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Wenn der Impfstoff da ist: Wer wird zuerst gegen Corona geimpft? | BR24

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Ein deutsches Unternehmen ist bei der Jagd nach dem Impfstoff offenbar vorne mit dabei. Allerdings warnen Experten davor, sich zu früh zu freuen. Das Corona Kabinett in Berlin hat heute schon mal die Impfstrategie besprochen.

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Wenn der Impfstoff da ist: Wer wird zuerst gegen Corona geimpft?

Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres könnte es einen Impfstoff geben. Doch wer wird zuerst geimpft? Wissenschaftliche Regierungsberater haben Vorranggruppen erstellt, um einen zu großen Andrang bei den geringen Mengen an Impfdosen zu verhindern.

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Etwa 200 Unternehmen weltweit arbeiten laut Weltgesundheitsorganisation WHO derzeit an einem Corona-Impfstoff. Zehn von ihnen befinden sich bereits in den wichtigen Phase-3-Tests: Sie umfassen großflächige klinische Tests mit tausenden Probanden, die Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit liefern sollen. Und natürlich geht es auch um die Wirksamkeit des Impfstoffs. Kann all das erfolgreich vorgelegt werden, wird die Zulassung beantragt.

Risikogruppen und medizinisches Personal zuerst

Ein möglicher Impfstoff wird aber nicht gleich in ausreichenden Dosen für die ganze Bevölkerung zur Verfügung stehen. Wer soll ihn also zuerst bekommen? Einen "Run" auf den Impfstoff wollen Politik und Wissenschaft verhindern. Deshalb muss priorisiert werden.

Die Bundesregierung ließ Anfang November bereits durchklingen, dass Risikogruppen und medizinisches Personal zuerst geimpft werden sollen. "Ganz vorn dran sind natürlich Pflegekräfte, Ärzte und auch Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören", so Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Das sind dann allerdings schon recht viele in unserem Land."

Regierungsberater präsentieren Vorschläge

Heute legten wissenschaftliche Regierungsberater - bestehend aus dem Deutschen Ethikrat, der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina und der Ständigen Impfkommission angesiedelt am Robert Koch-Institut - entsprechende Vorschläge für sogenannte Vorranggruppen, die zuerst geimpft werden sollen, in einem gemeinsamen Dokument vor.

Wer gehört zu den Vorranggruppen?

Zu den ersten, die geimpft werden sollen, gehören die sogenannten "Hochrisikogruppen". Es geht dabei um Menschen, die wegen ihres Alters oder anderer Erkrankungen "ein signifikant erhöhtes Risiko" haben, wegen eines schweren Verlaufs von Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert zu werden oder gar zu sterben. Außerdem sollen Personen zuerst geimpft werden, die zum Beispiel in Altenheimen und damit auf besonders engem Raum mit anderen Menschen leben.

Im Gesundheitswesen ist eine weitere Gruppe tätig, die bevorzugt geimpft werden soll. Es handelt sich um solche, "die den an Covid-19 Erkrankten beistehen" und dadurch selbst ein höheres Infektionsrisiko haben. Umgekehrt könnten Ärzte oder Pflegekräfte das Virus in Kliniken und Pflegeheime hineintragen und dort die Patienten anstecken, das heißt Multiplikatoren sein. Auch deshalb wäre eine Impfung wichtig.

Zudem sollen vorrangig Menschen geimpft werden, die eine wichtige Rolle bei der Grundversorgung spielen, das heißt den Staat am Laufen halten. Genannt werden hierbei die Polizei- und Sicherheitsbehörden, die Feuerwehr, Lehrerinnen und Lehrer.

"Wir müssen das so machen, dass am Ende der größte Nutzen für die ganze Bevölkerung dabei herauskommt", so Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die Nationale Impfstrategie soll noch heute vom Corona-Kabinett beschlossen werden.

Dokumentation der Impfungen über Portal des RKI

Demnach ist eine zentrale Dokumentation über ein webbasiertes Datenportal vom Robert Koch-Institut der Impfungen geplant. So möchte die Bundesregierung einen umfassenden und aktuellen Überblick darüber erhalten, welche Bevölkerungsgruppen bereits geimpft sind. Dabei sollen nicht-personenbezogene Angaben wie Alter, Geschlecht, Wohnort und Impfindikation neben Ort und Datum der Impfung und dem Impfstoff-Produkt mit Chargennummer erfasst werden.

Biontech und Pfizer wollen Genehmigung beantragen

In dem Positionspapier wird von sieben möglichen Impfstoffen gesprochen, für die eine EU-Zulassung beantragt werden könnte. Unter ihnen befinden sich auch der des Mainzer Unternehmens Biontech und der von Curevac aus Tübingen. Biontech arbeitet mit dem US-Pharmariesen Pfizer zusammen.

Gemeinsam veröffentlichten sie am 9. November Daten aus den laufenden klinischen Studien: Demnach weist ihr Impfstoff eine Wirksamkeit von 90 Prozent auf, schwere Nebenwirkungen gebe es nicht. Damit wollen sie bereits in der kommenden Woche eine beschleunigte Genehmigung in den USA beantragen. Weltweit nehmen rund 43.500 Menschen an den Phase-3-Studien von Biontech und Pfizer teil.

40 Prozent der Deutschen sind Risikopatienten

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wünscht sich im Politik-Talk von "Bild live" am 8. November eine breite Debatte über die Verteilung der Impfstoffe. Jeder solle darüber diskutieren, wer zuerst den Impfstoff bekommen könnte: Der mit dem höchsten beruflichen Risiko? Jemand aus der Risikogruppe? Oder derjenige, der viel Kontakt zu anderen habe?

Denn die Risikogruppen zu schützen, ist gar nicht so einfach. Bis zu 40 Prozent der deutschen Bevölkerung zählen laut Spahn dazu: 23 Millionen Menschen sind über 60 Jahre, dazu kommen Erkrankte an Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht.

Bund übernimmt Kosten für Impfung

Bei einem Treffen der Gesundheitsminister der Länder und Jens Spahn am 6. November wurde bereits beschlossen, dass der Bund die Impfstoffe besorgt und finanziert, die Länder dafür die Impfzentren einrichten. Dass in Impfzentren geimpft werden soll und nicht etwa beim Hausarzt, hängt unter anderem damit zusammen, dass dort die Impfdosen sachgerecht gelagert werden können.

Außerdem kann in staatlich mandatierten Impfzentren am ehesten sichergestellt werden, dass der Impfstoff auch wirklich zu den Zielgruppen gelangt. Im Übrigen muss am Ende auch hier von Person zu Person beurteilt werden, wer tatsächlich die Impfung zu einem frühen Zeitpunkt bekommt und wer nicht. Es soll auch mobile Impftrupps geben, die etwa zu den Pflegeheimen kommen, um die Menschen dort zu impfen. Die Impfdosen sollen entsprechend der Bevölkerungszahlen an die Länder verteilt werden.

Impfung soll freiwillig sein

Unter den Vorschlägen der Regierungsberater befindet sich nochmal explizit der Hinweis auf eine freiwillige Impfung. Eine generelle Impfpflicht wird ausgeschlossen. Ausnahmen könnte es allenfalls bei Vorliegen schwerwiegender Gründe für eine klar definierte Gruppe von Menschen geben - wie beispielsweise für Mitarbeiter, die in ständigem Kontakt mit Hochrisikopatienten stehen.

Bis Ende des Jahres soll es eine detailliertere Empfehlung der wissenschaftlichen Institutionen, wie Leopoldina und STIKO, geben. Hierzu werden noch Ergebnisse aus den laufenden klinischen Studien zu den Eigenschaften der Impfstoffe abgewartet. Weil es in der Corona-Pandemie ständig neue wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, soll die Impfempfehlung der STIKO "fortlaufend aktualisiert" werden.

Durchimpfung der Bevölkerung wird dauern

Auch, wenn ein Impfstoff immer näher rückt: Die Pandemie wird damit nicht sofort vorüber sein. Zum einen dauert es, bis die Bevölkerung durchgeimpft ist. Schon jetzt gehen Experten davon aus, dass zwei Impfungen für eine wirksame Immunisierung nötig sind. Für die Hälfte der Weltbevölkerung bräuchte es demnach knapp acht Milliarden Impfdosen. Laut Sue Middleton, der Vorsitzenden der Verbandsgruppe Impfungen Europa, liegt die globale Kapazität der Impfdosen allerdings bei momentan nur fünf Milliarden pro Jahr.

Kein Impfstoff wirkt zu 100 Prozent

Zum anderen kann durch einen Impfstoff nicht ausgeschlossen werden, sich trotzdem zu infizieren. Das ist bei anderen Infektionskrankheiten genauso. Kein Impfstoff wirkt zu 100 Prozent. Bei Masern funktioniert das recht gut, da werden 95 Prozent erreicht. Bei der Grippeimpfung liegt die Schutzwirkung bei etwa 60 bis 70 Prozent.

Die US-Zulassungsbehörde FDA hat für einen Corona-Impfstoff einen Schutz von 50 Prozent als Ziel vorgegeben, in der EU gibt es eine solche Empfehlung noch nicht. "Es ist möglich, dass erste Impfstoffe nicht immer verhindern können, dass es zu einer Ansteckung kommt", so Arne Kroidl, leitender Prüfarzt für Corona-Impfstudien am Tropeninstitut des Klinikums der Universität München. "Allerdings ist ein deutlicher Effekt hinsichtlich klinischer Symptome oder schwerer Verläufe zu erwarten, eine verminderte Viruslast würde zudem eine verminderte Infektiosität wahrscheinlich machen."

Impfstoff muss aufgefrischt werden

Weniger schwere Verläufe wären schon ein Erfolg. Aber unklar ist weiterhin, wie lange der Impfschutz anhalten wird. Es wäre nicht ungewöhnlich, dass Impfungen - wie bei der Grippeimpfung auch - immer mal wieder aufgefrischt werden müssten. Zusätzlich offen bleibt die Frage, ob Menschen nach einer Impfung das Virus trotzdem weitergeben können. Das wäre vor allem im Gesundheitswesen schwierig, wenn Mitarbeiter Patienten dann unbewusst anstecken könnten. Daher dauert die Phase 3 normalerweise mehrere Jahre. Im Falle des Coronavirus sind dafür weitere Studien nach Impfstart nötig.

Für eine Herdenimmunität müssten nach Meinung von Experten etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung "durchseucht", also immun, sein - entweder durch einen Impfstoff oder eine durchgemachte Infektion. Dauern wird es in jedem Fall noch.

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Die Vorsitzende des Ethikrates Prof. Alena Buyx erläutert, wie die Priorisierung der Corona-Risikogruppent im Rahmen der geplanten Impfstrategie funktioniert.

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