Lebensmittel mit guter Eiweißstruktur und wenig Fettanteil irgendwo zwischen Wild und Kalb, ohne großen Eigengeschmack."

Um die Bekanntheit der Delikatesse Jungziegenfleisch zu steigern, hat die Landesanstalt für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit der Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten die Aktion "Allgoiß" ins Leben gerufen.

Der Name setzt sich zusammen aus dem Begriff Allgäu und der in Teilen Süddeutschlands gebräuchlichen Bezeichnung für Ziege, der "Goiß". Gastwirte aus der Region nehmen Zicklein-Gerichte auf die Karte. Ab kommenden Samstag beginnen die Allgoiß-Genießerwochen. Die Tiere beziehen die Wirte von regionalen Biobetrieben.

In Bayern werden derzeit etwa 5.000 Milchziegen gehalten, damit ist Bayern das Bundesland mit den meisten Milchziegen, heißt es vom Verband. In Oberbayern hänge das auch mit Molkereien zusammen, die Ziegenmilch verarbeiten, so wie die Molkerei in Andechs. Deshalb gibt es in der Umgebung von Andechs viele Ziegenhalter.

Weiter Absatzweg ist die Direktvermarktung in Hofläden

Tatsächlich ist die Vermarktung das größte Problem. Geschlachtet wird bei Metzgern, die eben noch selber schlachten, nicht in den großen Schlachthöfen. Der Zuchtverband beklagt hohe Schlachtnebenkosten, denn eine Fleischbeschau ist bei der Jungziege so teuer wie bei einer Kalbin. Und das bei nicht einmal 15 Kilogramm Fleisch.

Darum geht es bei allen männlichen Jungtieren der kleinen Wiederkäuer: Sie geben zwar keine Milch, aber wenn ihr Fleisch in der Küche einen Platz hat, hilft das den Züchtern. Ziegenexpertin Andrea Kaufmann gibt sich inzwischen aber optimistisch. Sie stellt bei den Verbrauchern langsam ein Umdenken fest. Die Leute kochen wieder mehr selbst, auch als Folge von Corona.

Außerdem machen Bewegungen wie Slow Food oder der Ansatz, möglichst viel vom Tier zu verwenden, wie "Nose to Tail" Hoffnung, dass die Achtung vor dem Tier wieder steigt.

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