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Polio: Kinderlähmung ist immer noch nicht ausgerottet | BR24

© dpa-Bildfunk/Carsten Rehder

Am 24. Oktober ist der Welt-Polio-Tag

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Polio: Kinderlähmung ist immer noch nicht ausgerottet

Seit vielen Jahren gab es in Deutschland keinen Fall von Kinderlähmung mehr. Doch die Impfung dagegen ist nach wie vor wichtig. Im Ausland besteht weiterhin Gefahr, sich mit Polio zu infizieren. Das Virus ist nämlich immer noch nicht ausgerottet.

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In Deutschland werden zu wenige Kinder gegen Polio geimpft. Zwar scheint der Abwärtstrend zu stagnieren, trotzdem sind es für einen Schutz der Bevölkerung immer noch zu wenig. 2018 lag die Impfquote beim Schulstart bundesweit bei 92,8, so die jüngsten Daten des Robert Koch-Instituts (RKI), 2017 bei 92,9 Prozent. 2016 waren noch 93,9 Prozent der Schuleinsteiger gegen Kinderlähmung geimpft. Bei einem durchschnittlichen Geburtsjahrgang in Deutschland von rund 700.000 Kindern sind 7,2 Prozent, die 2018 nicht geimpft wurden, über 50.000 Kinder, die nicht gegen Polio geschützt sind. Damit ein ausreichender Schutz für die Bevölkerung gewährleistet ist, ist eine Impfquote von mindestens 95 Prozent nötig, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Solange ein einzelnes Kind infiziert ist, bestehe für Kinder weltweit die Gefahr einer Ansteckung.

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Was bedeutet eine zu niedrige Impfrate?

Die heutige Elterngeneration kenne die dramatischen Auswirkungen der Kinderlähmung nicht mehr aus eigener Anschauung. Deshalb stünden sie einer Polio-Impfung womöglich gleichgültig gegenüber, sagte Rudi Tarneden, Sprecher des Kinderhilfswerks Unicef 2019. Dass die Erkrankung hierzulande seit Jahren keine Rolle mehr spiele, wiege die Menschen in falscher Sicherheit. Hinzu komme, dass auch in Deutschland Fehlinformationen über das Impfen verbreitet würden und bei Eltern Ängste und Impfskepsis forcierten.

Kinderlähmung - eine tückische Krankheit

Jahrhundertelang war die Poliomyelitis, besser bekannt als Kinderlähmung oder Polio, eine in Europa weit verbreitete Krankheit, die bis heute nicht heilbar ist. Bei den Epidemien 1953 und 1954 gab es in Deutschland Tausende Polio-Fälle mit fast 10.000 Toten. Am häufigsten traf es Kinder und Jugendliche. Wer erkrankte, erlitt Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen sowie der Atmung bis hin zum Ersticken.

"Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam"

Die seit 1957 verfügbare Spritzimpfung wurde von der bundesdeutschen Bevölkerung kaum angenommen. Am 5. Februar 1962 führte der Freistaat als erstes Bundesland eine flächendeckende Schluckimpfung mit Lebend-Impfstoff durch. Der damalige Innenminister Alfons Goppel trank mit den Worten "Der Trunk schmeckt gut" das Zuckerwasser mit den Erregern. Nach der Kampagne gingen die Erkrankungszahlen deutlich zurück.

© BR

Am 05.02.1962 nahm Bayern als erstes Bundesland den Kampf gegen die Kinderlähmung auf - eine absolute Erfolgsgeschichte. Heute gilt die Krankheit weltweit so gut wie ausgerottet.

Wie wird Kinderlähmung übertragen?

Das Poliovirus wird hauptsächlich fäkal-oral übertragen. Schon kurz nach Infek­tions­be­ginn kommt es zu massiver Virusreproduktion im Darm, sodass infektiöse Viren via Darm ausgeschieden werden. Auch im Rachen kann sich das Virus vermehren und über den Luftweg verbreitet werden. Schlechte hygienische Verhältnisse begünstigen die Ausbreitung von Poliovirus-Infektionen.

Wie verläuft Kinderlähmung?

In den allermeisten Fällen verläuft die Krankheit ohne Symptome. Vier bis acht Prozent haben leichte Beschwerden wie Fieber, Schnupfen, Darmentzündung und Abgeschlagenheit. Dazu können Nackensteife, Rückenschmerzen und Muskelkrämpfe kommen. Ist auch das Zentralnervensystem von der Infektion betroffen, entwickeln sich die gefürchteten Lähmungen. Dies ist bei circa einem Prozent der Infizierten der Fall.

Spätfolge Post-Polio-Syndrom

Eine tückische Spätfolge der Krankheit ist das sogenannte Post-Polio-Syndrom. Diese trifft Jahre bis Jahrzehnte nach der ersten Erkrankung 25 Prozent der Patienten. Sie ist gekennzeichnet durch Muskelschwäche und Muskelschwund. Die Betroffenen leiden oft unter Schmerzen in Muskeln und Gelenken, Müdigkeit, vermehrtem Frieren und Nervenschmerzen. In Deutschland leben rund 30.000 Menschen im Erwachsenenalter, die unter den Folgen einer Kinderlähmung leiden.

Keine Schluckimpfung mehr

Die Polio-Impfung ist heute Teil der Kombinationsimpfungen für Kleinkinder. Einen kompletten Schutz vor Kinderlähmung gibt es durch vier Impfdosen, die innerhalb der ersten zwei Lebensjahre in Kombination mit anderen Schutzimpfungen erfolgen sollten. Im Alter von 9 bis 17 Jahren sollte die Polio-Impfung dann noch einmal aufgefrischt werden. Danach wird sie nur noch bei Reisen in Risiko-Länder empfohlen. Erwachsene sollten ihren Impfstatus überprüfen lassen.

In Deutschland wird heute mit einem inaktiven Stoff gegen Polio geimpft, der gespritzt wird. Die früher übliche Schluckimpfung mit einem Lebendimpfstoff gibt es hierzulande nicht mehr. So werden auch die sehr seltenen Krankheitsausbrüche durch einen Lebendimpfstoff verhindert. Die Kombinations­impfstoffe sind gut verträglich.

© dpa-Bildfunk/Hasnain Ali

Ein kleines Mädchen hat Kinderlähmung

Zwei von drei Virustypen der Polio sind ausgerottet

Seit 1992 ist in Deutschland keine Polio-Infektion mehr aufgetreten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich zum Ziel gesetzt, dass die ganze Welt poliofrei wird. Ursprünglich wollte sie die Kinderlähmung 2016 auf die Liste der weltweit ausgerotteten Krankheiten setzen. Das gelang aber nur mit zwei der drei Virentypen, die wild zirkulieren: Der letzte Polio-Typ-3-Fall trat 2012 in Nigeria auf. Seit dem 24. Oktober 2019 gilt Polio-Typ-3 als ausgerottet, wie die WHO 2019 bekanntgab. Der letzte Polio-Typ-2-Fall wurde 1999 in Indien registriert. Polio-Typ-2 gilt seit 2015 als ausgerottet. An Polio sind allerdings drei verschiedene Viren beteiligt. Ein Typ ist noch aktiv.

Einige Risikoländer sind nicht poliofrei

In Nord- und Südamerika gibt es seit 1994 keine Kinderlähmung mehr, im westpazifischen Raum seit dem Jahr 2000 und im europäischen Raum seit 2002, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In einigen wenigen Ländern kommt Polio aber immer noch vor, sodass die Infektion wieder eingeschleppt werden kann - sei es durch Reisen, Migration oder Flucht. Je mehr Menschen in Deutschland nicht geimpft sind, desto bessere Chancen hat die Krankheit.

Pakistan und Afghanistan sind betroffen

Der Polio-Wildviren Typ 1 kursiert noch in zwei Ländern - Pakistan und Afghanistan, so das RKI. In diesem Jahr wurden in Pakistan bisher 64 Fälle mit dem Wildtyp bestätigt, im Nachbarland Afghanistan 37. Die Corona-Pandemie habe den Kampf gegen Polio erschwert, sagt der Epidemiologe Rana Safdar. Er leitet Pakistans Bemühungen zur Ausrottung der Kinderlähmung. "Wieder mussten wir unsere Impfung von Tür zu Tür unterbrechen." Dadurch fehlte Millionen von Kindern die wichtige Schutzimpfung, die mehrfach verabreicht werden muss, ehe der Körper Immunität entwickelt. Nach Monaten der Unterbrechung wird in dem Land nun wieder geimpft.

Pakistan und Afghanistan arbeiten im Kampf gegen Polio zusammen. Die große Mobilität der Bevölkerung und saisonale Migration seien dabei eine große Herausforderung. "Wir haben bedeutende Fortschritte bei der Bekämpfung der Krankheit erzielt, konnten aber leider keine Polioausrottung im Land erreichen", sagte Safdar.

Krisen und Impfgegner behindern die Impfaktionen

Kriege, Krisen und nun auch Corona machen die Hoffnung zunichte, auch den letzten Virustyp endgültig auszurotten. Nach Angaben von Unicef müssen jedes Jahr allein 450 Millionen Kinder in Risiko-Ländern gegen Polio immunisiert werden, was oft nicht gelänge, weil es zu viel Armut, mangelnde Strukturen im Gesundheitswesen und eine unzureichende Sicherheitslage gäbe. Außerdem behindern Impfgegner und Attacken auf Impfhelfer die Impfkampagnen. Auch Rana Safdar bereitet die Sicherheitslage in der Grenzregion und die Bedrohung durch islamistische Terrorgruppen Sorgen. Im vergangenen Jahr führte eine landesweite Kampagne gegen die Impfungen durch religiöse Extremisten in Pakistan zu Rückschritten. Grund war ein Fake-Video, das angebliche Schäden durch Impfungen propagierte. Auch in Teilen Afghanistans gibt es Vorbehalte. Safdar setzt bei seiner Initiative auf die Hilfe von einflussreichen Leuten vor Ort wie Ärzten, Stammesältesten und Journalisten, die neutral für Impfungen werben. Trotz massiver Aufklärungsarbeit ist es immer noch gefährlich für die rund 275.000 Helferinnen und Helfer. Impfkampagnen werden von gewaltsamen Zwischenfällen überschattet, mehr als 80 Mitarbeiter seien in den letzten acht Jahren getötet worden, sagt Safdar.

© BR

Erfolgsgeschichte Impfung - Pocken, Polio und Diphterie

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