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Das undatierte Handout-Foto zeigt Mitarbeiter des Bremer Satellitenbauers OHB am Produktionsstandort in Ottobrunn mit einem Satelliten.

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    Wirtshaus und Weltraum: Raumfahrt-Ingenieure in Corona-Zeiten

    München, die Hauptstadt des Bieres und der Gemütlichkeit oder nur noch ein teures Wirtschaftszentrum und Hotspot der Hochtechnologie? Wir haben junge Raumfahrt-Ingenieure getroffen, die sagen: Beides gehört zusammen - und zwar untrennbar.

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    Von
    • Arno Trümper

    Entspanntes Plaudern in größerer Runde, früher im Wirtshaus, zu Corona-Zeiten übers Internet. Einmal im Monat sitzen meist jüngere Erwachsene, um die 30, bei einem Bier vor ihren Bildschirmen, und sie reden über Raketen, Satellitendatenübertragung oder Erdbeobachtung aus dem Weltraum.

    "New Space"- die neue Raumfahrt-Industrie

    Sie nennen ihren Stammtisch die "Space Brewery", auf Deutsch: das Weltraum-Brauhaus. Die meisten Teilnehmer arbeiten für einen neuen Zweig der bayerischen Raumfahrt-Industrie - "New Space" genannt. Das sind hauptsächlich aufstrebende Start-ups, die sich besonders in den letzten drei Jahren in Bayern gegründet haben. Sie bauen Teile für Satelliten, ganze Weltraum-Raketen oder bieten Dienstleistungen rund um die Raumfahrt an. Das hat zu einem regelrechten Weltraum-Wirtschaftswunder geführt, findet Sven Meyer-Brunswick, einer der Stammtischbesucher und Spezialist für Datenübertragung per Laser.

    "Europäisch und auch international ist München mehr und mehr, nicht nur für Start-ups allgemein, sondern explizit auch für die Luft- und Raumfahrt, bekannt und auch geschätzt. Wir haben auch gute Unis hier, gute Ingenieure. Die Automobilkonzerne lassen teilweise Federn, und die Start-ups freuen sich, weil sie die Leute brauchen." Sven Meyer-Brunswick

    Raumfahrtdienstleistungen, die jeder nutzen kann

    Bei jedem Treffen stellt einer seine Firma vor: Diesmal ist Sven Meyer-Brunswick dran. Er arbeitet für Mynaric aus Gilching bei München – ein typisches Beispiel einer "New Space"-Firma. Sie bauen dort Laser, mit denen man Daten von Satellit zu Satellit effizient und kostengünstig übertragen kann. Ziel ist es, einen Großteil des Internets in den Weltraum zu verlegen. Jedermann soll vom Boden aus darauf zugreifen können. Funklöcher und langsames Internet wären dann Geschichte. Erste Satelliten-Tests im Weltraum laufen schon.

    Denn das ist der Anspruch von "New Space": schnell, mit viel Kreativität, neue Technologien für die Raumfahrt zu entwickeln, die neue Dienstleistungen ermöglichen, die unseren Alltag verändern könnten und die der Endkunde direkt nutzen kann.

    Sie wollen alles anders machen

    Thomas Sinn, seine Firma "DcubeD (Deployables Cubed GmbH)" entwickelt Standart-Komponenten für die Raumfahrt, die in Serie kostengünstig hergestellt werden, genießt die Arbeitsweise, die von den "New Space"-Firmen praktiziert wird. Klassisch werde in der Raumfahrt sehr genau geplant und jedes Teil exakt entworfen, bevor es zum ersten Mal gebaut und getestet wird. Oft stellt sich dann heraus, dass es nicht so funktioniert, wie geplant, und man muss noch einmal ganz von vorn anfangen. Dadurch werden die Dinge oft sehr teuer und alles dauert sehr lang. Doch jetzt werde versucht, es anders zu machen: "Wer eine Idee hat, baut schnell einen Prototyp und testet. Dann wird gebrainstormed, verbessert, und man baut den nächsten, bis alles perfekt funktioniert. Wir dürfen lernen, indem wir zunächst scheitern. Inzwischen praktizieren das viele, mit großem Erfolg. Und das macht Spaß", so Thomas Sinns Fazit

    Ähnlich sieht es auch Luis Ferreira, einer der Gründer der Space Brewery: "Bier ist ein soziales Getränk, das passt zu New Space; denn New Space bedeutet, die Dinge anders zu machen, mit der Vergangenheit zu brechen, neue Wege zu gehen, Neues auszuprobieren, mit Altem zu brechen."

    "New Space" dank "Bavaria One"?

    Einige mögen sich noch erinnern: 2018 hatte Ministerpräsident Söder mit viel Pressecho die Raumfahrtinitiative "Bavaria-One" vorgestellt. Damit sollte die Raumfahrt in Bayern vorangebracht werden. Ist "New Space" also schon ein Resultat daraus? "Bavaria-One" könnte zumindest dazu beigetragen haben, meint Sven Mayer-Brunswick. Er meint, diese Initiative habe erst "Sichtbarkeit für den Sektor geschaffen, der sonst so nicht da wäre."

    Die Staatsregierung betont, dass ihr Programm eher langfristig angelegt sei und insbesondere die Erweiterungen der Luft- und Raumfahrt-Studiengänge umfasse. Die seien aber noch im Aufbau.

    Space Brewery International

    Dass die bayerische Raumfahrtgründerszene inzwischen international Aufmerksamkeit genießt, merkt auch Luis Ferreira. Seit der Stammtisch nicht mehr im Wirtshaus, sondern digital stattfindet, klinken sich Besucher aus der ganzen Welt ein. Eine Rolle dabei spielt sicher auch der gute Ruf der bayerischen Wirtshaus-Gemütlichkeit und des Bieres. Das macht neugierig auf die "Space Brewery", da ist sich Luis Ferreira sicher, auch wenn ihn die Aufmerksamkeit zunächst überrascht hat: "Dieses Interesse kam wirklich unerwartet; aber so werden wir mit der Space Brewery zum Botschafter der bayerischen New-Space-Industrie, in der ganzen Welt."

    Vielleicht muss die Staatsregierung ja bald ihren Slogan ändern, von "Laptop und Lederhose" in "Wirtshaus und Weltraum".

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