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Bildrechte: picture alliance / AP Photo

Wie New York sechs Millionen Menschen gegen Pocken impfte

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Wie New York sechs Millionen Menschen gegen Pocken impfte

1947 wurden in New York sechs Millionen Menschen gegen Pocken geimpft. Es war eine der größten Impfkampagnen aller Zeiten. Anders als jetzt in der Corona-Krise waren damals die Gesundheitsämter besser aufgestellt und die Menschen offen für Impfungen.

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Von
  • Peter Mücke

Die lebensgefährliche Krankheit kommt mit dem Bus in New York an. Im März 1947 macht ein US-Geschäftsmann auf seiner Fahrt von Mexiko City nach Maine einen Zwischenstopp in der Stadt. Er fühlt sich unwohl, macht aber noch Sightseeing und bricht dann zusammen. Zehn Tage später stirbt er in einem New Yorker Krankenhaus. Es dauert bis Anfang April, bis klar ist: Der Mann ist an den Pocken gestorben. Der damalige New Yorker Gesundheitskommissar, Israel Weinstein, hat nicht lange gezögert. Inzwischen gab es zahlreiche Fälle in der Stadt, und Weinstein entschied, die gesamte Bevölkerung von New York City zu impfen, sagt Charles DiMaggio, Professor für Bevölkerungsgesundheit an der New York University.

Größte Impfkampagnen aller Zeiten

Die Pocken gehören zu den schwersten Infektionskrankheiten des Menschen. Zwei von zehn Fällen verlaufen tödlich – in den anderen drohen Erblindung, Lähmungen und Hirnschäden. Im 20. Jahrhundert sind bis zu 400 Millionen Menschen an den Pocken gestorben. 1947 sind die meisten New Yorker eigentlich bereits gegen die Krankheit geimpft. Doch der Ausbruch zeigt: Das reicht nicht.

Und so beginnt eine der größten Impfkampagnen aller Zeiten. Organisiert vor allem über Aufrufe im Radio: "Die einzige Maßnahme, die Menschen vor den Verwüstungen der Krankheit zu schützen, ist Impfen", hämmert Weinstein den New Yorkern ein. Impfdosen aus den ganzen USA werden nach New York gebracht. Pharmaunternehmen fahren ihre Produktion hoch. Kinder werden gleich in der Schule geimpft, für die Erwachsenen überall in der Stadt Impfzentren improvisiert, sogar in allen Polizeistationen.

Truman krempelte die Ärmel hoch

Alle New Yorker haben die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Kostenlos. Selbst US-Präsident Truman krempelt bei einem New-York-Besuch öffentlichkeitswirksam den Hemdsärmel hoch. "Be Sure. Be Safe. Get Vaccinated" steht auf Plakaten in der ganzen Stadt. Und die Menschen folgen dem Aufruf. Innerhalb von weniger als einem Monat lassen sich 6,35 Millionen Menschen impfen. Anfang Mai verkündet Weinstein: Die Gefahr ist vorbei.

Verantwortliche waren entschlossen

Die Impfkampagne 1947 in New York war die letzte große Aktion dieser Art gegen Pocken in den USA. Wie erfolgreich sie war, zeigt auch, dass es nie mehr die Notwendigkeit für ein solch großes Impfprogramm gab, sagt der Gesundheitswissenschaftler DiMaggio. Nicht nur er ist beeindruckt von der Entschlossenheit der Verantwortlichen damals und der Durchschlagskraft der Aktion:

"Wir waren damals gut darin, Menschen zu impfen. Wir hatten die Fähigkeiten dazu, solche Gesundheitskampagnen zu organisieren. Und die Menschen waren offen für solche Programme. Das alles ist heute anderes in den USA: Gesundheit ist immer mehr privatisiert worden. Auch öffentliche Gesundheitsvorsorge: Mancherorts sitzt nur noch eine Handvoll Leute in den Gesundheitsämtern." Gesundheitswissenschaftler Charles DiMaggio

Impf-Skepsis bei Corona

Und genau das rächt sich jetzt. Für die Corona-Impfungen sind die Städte und Kommunen in den USA auf private Klinikbetreiber und Drogerieketten angewiesen, die mit der Logistik immer wieder überfordert sind.

Hinzu kommt ein weit verbreitetes Misstrauen in der Bevölkerung. Je nach Umfrage geben bis zu 40 Prozent der US-Amerikaner an, sich nicht impfen lassen zu wollen. Das Hauptproblem sei jedoch die Erosion des öffentlichen Gesundheitssystems, sagt DiMaggio: "Es fast wie in einem Krieg: 1947 hatten wir eine ganze Armee von Leuten, die sofort losmarschieren konnte. Heute müssen wir diese Armee erst wieder neu aufbauen, so gut wie wir können, im Kampf gegen Corona."

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