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Verzweiflung, Sorgen und Ängste nehmen die Lebensfreunde. Wird der Leidensdruck zu groß, kann eine Psychotherapie helfen.

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    Welttag seelische Gesundheit: Hilfen für die Psyche

    Ängste, Zwänge und Depression nehmen die Lebensfreude. Bei Arbeitnehmern steigt die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen. Inzwischen sind sie die zweithäufigste Ursache für eine Krankschreibung. Psychotherapien können der Seele helfen.

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    Von
    • Elke Hardegger

    Wenn man sich mit düsteren Gedanken quält, sich schlecht konzentrieren kann und sich oft niedergeschlagen fühlt, dann leidet man möglicherweise an einer psychischen Erkrankung. Auslöser können Belastungssituationen in der Familie, Beziehung oder Arbeit sein. Viele Menschen verschweigen lieber ihr Leiden aus Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung.

    Der Welttag für seelische Gesundheit will dafür sensibilisieren, dass eine psychische Erkrankung keine Schande ist, sondern behandelbar. Je früher man damit beginnt, desto größer sind die Heilungschancen.

    Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen an zweiter Stelle

    Eine Krankenstands-Analyse der DAK-Krankenkasse zeigt, dass im Jahr 2019 der Anteil der Fehltage von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aufgrund psychischer Erkrankungen einen Höchststand erreichte: Mit rund 260 Fehltagen je 100 Versicherte stieg er um zehn Prozent. An erster Stelle stehen Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 21,2 Prozent. Der Anteil psychischer Erkrankungen stieg auf 17 Prozent, gefolgt von Atemwegserkrankungen wie Husten und Schnupfen mit 14,5 Prozent.

    Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Fehlzeiten-Report 2020 der Krankenversicherung AOK. Auch hier sind Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen mit 11,9 Prozent erstmals an die zweite Stelle gerückt. Seit 2008 sind sie um 67,5 Prozent gestiegen.

    Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Psyche

    Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf unsere seelische Gesundheit? Gerade wenn Existenzängste durch Kurzarbeit oder Jobverlust zunehmen, wenn die Sorge, sich mit dem Virus anzustecken, überhandnimmt, insbesondere die Sorge um Eltern und Großeltern. In Hinblick auf erste Forschungsergebnisse, ob die Corona-Krise psychische Erkrankungen verstärkt, betont die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), dass die Corona-Pandemie sehr wahrscheinlich vor allem psychische Erkrankungen verstärkt, aber auch auslöst, wenn bereits eine psychische Verletzbarkeit besteht.

    Neben Depressionen und Angststörungen, akuten und posttraumatischen Belastungsstörungen können auch Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Zwangsstörungen und Psychosen zunehmen. Noch ist die Studienlage aber nicht ausreichend, um eindeutige Aussagen zu treffen.

    "Je länger Krisen, Konflikte und lebensgefährdende Ereignisse dauern, desto eher sind die psychischen Widerstands- und Regenerationskräfte (Resilienz), überfordert und es kann zu psychischen Erkrankungen kommen." BPtK-Hintergrund, Corona-Pandemie und psychische Erkrankungen

    Mit Psychotherapien die Seele heilen

    Wenn der Leidensdruck zu groß wird, dann kann eine Psychotherapie helfen, quälende Gedanken und seelischen Tiefs zu bewältigen. Eine Psychotherapie bietet einen geschützten Rahmen, um unbewusste Erlebnisse anders zu verarbeiten oder Verhalten neu zu trainieren. Das Angebot an Psychotherapien ist vielfältig, und Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten arbeiten mit ganz unterschiedlichen Methoden.

    Letztlich wissenschaftlich anerkannt und von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden inzwischen vier Therapieverfahren. Alle Methoden haben ihre Stärken und Schwächen. Sie entwickelten sich aus unterschiedlichen Schulen. Doch keine der anerkannten Psychotherapie ist die bessere. Für eine Angststörung wird oftmals eine Verhaltenstherapie empfohlen, denn sie unterstützt den Betroffenen, ein anderes Verhalten zu trainieren. Wenn jedoch die Ursache nicht erkannt wird, dann können sich Symptome auf eine andere Weise wieder zeigen, eventuell durch körperliche Beschwerden. In diesem Fall empfehlen die Experten eine analytische oder eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Eine Psychotherapie ist deshalb immer eine sehr individuelle Entscheidung.

    Systemische Psychotherapie erstmals als Kassenleistung

    Seit 1. Juli 2020 ist die Systemische Psychotherapie als viertes Verfahren anerkannt, das nun über eine gesetzliche Kassenleistung abgerechnet werden kann. Die Systemische Therapie legt ihren Fokus auf die Beziehungen des Patienten. In ihrem Verständnis sind die Interaktionen innerhalb der Familie oder des sozialen Umfelds die Auslöser einer psychischen Erkrankung. Grundannahme ist, dass sie das System aufrechterhalten, aber die Psyche belasten. Deshalb wird in der Systemischen Therapie versucht, systemfördernde Verhaltensweisen, Muster und Bewertungen zu hinterfragen, umzuwandeln und neue Lösungsansätze zu entwickeln.

    Das neue Psychotherapeuten-Gesetz möchte den Zugang erleichtern

    In Deutschland existiert seit 1999 ein Psychotherapeuten-Gesetz, das die Ausübung der Psychotherapeuten als professionalisierte Tätigkeit legitimiert. Zwei entscheidende Reformen sind mittlerweile eingetreten: Eine Strukturreform vor drei Jahren, die den Zugang zu einer ambulanten Psychotherapie verbessern soll, indem Psychotherapeuten Sprechstunden für Erstgespräche anbieten müssen. Außerdem können Therapiesitzungen bei akuten Krisen ohne langes Genehmigungsverfahren durchgeführt werden.

    Neues Psychotherapie-Studium zum Wintersemester 2020/2021

    Am 1. September 2020 kam eine weitere entscheidende Reform hinzu: Die Ausbildung zum Psychotherapeuten bzw. Psychotherapeutin wird vereinheitlicht. Damit soll die Qualifikation der Therapeutinnen und Therapeuten verbessern werden. Eine ambulante Psychotherapie mit anerkannten Verfahren kann dann nur eine Psychotherapeutin bzw. ein Psychotherapeut oder eine ärztliche Psychotherapeutin/Psychotherapeut durchführen. Ein wesentlicher Vorteil für angehende Psychotherapeuten ist, dass die Weiterbildung im Anschluss an das Studium nun vergütet wird.

    Studie soll die neuen Psychotherapie-Richtlinien begleiten

    Eine moderne Ausbildung und eine bessere Versorgung soll zukünftig den Zugang zu einer Psychotherapie wesentlich erleichtern. Ob sich das bewährt, wird in einer Studie vom Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen untersucht. Die Ergebnisse sollen in Vorschläge für die Weiterentwicklung der Psychotherapie-Richtlinie einfließen.

    Damit sich jedoch die Akzeptanz psychisch Kranken gegenüber verändert, sind weitere gesellschaftliche Veränderung notwendig. Der jährliche Welttag zur seelischen Gesundheit möchte mit Aktionen dazu beitragen.

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