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Das Schneechaos in den Alpen sorgt für jede Menge Lawinen
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Autoren

Peter Stenz
Yvonne Maier
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Das Schneechaos in den Alpen sorgt für jede Menge Lawinen

In den letzten Wochen hat es immer wieder heftig geschneit. Im Alpengebiet haben sich Massen von Schnee aufgetürmt. In Alpenraum ist Lawinenstufe 4 von 5 ausgerufen. Stufe 4 bedeutet, dass die Lawinengefahr groß ist, so BR-Lawinenexperte Jan Kerckhoff. Die Lawinen, die abgehen können, sind groß und können ohne Zusatzbelastung von außen - wie zum Beispiel einem Skifahrer - abgehen.

Die europäische Lawinengefahrenskala unterscheidet fünf Gefahrenstufen:

  • Stufe 1 - gering: Die Schneedecke ist allgemein stabil, mit wenigen Ausnahmen an extrem steilen Hängen herrschen sichere Verhältnisse.
  • Stufe 2 - mäßig: Eine Auslösung von Lawinen ist vor allem bei großer Zusatzbelastung etwa durch Skifahrergruppen an Steilhängen mit einer Neigung von mehr als rund 30 Grad möglich.
  • Stufe 3 - erheblich: Eine Auslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung (einzelner Skifahrer, Snowboarder oder Schneeschuhgeher) vor allem an gefährdeten Steilhängen mit nur mäßig verfestigter Schneedecke möglich. Spontan (ohne menschliches Zutun) sind bereits einige auch große Lawinen zu erwarten.
  • Stufe 4 - groß: Eine Auslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung an zahlreichen Steilhängen wahrscheinlich. Spontan können viele große, mehrfach auch sehr große Lawinen abgehen.
  • Stufe 5 - sehr groß: Spontan sind viele sehr große, mehrfach auch extrem große Lawinen selbst in mäßig steilem Gelände unter 30 Grad zu erwarten.

Wann entsteht eine Lawine?

Wann aus Schneemassen Lawinen entstehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die einzelnen Schneeflocken, die vom Himmel fallen, verwandeln durch Reibung oder Wärme ihre filigrane sternenförmige Form und werden kugelig. Sie verbinden sich mit anderen Flocken zu größeren Schneekristallen. Je enger und fester die Flocken miteinander verbunden sind, desto besser und sicherer ist der Schnee und desto weniger Lawinen gibt es.

Temperaturunterschiede machen Schneedecke instabil

Eine Schneedecke ist in unterschiedlichen Schichten aufgebaut. Wenn diese nicht gut miteinander verbunden sind und darüber hinaus instabil sind, dann steigt die Lawinengefahr.

In einer Schneedecke können große Temperaturunterschiede herrschen - zum Beispiel in Bodennähe um Null Grad, an der Oberfläche deutlich kälter. Das hat zur Folge, dass sich ein Teil des Schnees in Wasserdampf umwandelt. Der lagert sich an den kalten, oberflächennahen Schneekörnern an. Daraus bilden sich sehr große Schneekristalle, die sich nicht mehr so gut miteinander verbinden können. Die Schicht wird brüchig und porös. Eine Schwachschicht entsteht. Diese ist besonders gefährlich, wenn sie zwischen zwei stabilen Schichten steckt und dann einbricht. Die oberste Schicht kann so entlang der unteren Altschneeschicht bis ins Tal hinabrutschen - ein Schneebrett entsteht.

Je dicker eine Schwachschicht ist, desto sicherer ist sie, denn sie kann mehr Spannungen und Druck ausgleichen als eine dünne Schicht, die schneller bricht und eine Lawine auslösen kann. Eine weiche Schneeschicht oben stellt auch eine Gefahr dar, denn die Skifahrer sinken tiefer ein und üben einen größeren Druck auf die Schwachschicht aus.

Je nach Aufbau der Schneedecke kommt es zu unterschiedlichen Lawinenarten:

Schneebretter werden häufig selbst ausgelöst

Ein Schneebrett ist die Lawine, die Wintersportler am häufigsten selbst auslösen. Schneebretter können enorme Mengen an Schnee in Bewegung setzen und sind deshalb besonders gefährlich. Dabei löst sich von einer Kante ein Schneebrett und rutscht mit bis zu 80 Stundenkilometern hinab ins Tal. Wer so ein Schneebrett auslöst, wird in der Regel von ihm mitgerissen. Schneebretter können aus lockerem oder nassem Schnee bestehen.

So entsteht eine Schneebrettlawine

So entsteht eine Schneebrettlawine

Staublawine ist die schnellste Lawinenform

Eine Staublawine stürzt mit bis zu 300 Stundenkilometern Geschwindigkeit den Hang hinab und nimmt dabei immer mehr Schnee mit. Dabei wird sie mit Luft verwirbelt und staubt wie eine gigantische Wolke auf. Sie ist zwar eher selten, aber dafür äußerst gefährlich, weil sie gewaltige Luftdruckschwankungen hervorruft. Hinter ihr entsteht ein Sog, vor ihr eine wirbelsturmartige Druckwelle, die auch Fenster zerstören kann oder ganze Hausdächer wegreißt. Bekommt man das Schnee-Luft-Gemisch in die Lunge, kann man daran schnell ersticken.

Die Gleitschneelawine

Bei einer Gleitschneelawine bewegt sich die Schneedecke als Ganzes den Hang entlang. Das passiert, wenn die Hangoberfläche glatt ist, also bei einer Graswiese oder einer Felsplatte. Ins Rutschen gerät die Schneedecke, wenn der unterste Teil feucht oder nass ist. So eine Lawine kann lange Zeit sehr langsam rutschen, bevor sie dann auf einmal abgeht.

Lockerschneelawine ist die ungefährlichste Variante

Bei einer Lockerschneelawine wird die Lawine an einem einzigen Punkt ausgelöst und weitet sich dann nach unten hin birnenförmig aus. Sie kann ebenfalls aus lockerem oder nassem Schnee bestehen. Trockene Lockerschneelawinen lösen sich häufig nach Neuschneefällen. Nasse Lockerschneelawinen entstehen meistens bei Sonneneinstrahlung. Dabei werden die oberen Schneeschichten instabil.

Erhöhte Lawinengefahr bei Hanglage und spröder Schneeschicht

Doch warum verbinden sich manche Schneeschichten besser miteinander und andere schlechter? Wichtigster Faktor ist dabei der Wind, der den frischen Schnee in Überhängen als sogenannten "Triebschnee" verfrachtet. Dabei werden die Schneeflocken zertrümmert - es entsteht unter Umständen eine sehr instabile, spröde Schneeschicht, die bei der kleinsten zusätzlichen Belastung in sich zusammenbricht und den ganzen Hang zum Rutschen bringen kann.

Je schwerer die oberste Schneeschicht, desto höher die Gefahr für ein Schneebrett. Das heißt, wenn es regnet oder viel schneit, kann das Gewicht der Schneedecke selbst eine Schwachschicht zum Zusammensturz bringen und ein Schneebrett auslösen.

Lawinengefahr bei dauerhaft niedrigen Temperaturen und Neuschnee

Eine wichtige Rolle spielt auch die Umgebungstemperatur. Neuschneeschichten verbinden sich bei kalten Wetter nur sehr langsam mit dem alten Schnee. Das erhöht die Lawinengefahr. Wird der Schnee wärmer als Null Grad, steigt kurzfristig die Lawinengefahr - friert es aber kurz danach wieder, stabilisiert sich die Schneedecke schnell wieder. Das bedeutet: Am stabilsten wird eine Schneeschicht auf lange Sicht, wenn sie abwechselnd wärmer und wieder kalt wird.

Lawinengefahr – Wie verhalte ich mich richtig?

Bevor man sich ins Skivergnügen stürzt, sollte man deshalb vorab einiges beachten. Bei der Notfallausrüstung für Touren abseits gesicherter Pisten gibt es ein paar Dinge, die unbedingt mitgenommen werden müssen, zum Beispiel das Lawinen-Verschüttetensuchgerät. Was sollte man beachten? Ein paar Tipps.