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Bildrechte: pa/dpa/Sven Hoppe

Wie beunruhigend ist die Virus-Mutation, die in Großbritannien bekannt wurde? Und: Schützt der Impfstoff, der heute zugelassen wurde, vor diesem mutierten Virus? Antworten gibt Virologin Ulrike Protzer im Rundschau-Interview.

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Wie gefährlich ist die neue Corona-Mutation, Frau Protzer?

Großbritannien ist immer mehr isoliert, die Bundesregierung in Sorge: Die neue Corona-Variante hat drastische Maßnahmen und besorgte Reaktionen hervorgerufen. Im BR-Interview erklärt die Virologin Ulrike Protzer die Situation.

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Von
  • Florian Haas

BR24: Frau Professor Protzer, wie gefährlich ist denn die neue Corona-Mutation für uns Menschen hier in Deutschland?

Professorin Ulrike Protzer, Professorin am Lehrstuhl für Virologie an der TU München: So ganz genau wissen wir das noch nicht. Also bisher haben wir diese Variante ja hier in Deutschland noch nicht entdeckt, sondern die ist in England aufgetreten. Da scheint sie sich aber relativ schnell zu verbreiten. Und auch in Südafrika hat man bereits erste Viren mit dieser Mutation gesehen. Aber sie scheint zunächst zumindest mal nicht gefährlicher zu sein.

BR24: Und wie sieht es mit der Übertragbarkeit aus? Der britische Premier Johnson sagt, die neue Variante sei bis zu 70 Prozent ansteckender. Ist das denn realistisch?

Ulrike Protzer: Das ist schon realistisch. Bei Viren denkt man eher in Log-Skalen - und 70 Prozent leichter übertragbar würde heißen: Sie bindet schneller an den Rezeptor und kann einfach schneller aufgenommen werden. So sehen die Daten aus. Wie sich das nun wirklich auf die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch ja auswirkt - das ist wirklich noch gar nicht so ganz einfach zu sagen, denn da kommen viele Faktoren dazu.

Jedes Virus kann nur übertragen werden, wenn es wirklich auch Kontakt zwischen Menschen gibt. Wenn ich den Kontakt minimiere, dann kann das Virus - egal wie ansteckend das ist - nicht mehr übertragen werden. Und da spielen jetzt zwei Faktoren mit rein: Zum einen das veränderte Virus. Zum anderen natürlich, dass wir auch Kontaktbeschränkungen haben. Und deswegen ist es so schwer, da eine endgültige Aussage zu treffen.

BR24: Diese neuen Mutationen bedeuten jetzt nicht, dass wir noch vorsichtiger sein müssen als bisher - oder?

Ulrike Protzer: Also beim direkten näheren Kontakt zwischen Menschen können alle diese Viren übertragen werden. Ganz egal, ob es das ursprüngliche Wuhan-Virus ist, ob es die Variante ist, die dann jetzt die ganze Zeit in Europa zirkuliert ist oder auch das neue Virus, wo es Unterschiede machen könnte bei größeren Menschenansammlungen. Da macht es natürlich schon was aus, wenn ein Erreger infektiöser ist, also man eine geringere Dosis braucht, um sich zu infizieren.

Ich nenne ein Beispiel: Sie befinden sich in einem Raum, zum Beispiel in einer Kirche, wo jemand infiziert ist und das Virus ausscheidet. Da macht es dann natürlich was aus, welche Menge von Virus ich aufnehmen muss, um mich selbst zu infizieren. Aber beim Weihnachtsfest im privaten Kreis hat das keinen Einfluss.

BR24: Wie besorgniserregend ist die neue Corona-Variante, was die Wirksamkeit des Impfstoffs betrifft. Müssen wir da Einschränkungen befürchten.

Ulrike Protzer: So wie es im Moment aussieht, nein. Es scheint so zu sein, dass die Impfung ganz genauso gut gegen die neue Variante wirkt. Da gibt es jetzt erste Untersuchungen mit Serien, die das andeuten. Also da haben wir zunächst mal keine großen Bedenken.

BR24: Mehrere Länder, ebenso wie Deutschland haben binnen Stunden den Reise- und Güterverkehr mit Großbritannien gestoppt. Das ist ja auch ein bisher einmaliger Vorgang. War das denn sinnvoll?

Ulrike Protzer: Das war jetzt sicherlich schon eine Reaktion, die erstmal sehr schnell passiert ist, bei der man sich nun zurücklehnt und darüber nachdenkt. Man muss sehen, ob man das aufrechterhält oder ob die Variante nicht vielleicht eh schon in Europa unterwegs ist und man das gar nicht mehr groß beeinflussen kann...

BR24: ...das glaubt auch der Virologe Christian Drosten. Ist das also auch Ihre Sichtweise, dass das neue Virus bei uns schon angekommen ist?

Ulrike Protzer: Ich vermute mal, ja. Wir in Deutschland sequenzieren leider weniger als andere Länder das tun. Das ist vielleicht das, was wir einfach noch verbessern müssen, um diese Varianten auch noch genauer nachverfolgen zu können. Aber ich vermute auch, dass die neue schon längst da ist. Viren kennen einfach keine Grenzen.

BR24: Auf diese Thematik wäre ich ohnehin noch gekommen. In Deutschland würde man vermutlich so, wie Sie es auch beschrieben haben, recht spät erst überhaupt bemerken, wenn neue Varianten zirkulieren.

Ulrike Protzer: Jetzt sind natürlich alle aufgeschreckt. Und jetzt wird natürlich jeder versuchen, möglichst schnell seine Proben, die er aus den letzten zwei, drei Wochen hat, zu sequenzieren. Und dann werden wir das, glaube ich, schon entdecken, ob die neue Virusvariante schon in Deutschland ist oder nicht.

BR24: Ist das etwas, was Großbritannien gut macht in der jetzigen Krise? Dass die eben doch relativ fleißig solche Daten sammeln und dann auch solche Unterschiede am Virus feststellen und auch mitteilen?

Ulrike Protzer: Ich glaube, die machen das schon richtig. Denn die Nachverfolgung - das sogenannte "Foot Trapping" - oder die Fußabdrücke eines Virus sind eben die Sequenzen. Und wenn ich wissen will, von wo nach wo breitet sich ein solches Virus aus - dann muss ich Sequenzierung machen und muss mir das anschauen. Und das ist schon ein bisschen schade, dass wir in Deutschland einfach noch hinterherhinken.

BR24: Noch eine Frage, die natürlich interessiert: Wie kann man sich denn vor der neuen Variante schützen?

Ulrike Protzer: Ganz genau so, wie man sich vor dem Virus bisher auch geschützt hat: Abstand halten, die Hygieneregeln einhalten, sprich also Mund-Nasenschutz tragen, wenn man erkältet ist, auf jeden Fall daheim bleiben, um nicht andere zu gefährden. Und natürlich dann schon auch die Impfung. Wenn wir sie dann mal haben und implementieren können, wird uns das definitiv auch hier weiterhelfen.

Frau Protzer äußerte sich im Gespräch mit B5 aktuell. Zudem war sie heute auch in der Rundschau im BR Fernsehen zu Gast. Das Video sehen Sie oben.

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