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Weltdrogentag: Microdosing - Trend oder Wichtigtuerei? | BR24

© dpa-Bildfunk/Oliver Berg

Cannabis-Pflanzen

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    Weltdrogentag: Microdosing - Trend oder Wichtigtuerei?

    Keine guten Nachrichten zum heutigen Weltdrogentag: Wegen der Corona-Krise steigt der Konsum. Fast 200 Millionen sind Cannabis-Nutzer, die Kokain-Produktion ist auf einem Allzeit-Hoch. Und es gibt angeblich einen neuen Trend: Microdosing.

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    Am Weltdrogentag geht es nicht nur um die Eindämmung von Drogenmissbrauch. Gleichzeitig wird auch der Weltdrogenbericht veröffentlicht, der in Zeiten der Corona-Pandemie ein düsteres Szenario prophezeiht. Und in der Welt der Wissenschaft hat man im Moment besonderes Interesse an Psychedelika und Cannabis, der weltweit am stärksten verbreiteten Droge.

    Fast 200 Millionen Menschen konsumieren Cannabis

    Die am stärksten verbreitete Droge ist dem Bericht zufolge Cannabis. 2018 wurde sie demnach von 192 Millionen Menschen weltweit konsumiert. Die Drogen, die die größten Schäden verursachen, sind weiterhin Opioide wie Heroin oder Fentanyl. Sie werden laut UNODC (das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung) von 58 Millionen Menschen weltweit konsumiert.

    Allgemein rechnen die Vereinten Nationen damit, dass der weltweite Drogenkonsum im Jahr 2020 wegen der Corona-Krise steigen wird – mehr Arbeitslosigkeit, weniger Geld für Präventionsprogramme und zurückgefahrene Drogenbekämpfung seien einige der Gründe für diese Vorhersage. In Afghanistan und im Irak wachse der Markt für Metamphetamine, und die weltweite Kokain-Produktion habe ein neues Allzeithoch erreicht. Alle Regierungen müssten daher nun "größere Solidarität zeigen und Unterstützung leisten, insbesondere Entwicklungsländern, um illegalen Drogenhandel zu bekämpfen", hieß es bei der Vorstellung des Berichts in Wien.

    Verstärktes wissenschaftliches Interesse in Psychedelika

    Eine Gruppe von Substanzen rückt seit einigen Jahren allerdings als medizinischer Hoffnungsträger wieder vermehrt in den Fokus der Wissenschaft: Psychedelika – also Substanzen wie LSD oder Psilocibin, also die psychoaktive Substanz in "Magic Mushrooms". Bereits in den 60er Jahren wurden die Effekte psychedelischer Substanzen in den USA mit großem Interesse erforscht, bis sie 1966 in den USA und 1971 in Deutschland verboten wurden - danach kam die Forschung an psychedelikahaltigen Therapeutika weitgehend zum Erliegen.

    Renaissance von LSD

    Seit etwa 1990 erleben sie eine wissenschaftliche Renaissance. Für internationale Aufmerksamkeit sorgte die Entscheidung der US-amerikanischen Lebens- und Arzneimittelbehörde (Food and Drug Administration, FDA) im Jahr 2017, das Verfahren für die Erforschung dieser Substanzen in Zusammenhang mit der Therapie von posttraumatischer Belastungsstörung und schwerer Depression zu beschleunigen – das heißt: die Forschung muss zwar noch genauso akribisch und sorgfältig erfolgen wie sonst, darf aber bei bürokratischen Prozessen auf die "Überholspur". Auch in Deutschland ist eine Studie in Vorbereitung, vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim zusammen mit der Charité Berlin.

    Erleuchtung, Schmerzmittel, Kreativität - Was können Psychedelika wirklich?

    Eine Behauptung, die zur Zeit in Zusammenhang mit Psychedelika oft aufgestellt wird, ist ein angeblicher "Microdosing"-Trend. Soll heißen: Eine sehr, sehr geringe Dosis einer psychoaktiven Substanz wird eingenommen und soll sehr subtile, kaum spürbare, aber doch wirkungsvolle Effekte auf Denken, Kreativität und Arbeitsleistung haben. Unter Programmierern, Managern und Graphikern vor allem im Silicon Valley soll Microdosing ein Trend sein – auch wenn sich nur wenig tatsächlich nachprüfbare Erfahrungsberichte finden lassen. Das Ziel von Microdosing ist, die Dosis so gering zu halten, dass die realitätsverschiebenden Effekte der psychoaktiven Substanzen nicht auftreten, sondern nur mehr, schneller, kreativer oder mit mehr Spaß gearbeitet werden kann – mithilfe etwa eines Zehntels der "üblichen" Dosis, bei der man high wird.

    Microdosing: "Kaffee wirksamer" als LSD in winziger Dosierung

    Prof. Torsten Passie von der Medizinischen Hochschule Hannover bezweifelt die tatsächliche Wirksamkeit dieses Microdosings. "LSD ist eine der besterforschten Substanzen der Welt, es gibt über zehntausend Publikationen dazu. Und hunderte Studien haben gezeigt, dass so geringe Dosen, also unter 20 Mikrogramm LSD, gar nichts bringen. Da ist Kaffee wirksamer", meint der Psychiater, der als deutschlandweiter Experte auf dem Gebiet der Wirkung von psychedelischen Substanzen gilt.

    Den "Trend" zum Microdosing kann er sich nur so erklären: Entweder es werden doch höhere Dosen eingenommen als behauptet, damit "Distraktionen", also störende Effekte eintreten, oder der Placeboeffekt gaukelt den Konsumenten mehr vor als da wirklich ist. Nicht zuletzt könne es auch eine Art Wichtigtuerei sein – man fühle sich "cool dabei", etwas Verbotenes zu tun – auch wenn es eigentlich keine Wirkung hat. Allerdings hätten Untersuchungen gezeigt, dass Langzeit-Microdoser sich zunehmend eher schlechter als besser fühlten.

    Hochschulgruppe sammelt Forschungsergebnisse zu Psychedelika

    Seit einigen Jahren gibt es sogar eine hochschulübergreifende Studierendengruppe, die internationale Forschungsergebnisse zu Psychedelika sammelt, Kongresse, Ausstellungen und Vorträge organisiert. Die Hochschulgruppe für interdisziplinäre psychedelische Forschung Marburg-Mainz (HIPF) wird von der Hochschule offiziell unterstützt und ist inzwischen ein eingetragener Verein, der ideologiefrei zum Thema informieren will. Im Magazin "Lucy’s Rausch – das Magazin für psychoaktive Kultur" diskutieren die Mitglieder aktuelle Forschungsergebnisse und Heilsversprechen zum Thema Psychedelika.

    HIPF-Mitbegründer Linus Naumann fasst in einem Artikel beispielsweise eine Studie zusammen, in der depressive Patienten mithilfe psilocybingestützter Psychotherapie behandelt wurden: Neun von 20 wurden für mindestens sechs Wochen von ihren depressiven Symptomen befreit – und zwar diejenigen, die eine "mystische Erfahrung" während der Sitzung hatten. "Ein Gefühl der Einheit mit allen Dingen, eine Auflösung von Raum und Zeit, ein Gefühl von Wunder gegenüber der Welt und bedeutsame persönliche psychologische oder philosophische Einsichten", erklärt Linus Naumann.

    Bei den anderen Probanden blieb die Wirkung schwächer. In einem weiteren Artikel wird eine Studie mit Zebrafischen und Fruchtfliegen beschrieben, in der gezeigt werden konnte, dass Psychedelika das Wachstum von Nerven im Gehirn beeinflussen könnten: Alle Substanzen erhöhten die Anzahl der Verzweigungen an den Nervenzellen sowie die Dichte an funktionalen Synapsen. "Die Renaissance der Forschung an psychedelischen Substanzen in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen hat neu begonnen", ist sich Linus Naumann sicher.

    Nicht für jeden was, nicht für jeden Tag

    "Psychedelika sind nicht für jeden was – und auf jeden Fall nicht was für jeden Tag", meint Susanna (Name geändert). Sie hat vor gut 25 Jahren das erste Mal mit psychoaktiven Substanzen experimentiert und geht heute ein paar Mal pro Jahr auf einen Magic-Mushroom-Trip. "Set und Setting sind die zwei wichtigsten Dinge, die man unbedingt vorher für sich klären muss", meint sie – also den persönlichen Gemütszustand und die Umgebung, die Menschen, die einen während eines Trips begleiten. Und der kann dauern – fünf bis zehn Stunden lang.

    Für Susanna kommen "Magic Mushrooms" deswegen nur wenige Male im Jahr in Frage, eine Partydroge sei das darin enthaltene Psilocibin auf keinen Fall. Fachleute gehen deshalb auch davon aus, dass man von Psychedelika nicht süchtig werden kann wie von Opiaten oder Kokain. "Es können währenddessen eben auch komplizierte soziale Situationen wieder hochkommen, man sieht vielleicht, welchen Anteil man selbst an einem Streit hatte, beginnt, auch bei sich selbst zu suchen, und das ist nicht immer angenehm", erzählt Susanna. Aber ihr haben die Erfahrungen über die Jahre eine besseren Umgang mit verschiedenen Angst- und Zwangszuständen ermöglicht, einen positiveren Alltag.

    "Es durchbricht zuverlässig das bisherige Denken, fördert Mitgefühl, zeigt einem Schönheit, Wege, die man sonst vielleicht nicht gegangen wäre, erweitert die Phantasie." Pilznutzerin Susanna

    Aber es überdeckt auch nichts Negatives, was in einem schlummert, und so könne es auch zu angsterfüllten Erfahrungen kommen, die man so schnell nicht wieder haben will. Sie hat außerdem noch eine andere Art gefunden, ähnlich positive, persönlichkeitsverändernde Gefühle zu erleben: Tanzen. "Unvergleichlich mit allem, wie eine Meditation", schwärmt sie. Auch Linus Naumann weiß aus seinen Recherchen in den Psychedelika-Studien: Es wurden in der wissenschaftlichen Literatur viele Wege beschrieben, die das Erreichen ähnlich positiver Trancezustände wie durch Psychedelika ermöglichen, durch Fasten, Meditation oder eben Tanz beispielsweise.

    Hoffnung und Geduld bei der Entwicklung neuer Therapien

    Ein kontrolliertes Umfeld – was die zu benutzende Substanz angeht, aber auch die Ausbildung des therapeutischen Personals - sei essenziell, um eine heilsame Erfahrung während einer Psychedelika-gestützten Therapie ermöglichen zu können, weiß Prof. Torsten Passie. Bis die Erkenntnisse der Psychedelika-Grundlagenforschung tatsächlich in Medikamente oder Therapien mündet, wird es seiner Ansicht nach aber noch mindestens zwei bis drei Jahre dauern. Neben den notwendigen klinischen Studien seien vor allem noch ideologische Hürden zu nehmen. "Aber die Marktzulassung von MDMA kommt bestimmt, die von Psilocibin vielleicht", schätzt er.

    Kein Wundermittel in Sicht

    Allerdings warnt er davor, auf ein neues Wundermittel zu hoffen: "In den letzten 35 Jahren haben wir riesige Fortschritte in der Neurobiologie gemacht, bei den Diagnoseinstrumenten und den Erkenntnissen über das Gehirn. Aber im Bereich der psychischen Erkrankungen sind trotzdem in den letzten zehn Jahren kaum neue Psychopharmaka und keine neuen Therapien entstanden. Auch bei den Psychedelika wird keine Substanz dabei sein, die einen Menschen auf Knopfdruck gesund macht. Ohne Langzeitbegleitung geht es nicht."

    Der Wissenschaftler Passie spricht sich im Fall von schweren Depressionen beispielsweise für eine zehn-wöchige stationäre Behandlung aus, bei der die Sitzungen von intensiven Gesprächen begleitet werden und in ein geschütztes Umfeld eingebettet sind. In recht naher Zukunft könnte allerdings ein LSD-Abkömmling auf den Markt kommen, das sogenannte 2-Bromo-LSD. Es ist eine LSD-Form, die keine Halluzinationen hervorruft, sondern nur bestimmte neurologische Prozesse beeinflusst – und sich als äußerst wirksam gegen sogenannte Cluster-Kopfschmerzen erwiesen hat.

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